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24.8.2009 | Von:
Svenja Goltermann

Kriegsheimkehrer in der west-deutschen Gesellschaft

Angstgesellschaft

Einen Zugang zu diesem eher verdeckten Umgang mit den mörderischen Ereignissen der Vergangenheit bieten psychiatrische Krankenakten, von denen mir mehr als 600 aus der Zeit zwischen 1945 und 1960 vorliegen. Die meisten von ihnen stammen von Männern, die zu irgendeinem Zeitpunkt des Krieges Soldaten gewesen waren. Das Spektrum ihrer Leiden war breit; meist kamen sie auf Anraten eines Arztes, der an die Grenzen seiner diagnostischen und therapeutischen Fähigkeiten gestoßen war, oder sie folgten dem Druck von Familienangehörigen, die mit den Verhaltensweisen der Heimgekehrten nicht zurecht kamen. Ihre Angehörigen beschrieben sie als außergewöhnlich zurückgezogen und unzugänglich, aber auch als nervös und gereizt, als ängstlich und misstrauisch. Von psychischen Leiden infolge des Krieges ging dabei kaum jemand aus, am allerwenigsten die Psychiater. Entsprechend der vorherrschenden Lehrmeinung schlossen sie einen solchen Zusammenhang aus. Gezielte Fragen nach den Erlebnissen während des Krieges stellten die Psychiater nicht.

Die im Leben der Kriegsheimkehrer bedrückende und irritierende Allgegenwart des Todes zeigt sich in schriftlichen Zeugnissen der Patienten, schlug sich aber auch in kurzen Erzählsequenzen nieder, die in den Aufzeichnungen der Gespräche festgehalten sind. Die sinnliche Präsenz der Toten nahm Gestalt an in der Traumwelt der Nacht, schließlich brach das Wissen um die Toten auch in Wahnvorstellungen und Halluzinationen hervor. Wie Träume reproduzieren diese zwar keine reale Wiedergabe erlebter Ereignisse und sind daher dem Bereich der Fiktionen zuzuordnen. Gleichwohl aber sind sie als historische Quelle lesbar. Denn sie sind Bestandteil der wahrgenommenen Gewalt und ähneln insofern "psychischen Innenaufnahmen", wie Reinhart Koselleck im Hinblick auf die Träume des "Dritten Reiches" argumentiert hat.[13]

Zweifellos waren es nicht nur Angstzustände, in denen sich die Erfahrung des Massentodes niederschlug. In den ersten vier Jahren nach dem Krieg waren diese, verglichen mit der darauf folgenden Zeit, jedoch von auffallender Häufigkeit. Dass Angstzustände in psychiatrischen Krankenakten zu finden sind, ist nicht verwunderlich. Immerhin können sie ein wichtiges Symptom für spezifische Krankheitsbilder sein, etwa für Verfolgungsangst oder Schizophrenie. Dennoch ist die Annahme falsch, dass Äußerungen der Angst, die im Kontext dieser Quellen auftreten, auf nichts anderes verwiesen als auf den Krankheitszustand selbst. Sogar im Falle einer diagnostizierten Schizophrenie, die Schübe angstdurchzogener Wahnvorstellungen zeitigte, legen diese Spuren zeitspezifische Ängste frei, die auf den Erfahrungshorizont verweisen, in deren Gefolge sie entstanden. In den hier vorliegenden Fällen umspannte dieser Erfahrungshorizont die Lebenswirklichkeit und Vorstellungswelt des Nationalsozialismus und des Krieges. Das heißt nicht, dass die in den Akten auftauchenden Angstsequenzen immer eindeutig an Erlebnisse aus dem Krieg zurückgebunden werden könnten; meist ist das nicht möglich. Als "Konservatoren der Erinnerung"[14] erzählen die in der Nachkriegszeit artikulierten Ängste jedoch immer etwas über die Vergangenheit. Doch erst wenn man die jeweiligen Fälle näher und in der historischen Konstellation, in der sie zum Ausdruck kommen, untersucht, wird die Vielschichtigkeit an zirkulierenden Angstzuständen in der Nachkriegszeit deutlich.

So lassen sich die artikulierten Ängste in der Nachkriegszeit in vielen Fällen als Sprachraum der eigenen Todesangst während des vergangenen Krieges lesen. "Der Krieg... Du weißt das doch... im Krieg... ich kann das nicht mehr tragen", hatte etwa Alfred S. im Sommer 1949 im Schlaf geschrien, wie seine Schwester dem Arzt berichtete. Sie erzählte auch von den jüngsten Verhaltensauffälligkeiten ihres Bruders, der seit einer Woche "durcheinander" rede, zwischendurch sei er aber wieder klar gewesen. Ihr Bruder habe behauptet, "er sei Todeskandidat, er müsse sterben". In diesen Tagen sprach er oft vom Krieg. Er zeigte dabei, so seine Schwester, eine "immer stärker werdende unbestimmte Angst".[15] Von Vorkommnissen wie diesen wird während der frühen Nachkriegsjahre häufig berichtet. In einer ganzen Reihe von Fällen geben Sprachfetzen und bruchstückhaft überlieferte Traumbilder zu erkennen, dass die einstige Bedrohung durch den Kriegstod die ehemaligen Soldaten in der Gegenwart weiterhin verfolgte. Mit dem Leben waren sie davon gekommen. Doch die wahrgenommene Nähe des Todes ließ sich nicht abschütteln.

Oft waren die Ängste auch diffus und ihre Hintergründe nur schwer zu entziffern. Häufig scheint es der Fall gewesen zu sein, dass sich Elemente aus der Kriegs- und Nachkriegszeit in imaginierten Szenarien der Angst vermischten. Der Fall von Rolf S. zeigt das beispielhaft.[16] Seine plötzlich zutage tretenden Ängste erwecken den Eindruck, als seien sie ein verzerrter Widerhall verschiedener Empfindungslagen aus der Kriegs- und Nachkriegszeit. Drei Jahre nach Kriegsende - der Einsatz des Soldaten an der Ostfront lag bereits über fünf Jahre zurück - hatte es begonnen. Er fragte: "Sind die Russen schon da?" Rolf S. fühlte sich, wie seine Eltern richtig beobachteten, verfolgt. Er müsse für seine Angehörigen kämpfen, habe er wiederholt gesagt, und einmal sogar geschrien: "Gebt uns Eier, dann können wir für Euch kämpfen." Eine gewaltige Angst um die Angehörigen hatte ihn ergriffen. Oft habe er davon gesprochen, "dass er sich aufhängen müsste, dass seine Angehörigen nicht mitleiden müssten". Wiederholt hörten die Eltern ihren Sohn sagen: "Ich muss kämpfen, ich muss kämpfen." In anderen Momenten wiederum beobachteten sie, wie Geräusche vorbeifahrender Züge oder Autos ihn hochschrecken ließen. Rolf S. "fuhr (dann) in die Höhe und blickte immer zum Fenster hinaus". Er hatte die Befürchtung, erklärte er ihnen, "dass ihn die Russen abholten".

Auch bei den psychiatrisch behandelten Fällen wird man Verfolgungsangst nicht nur unter dem Blickwinkel eines Krankheitssymptoms betrachten können. Die Angst, verfolgt, bespitzelt, denunziert oder abgeholt zu werden, ergriff nicht nur Einzelne, und es lassen sich hinreichend Fälle auffinden, die diesen Ängsten und jeder Art von Gerücht einen realen Kern gaben.[17] In den hier betrachteten Fällen ist jedoch besonders auffällig, wie sehr die Präsenz der Alliierten die Verfolgungsangst nährte. Oftmals artikulierte sie sich, wie bei Rolf S., als Angst "vor den Russen". Auch Günter B. erzählte eines Tages seiner Frau von seiner Sorge, "in die russ(ische) Zone abtransportiert" zu werden, weshalb er "am Fenster gestanden u(nd) alle Autos, die vorbeifuhren aufgeschrieben" habe.[18] Es war die Gegenwart der Besatzer, die Ängste auslöste oder verstärkte. Allerdings ist bei den hier betrachteten Fällen eine gewichtige Besonderheit zu erkennen: In der panischen Furcht, vor den Siegermächten letztlich nichts verbergen zu können, und geleitet von dem Empfinden, bei Wahrung des eigenen Geheimnisses von diesen unverhältnismäßig hart für die NS-Verbrechen zur Verantwortung gezogen zu werden, lieferte sich mancher schließlich freiwillig den amerikanischen oder britischen Behörden aus.[19] Den russischen Besatzern stellte sich niemand.

Das Wissen über die im Osten begangenen Verbrechen war, so scheint es, groß genug, um die Bestrafung durch die Russen weit mehr zu fürchten als jede Ahndung der Taten seitens der Westalliierten. Diese Vermutung drängt sich im Fall von Herbert I. geradezu auf, der die unterschiedliche Sanktionsbereitschaft der Westmächte im Blick hatte.[20] Wie bei den allermeisten, deren Verfolgungsängste sich auf die Besatzer bezogen, artikulierten sich diese auch bei Herbert I. im Zuge seines Entnazifizierungsverfahrens. "Konflikt bei Ausfüllung des Fragebogens", hatte der Arzt in der Krankenakte unter der Rubrik "Jetzige Erkrankung" festgehalten, in der er über seinen Patienten notierte: "Angst vor Auslieferung an die Russen. Pat. reiste vom amerikanisch ins englisch besetzte Gebiet, stellt sich freiwillig dem Secret Service, dort nach Ausfragen freigelassen. Mit dem Taschenmesser Suizidversuch." Herbert I., der ein Jahr nach dem Kriegsende wieder eine Pfarrstelle bekleidete und mit Frau und Kind zusammenlebte, hatte keinen Ausweg mehr gesehen. Die Reaktion der Engländer hatte ihm die Furcht vor einer Auslieferung nicht genommen. Immer noch drückte ihn, wie er es gegenüber dem Arzt formulierte, eine "ganz erbärmliche Angst".

Tatsächlich erwies sich anders, als viele Darstellungen über die Entnazifizierung vermuten lassen, die konkrete Anforderung des Entnazifizierungsverfahrens in sehr vielen Fällen als hinreichend, derart jähe Ängste hervorzurufen, dass der äußere Anschein inneren Halts erkennbar einbrechen konnte. Nicht nur für die ehemalige NS-Elite war die Einlieferung in ein Internierungslager ein Schock;[21] selbst in Fällen, in denen scheinbar keine ernsthafte persönliche Belastung durch die Verbrechen des NS-Systems vorlag, erschien nach der einstigen Loyalität zu "Führer" und "Reich" die Zukunft als beängstigend und die Wirklichkeit als ausweglos.[22]

Zweifellos mag dazu beigetragen haben, dass eine geordnete Berufsausübung bis zum Abschluss des Entnazifizierungsverfahrens nicht möglich war. Die hohe personelle Kontinuität in fast allen Berufen täuscht über die lebensgeschichtliche Bedeutung dieses Einschnitts hinweg. Berufliche Perspektivlosigkeit, finanzielle Nöte und schmerzliche soziale Deklassierungserfahrungen waren die Realität eines großen Teils der westdeutschen Bevölkerung. Diese Dinge sind hier insofern von Belang, als in dem Schrecken über den materiellen Verlust und in der Erschütterung über die soziale Misere, die wesentlich mit den Entnazifizierungsverfahren verknüpft zu sein schienen, der Krieg und die begangenen Verbrechen immer wieder nachhallten. Rückblenden waren geradezu unvermeidlich, das lässt sich anhand von zahlreichen Beispielen aus den Krankenakten belegen. So manche Erinnerung an Ereignisse und Handlungen während des Krieges wurde dabei durch die Wahrnehmung, den Besatzern schutzlos ausgeliefert zu sein, im Nachhinein beängstigend.

In der bedrohlich erscheinenden Situation der Nachkriegszeit konnten sich Ängste verselbständigen. Unter Umständen brachen sich nun Kriegsängste, rückprojizierte Ängste, banges Erschrecken über die Verbrechen, für die man zur Verantwortung gezogen werden sollte, und diffuse Lebensängste Bahn. Sie alle hallten jedoch nur wie in einem Echo in dem allgemeinen Angstzustand wider, der wie in einer Unterströmung von dem Wissen um die zahllosen Toten begleitet war.

Im Fall von Gustav N., der 1939 der Deutschen Arbeitsfront (DAF) beigetreten und nur kurze Zeit beim Volkssturm Soldat gewesen war, kann man das beobachten:[23] Sofort nach der totalen Niederlage verübte er aus Angst davor, für die Verbrechen des Nationalsozialismus zur Rechenschaft gezogen zu werden, einen Suizidversuch. Auch zwei Jahre später noch verfolgten ihn, nachdem er aus dem Internierungslager entlassen worden war, starke "innere Angst und Unruhe". Die Furcht vor weiterer Strafe trieb ihn um. Im Gespräch mit dem Psychiater stammelte er nur, doch wurde deutlich, wie sehr ihn das Wissen quälte, durch seine Stellungnahmen und Zeugenaussagen anderen "wehe getan" zu haben. Seine Erzählungen brachten aber auch weitere Verängstigungen zum Vorschein. Vor allem ein Ereignis aus dem Krieg hing ihm nach: seine eigene Flucht, als die Russen "im Anmarsch" waren. Todesangst hatte ihn befallen. Doch es war nicht nur die Nähe des eigenen Todes, die ihm noch immer vor Augen stand. Denn er hatte damals andere über seine eigene Panik hinweggetäuscht und lauthals zu Durchhaltevermögen und Standhaftigkeit aufgefordert. Es waren die Gesichter der anderen Menschen, die er zurückgelassen hatte, und von denen er annehmen musste, dass dies für viele den Tod bedeutet hatte, die ihn nun in seiner Erinnerung quälten.

Fußnoten

13.
Vgl. Reinhart Koselleck, Terror und Traum. Methodologische Anmerkungen zu Zeiterfahrungen im Dritten Reich, in: ders., Vergangene Zukunft, Frankfurt/M. 1989, S. 287.
14.
Vgl. Aleida Assmann, Erinnerungsräume. Formen und Wandel des kulturellen Gedächtnisses, München 1999.
15.
Vgl. Hauptarchiv der von Bodelschwinghschen Anstalten Bielefeld (HBAB), Psychiatrieakten, Bestand Morija, 5054.
16.
Vgl. ebd., 4560.
17.
Beispiele: Anonyma, Eine Frau in Berlin. Tagebuchaufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945, Frankfurt/M. 2003, S. 212; Carl Schüddekopf, Im Kessel. Erzählungen von Stalingrad, München 2002 (Beispiel: Jakob Vogt), S. 232 - 285, bes.S. 282.
18.
Vgl. HBAB, Bestand Morija, 4524.
19.
Vgl. ebd., 3885, 4473 und 4559; Psychiatrische und Neurologische Klinik Heidelberg, Nr. 47/163.
20.
Vgl. HBAB, Bestand Morija, 3885.
21.
Vgl. Norbert Frei, Hitlers Eliten nach 1945, Frankfurt/M. 2001; U. Herbert (Anm. 6); Konrad Jarausch, Die Umkehr, München 2004.
22.
Das galt auch für die große Zahl an "Volksdeutschen", von denen viele in die SS eingegliedert worden waren, um einen besonderen Beweis ihres "Deutsch-Seins" anzutreten. Vgl. Doris L. Bergen, The Nazi Concept of "Volksdeutsche" and the Exacerbation of Anti-Semitism in Eastern Europe, 1939 - 45, in: Journal of Contemporary History, 29 (1994), S. 569 - 582.
23.
Vgl. HBAB, Bestand Morija, 4189.

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