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24.8.2009 | Von:
Svenja Goltermann

Kriegsheimkehrer in der west-deutschen Gesellschaft

Für Kriegsheimkehrer war das "normale Leben" nach 1945 prekär. Die Auseinandersetzung mit dem Krieg und die Entnazifizierung blieben zermürbende Herausforderungen.

Einleitung

Als der englische Schriftsteller Stephen Spender im Sommer 1945 im Auftrag der Alliierten Kontrollkommission mehrere Reisen durch das zerstörte Deutschland unternahm, sammelte er eine Vielzahl von Eindrücken, die er schon bald nach seiner Rückkehr in Form eines Reiseberichts veröffentlichte. Zwei Monate lang hatte er sich im Rheinland aufgehalten, meist in den größeren Städten, deren Verwüstung auf ihn wie auf viele andere ausländische Besucher erschütternd wirkte.






Spender kam wiederholt auf die Deutschen und ihre seelische Verfassung zu sprechen, die er zu entziffern versuchte. So geschah es, als er bei einem seiner Streifzüge entlang des Rheins auf sechs Männer traf. Sie schauten still und "trübsinnig" auf den Fluss, Spender hielt sie für ehemalige Angehörige der Wehrmacht: "Deutsche Soldaten haben heute denselben seelenlos-niedergedrückten Gesichtsausdruck wie die aus Holz geschnitzten Figuren von slawischen Bauern", erläuterte er, bevor er einen Moment später feststellen musste, dass er keine deutschen Kriegsgefangenen, sondern ehemalige polnische Zwangsarbeiter vor sich hatte. Es war ein kurzes Gespräch, das sich mit den Männern entspann, bevor sie wieder in Schweigen verfielen. Spender sah in dieser "Apathie" nur ein "vordergründiges Symptom". "Hinter ihr steht etwas viel Bedrohlicheres", erklärte er, "etwas, was geschah und seine Spuren hinterlassen hat, die Feuer nämlich, in denen die Städte Europas verbrannten und die noch im Geist der Menschen schwelen. Dies ist ein Geisteszustand, der jenseits aller Verzweiflung weiterglüht." Spender fügte hinzu: "Denselben Ausdruck kannte ich von den Gesichtern der hoffnungslosen jungen Männer der aufgelösten Wehrmacht, aber auch von denen repatriierter französischer Gefangener und von Männern und Frauen, die man als Deportierte, als Displaced Persons bezeichnet."[1]

Spenders Beobachtung einer scheinbar auffallend apathischen Verfassung der Menschen war kein Einzelfall. Vor allem für Nachkriegsdeutschland ist diese Beobachtung häufig dokumentiert. Davon zeugt auch Hannah Arendts berühmt gewordener "Bericht aus Deutschland", in dem die Emigrantin das Verhalten der Deutschen außergewöhnlich fand. Nirgends werde der "Alptraum von Zerstörung und Schrecken weniger verspürt" als in Deutschland, interpretierte sie jedoch, und sah die Deutschen auf der Flucht vor der Wirklichkeit und damit auch vor ihrer Verantwortung für die begangenen Verbrechen. Die deutsche Gesellschaft schien von Gleichgültigkeit erfasst, auffallend war in Arendts Augen lediglich Selbstmitleid: "Die Angesprochenen sind lebende Gespenster, die man mit Worten, mit Argumenten, mit dem Blick menschlicher Augen und der Trauer menschlicher Herzen nicht mehr rühren kann."[2] Stattdessen ließ sich offenbar bereits geraume Zeit nach Kriegsende unter den Deutschen eine ausgesprochene Neigung beobachten, den Besatzungsmächten für alle Notstände der Nachkriegszeit die Schuld zu geben. Das Bewusstsein darüber, wie man überhaupt in diese Lage geraten war, schien zwei Jahre nach dem Krieg vielerorts bereits dem Vergessen anheim gefallen zu sein. Mehr als vierzig Prozent der Bundesdeutschen betrachteten laut Umfragen aus dem Jahr 1951 das "Dritte Reich" als die beste Zeit ihres Lebens.[3]

Entnazifizierung

Vieles an diesem Bild über die unmittelbare Nachkriegszeit hat sich bis heute nicht geändert. Auch die Zeitgeschichtsforschung hat in ähnlicher Weise über viele Jahre ein Übermaß des Schweigens der Deutschen über den Massenmord an den Verfolgten des Nationalsozialismus und die Gräuel des Krieges beklagt und daraus auf weitgehende Unberührtheit, auf Amnesie oder Verdrängung, gerade auch unter den heimkehrenden Soldaten, geschlossen.[4] Allerdings haben jüngere Studien das Bild insofern modifiziert, als sie zeigen, dass die Deutschen über ihre eigenen Leiden während und im Gefolge des Krieges durchaus sprachen, weshalb eher von "selektiver Erinnerung" und einer "Rhetorik der Viktimisierung" die Rede sein müsse - und nicht von Verdrängung.[5] Tatsächlich lassen sich dafür in der öffentlichen Erinnerungskultur viele Beispiele finden. Dennoch haben insbesondere die Studien über die Entnazifizierungsverfahren wiederholt eindrücklich gezeigt, dass sich im Nachkriegsdeutschland ein regelrechter "Wettbewerb des Opportunismus, des Abstreitens und Nichtwahrhabenwollens" ausbreitete.[6]

Die in den Entnazifizierungsverfahren eingeräumte Möglichkeit zur eigenen Verteidigung zog fieberhafte Bemühungen von Millionen von Menschen nach sich, eine möglichst große Zahl von Entlastungszeugnissen beizubringen. Ende 1948, als die Verfahren in den Westzonen abgebrochen wurden, waren lediglich 1670 Personen als Hauptschuldige und etwa 23000 Personen als Belastete eingestuft worden. Die Entnazifizierungsverfahren waren, so ist jüngst noch einmal bekräftigt worden, zur "Farce einer Reinwaschanstalt" geworden.[7] Im Übergang der deutschen Gesellschaft von der Nazi-Diktatur zur Demokratie gilt die Entnazifizierung deshalb oft als absoluter Fehlschlag, der nicht nur eine politische "Säuberung" verhindert, sondern einer bizarren Wahrnehmung von der Verantwortlichkeit für die Verbrechen an Millionen von Menschen Vorschub geleistet habe.

Auch das aber ist, wie es scheint, nur die halbe Wahrheit. Denn tatsächlich war das "normale" Leben in vielen Fällen prekärer, als es der gängige Eindruck über die Nachkriegsgesellschaft vermuten lässt.[8] Aufgrund der Verdichtung und der Eskalation der extremen Gewalt in den 1940er Jahren ist zwar von einem "Schock der Ereignisse" gesprochen worden, der die Menschen außer Stande gesetzt habe, "sich ernsthaft mit Krieg und Tod zu beschäftigen".[9] Doch die "Normalität" dieser Gesellschaft zeichnete sich gerade nicht dadurch aus, dass sich die Apokalypse von Krieg und Völkermord "verdrängen" ließ. Vielmehr waren der Tod und die Toten in der persönlichen Erinnerungs- und Vorstellungswelt immer gegenwärtig.

Das gilt jedenfalls für eine große Anzahl ehemaliger Soldaten, die zurückgekehrt waren. Sie hatten den Krieg keineswegs einheitlich erfahren, auch die Dauer und die Härte der Kriegsgefangenschaft waren ausgesprochen unterschiedlich.[10] Während sich zum Jahreswechsel 1944/45 die Zahl der Kriegsgefangenen noch auf zwei Millionen belief, schnellte sie mit der Kapitulation auf etwa elf Millionen hoch. Mehr als zwei Drittel von ihnen befanden sich im Gewahrsam der Westmächte, der andere Teil im Osten, überwiegend bei den Sowjets. Bis zu Beginn des Jahres 1947 waren die deutschen Kriegsgefangenen von den Alliierten mehrheitlich wieder entlassen worden. Auch die etwa zwei Millionen deutschen Soldaten, die in den Gefangenenlagern verblieben, kehrten nahezu vollständig bis Ende 1949 wieder ins zivile Leben zurück. Nur die Sowjetunion hielt noch etwa 30000 Gefangene fest. Erst 1956 wurden die letzten von ihnen nach Deutschland entlassen.[11]

Gerade in der unmittelbaren Nachkriegszeit zeigt sich jedoch mit Blick auf diese Kriegsheimkehrer: Das Streben der westdeutschen Gesellschaft nach Wiederaufbau und sozialer Sicherheit war durchsetzt von Schrecken und quälenden Alpträumen, die von der ansonsten zu beobachtenden Nüchternheit nichts mehr erkennen ließen. Die Konfrontation mit den Besatzern, insbesondere die Entnazifizierungsverfahren, trugen in einer Vielzahl von Fällen erheblich dazu bei. Denn ebenso wie die Angst vor Vergeltung bei den Gewaltexzessen gegen Ende des Krieges eine Rolle spielte, war es nach der totalen Niederlage, bei dem Versuch, sich mit der neuen Demokratie zu arrangieren, die Angst vor Entdeckung. Die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft zeigt aus dieser Perspektive ein verändertes Gesicht: Es trägt die Züge einer ausgesprochenen Angstgesellschaft.[12]

Angstgesellschaft

Einen Zugang zu diesem eher verdeckten Umgang mit den mörderischen Ereignissen der Vergangenheit bieten psychiatrische Krankenakten, von denen mir mehr als 600 aus der Zeit zwischen 1945 und 1960 vorliegen. Die meisten von ihnen stammen von Männern, die zu irgendeinem Zeitpunkt des Krieges Soldaten gewesen waren. Das Spektrum ihrer Leiden war breit; meist kamen sie auf Anraten eines Arztes, der an die Grenzen seiner diagnostischen und therapeutischen Fähigkeiten gestoßen war, oder sie folgten dem Druck von Familienangehörigen, die mit den Verhaltensweisen der Heimgekehrten nicht zurecht kamen. Ihre Angehörigen beschrieben sie als außergewöhnlich zurückgezogen und unzugänglich, aber auch als nervös und gereizt, als ängstlich und misstrauisch. Von psychischen Leiden infolge des Krieges ging dabei kaum jemand aus, am allerwenigsten die Psychiater. Entsprechend der vorherrschenden Lehrmeinung schlossen sie einen solchen Zusammenhang aus. Gezielte Fragen nach den Erlebnissen während des Krieges stellten die Psychiater nicht.

Die im Leben der Kriegsheimkehrer bedrückende und irritierende Allgegenwart des Todes zeigt sich in schriftlichen Zeugnissen der Patienten, schlug sich aber auch in kurzen Erzählsequenzen nieder, die in den Aufzeichnungen der Gespräche festgehalten sind. Die sinnliche Präsenz der Toten nahm Gestalt an in der Traumwelt der Nacht, schließlich brach das Wissen um die Toten auch in Wahnvorstellungen und Halluzinationen hervor. Wie Träume reproduzieren diese zwar keine reale Wiedergabe erlebter Ereignisse und sind daher dem Bereich der Fiktionen zuzuordnen. Gleichwohl aber sind sie als historische Quelle lesbar. Denn sie sind Bestandteil der wahrgenommenen Gewalt und ähneln insofern "psychischen Innenaufnahmen", wie Reinhart Koselleck im Hinblick auf die Träume des "Dritten Reiches" argumentiert hat.[13]

Zweifellos waren es nicht nur Angstzustände, in denen sich die Erfahrung des Massentodes niederschlug. In den ersten vier Jahren nach dem Krieg waren diese, verglichen mit der darauf folgenden Zeit, jedoch von auffallender Häufigkeit. Dass Angstzustände in psychiatrischen Krankenakten zu finden sind, ist nicht verwunderlich. Immerhin können sie ein wichtiges Symptom für spezifische Krankheitsbilder sein, etwa für Verfolgungsangst oder Schizophrenie. Dennoch ist die Annahme falsch, dass Äußerungen der Angst, die im Kontext dieser Quellen auftreten, auf nichts anderes verwiesen als auf den Krankheitszustand selbst. Sogar im Falle einer diagnostizierten Schizophrenie, die Schübe angstdurchzogener Wahnvorstellungen zeitigte, legen diese Spuren zeitspezifische Ängste frei, die auf den Erfahrungshorizont verweisen, in deren Gefolge sie entstanden. In den hier vorliegenden Fällen umspannte dieser Erfahrungshorizont die Lebenswirklichkeit und Vorstellungswelt des Nationalsozialismus und des Krieges. Das heißt nicht, dass die in den Akten auftauchenden Angstsequenzen immer eindeutig an Erlebnisse aus dem Krieg zurückgebunden werden könnten; meist ist das nicht möglich. Als "Konservatoren der Erinnerung"[14] erzählen die in der Nachkriegszeit artikulierten Ängste jedoch immer etwas über die Vergangenheit. Doch erst wenn man die jeweiligen Fälle näher und in der historischen Konstellation, in der sie zum Ausdruck kommen, untersucht, wird die Vielschichtigkeit an zirkulierenden Angstzuständen in der Nachkriegszeit deutlich.

So lassen sich die artikulierten Ängste in der Nachkriegszeit in vielen Fällen als Sprachraum der eigenen Todesangst während des vergangenen Krieges lesen. "Der Krieg... Du weißt das doch... im Krieg... ich kann das nicht mehr tragen", hatte etwa Alfred S. im Sommer 1949 im Schlaf geschrien, wie seine Schwester dem Arzt berichtete. Sie erzählte auch von den jüngsten Verhaltensauffälligkeiten ihres Bruders, der seit einer Woche "durcheinander" rede, zwischendurch sei er aber wieder klar gewesen. Ihr Bruder habe behauptet, "er sei Todeskandidat, er müsse sterben". In diesen Tagen sprach er oft vom Krieg. Er zeigte dabei, so seine Schwester, eine "immer stärker werdende unbestimmte Angst".[15] Von Vorkommnissen wie diesen wird während der frühen Nachkriegsjahre häufig berichtet. In einer ganzen Reihe von Fällen geben Sprachfetzen und bruchstückhaft überlieferte Traumbilder zu erkennen, dass die einstige Bedrohung durch den Kriegstod die ehemaligen Soldaten in der Gegenwart weiterhin verfolgte. Mit dem Leben waren sie davon gekommen. Doch die wahrgenommene Nähe des Todes ließ sich nicht abschütteln.

Oft waren die Ängste auch diffus und ihre Hintergründe nur schwer zu entziffern. Häufig scheint es der Fall gewesen zu sein, dass sich Elemente aus der Kriegs- und Nachkriegszeit in imaginierten Szenarien der Angst vermischten. Der Fall von Rolf S. zeigt das beispielhaft.[16] Seine plötzlich zutage tretenden Ängste erwecken den Eindruck, als seien sie ein verzerrter Widerhall verschiedener Empfindungslagen aus der Kriegs- und Nachkriegszeit. Drei Jahre nach Kriegsende - der Einsatz des Soldaten an der Ostfront lag bereits über fünf Jahre zurück - hatte es begonnen. Er fragte: "Sind die Russen schon da?" Rolf S. fühlte sich, wie seine Eltern richtig beobachteten, verfolgt. Er müsse für seine Angehörigen kämpfen, habe er wiederholt gesagt, und einmal sogar geschrien: "Gebt uns Eier, dann können wir für Euch kämpfen." Eine gewaltige Angst um die Angehörigen hatte ihn ergriffen. Oft habe er davon gesprochen, "dass er sich aufhängen müsste, dass seine Angehörigen nicht mitleiden müssten". Wiederholt hörten die Eltern ihren Sohn sagen: "Ich muss kämpfen, ich muss kämpfen." In anderen Momenten wiederum beobachteten sie, wie Geräusche vorbeifahrender Züge oder Autos ihn hochschrecken ließen. Rolf S. "fuhr (dann) in die Höhe und blickte immer zum Fenster hinaus". Er hatte die Befürchtung, erklärte er ihnen, "dass ihn die Russen abholten".

Auch bei den psychiatrisch behandelten Fällen wird man Verfolgungsangst nicht nur unter dem Blickwinkel eines Krankheitssymptoms betrachten können. Die Angst, verfolgt, bespitzelt, denunziert oder abgeholt zu werden, ergriff nicht nur Einzelne, und es lassen sich hinreichend Fälle auffinden, die diesen Ängsten und jeder Art von Gerücht einen realen Kern gaben.[17] In den hier betrachteten Fällen ist jedoch besonders auffällig, wie sehr die Präsenz der Alliierten die Verfolgungsangst nährte. Oftmals artikulierte sie sich, wie bei Rolf S., als Angst "vor den Russen". Auch Günter B. erzählte eines Tages seiner Frau von seiner Sorge, "in die russ(ische) Zone abtransportiert" zu werden, weshalb er "am Fenster gestanden u(nd) alle Autos, die vorbeifuhren aufgeschrieben" habe.[18] Es war die Gegenwart der Besatzer, die Ängste auslöste oder verstärkte. Allerdings ist bei den hier betrachteten Fällen eine gewichtige Besonderheit zu erkennen: In der panischen Furcht, vor den Siegermächten letztlich nichts verbergen zu können, und geleitet von dem Empfinden, bei Wahrung des eigenen Geheimnisses von diesen unverhältnismäßig hart für die NS-Verbrechen zur Verantwortung gezogen zu werden, lieferte sich mancher schließlich freiwillig den amerikanischen oder britischen Behörden aus.[19] Den russischen Besatzern stellte sich niemand.

Das Wissen über die im Osten begangenen Verbrechen war, so scheint es, groß genug, um die Bestrafung durch die Russen weit mehr zu fürchten als jede Ahndung der Taten seitens der Westalliierten. Diese Vermutung drängt sich im Fall von Herbert I. geradezu auf, der die unterschiedliche Sanktionsbereitschaft der Westmächte im Blick hatte.[20] Wie bei den allermeisten, deren Verfolgungsängste sich auf die Besatzer bezogen, artikulierten sich diese auch bei Herbert I. im Zuge seines Entnazifizierungsverfahrens. "Konflikt bei Ausfüllung des Fragebogens", hatte der Arzt in der Krankenakte unter der Rubrik "Jetzige Erkrankung" festgehalten, in der er über seinen Patienten notierte: "Angst vor Auslieferung an die Russen. Pat. reiste vom amerikanisch ins englisch besetzte Gebiet, stellt sich freiwillig dem Secret Service, dort nach Ausfragen freigelassen. Mit dem Taschenmesser Suizidversuch." Herbert I., der ein Jahr nach dem Kriegsende wieder eine Pfarrstelle bekleidete und mit Frau und Kind zusammenlebte, hatte keinen Ausweg mehr gesehen. Die Reaktion der Engländer hatte ihm die Furcht vor einer Auslieferung nicht genommen. Immer noch drückte ihn, wie er es gegenüber dem Arzt formulierte, eine "ganz erbärmliche Angst".

Tatsächlich erwies sich anders, als viele Darstellungen über die Entnazifizierung vermuten lassen, die konkrete Anforderung des Entnazifizierungsverfahrens in sehr vielen Fällen als hinreichend, derart jähe Ängste hervorzurufen, dass der äußere Anschein inneren Halts erkennbar einbrechen konnte. Nicht nur für die ehemalige NS-Elite war die Einlieferung in ein Internierungslager ein Schock;[21] selbst in Fällen, in denen scheinbar keine ernsthafte persönliche Belastung durch die Verbrechen des NS-Systems vorlag, erschien nach der einstigen Loyalität zu "Führer" und "Reich" die Zukunft als beängstigend und die Wirklichkeit als ausweglos.[22]

Zweifellos mag dazu beigetragen haben, dass eine geordnete Berufsausübung bis zum Abschluss des Entnazifizierungsverfahrens nicht möglich war. Die hohe personelle Kontinuität in fast allen Berufen täuscht über die lebensgeschichtliche Bedeutung dieses Einschnitts hinweg. Berufliche Perspektivlosigkeit, finanzielle Nöte und schmerzliche soziale Deklassierungserfahrungen waren die Realität eines großen Teils der westdeutschen Bevölkerung. Diese Dinge sind hier insofern von Belang, als in dem Schrecken über den materiellen Verlust und in der Erschütterung über die soziale Misere, die wesentlich mit den Entnazifizierungsverfahren verknüpft zu sein schienen, der Krieg und die begangenen Verbrechen immer wieder nachhallten. Rückblenden waren geradezu unvermeidlich, das lässt sich anhand von zahlreichen Beispielen aus den Krankenakten belegen. So manche Erinnerung an Ereignisse und Handlungen während des Krieges wurde dabei durch die Wahrnehmung, den Besatzern schutzlos ausgeliefert zu sein, im Nachhinein beängstigend.

In der bedrohlich erscheinenden Situation der Nachkriegszeit konnten sich Ängste verselbständigen. Unter Umständen brachen sich nun Kriegsängste, rückprojizierte Ängste, banges Erschrecken über die Verbrechen, für die man zur Verantwortung gezogen werden sollte, und diffuse Lebensängste Bahn. Sie alle hallten jedoch nur wie in einem Echo in dem allgemeinen Angstzustand wider, der wie in einer Unterströmung von dem Wissen um die zahllosen Toten begleitet war.

Im Fall von Gustav N., der 1939 der Deutschen Arbeitsfront (DAF) beigetreten und nur kurze Zeit beim Volkssturm Soldat gewesen war, kann man das beobachten:[23] Sofort nach der totalen Niederlage verübte er aus Angst davor, für die Verbrechen des Nationalsozialismus zur Rechenschaft gezogen zu werden, einen Suizidversuch. Auch zwei Jahre später noch verfolgten ihn, nachdem er aus dem Internierungslager entlassen worden war, starke "innere Angst und Unruhe". Die Furcht vor weiterer Strafe trieb ihn um. Im Gespräch mit dem Psychiater stammelte er nur, doch wurde deutlich, wie sehr ihn das Wissen quälte, durch seine Stellungnahmen und Zeugenaussagen anderen "wehe getan" zu haben. Seine Erzählungen brachten aber auch weitere Verängstigungen zum Vorschein. Vor allem ein Ereignis aus dem Krieg hing ihm nach: seine eigene Flucht, als die Russen "im Anmarsch" waren. Todesangst hatte ihn befallen. Doch es war nicht nur die Nähe des eigenen Todes, die ihm noch immer vor Augen stand. Denn er hatte damals andere über seine eigene Panik hinweggetäuscht und lauthals zu Durchhaltevermögen und Standhaftigkeit aufgefordert. Es waren die Gesichter der anderen Menschen, die er zurückgelassen hatte, und von denen er annehmen musste, dass dies für viele den Tod bedeutet hatte, die ihn nun in seiner Erinnerung quälten.

Unwirkliche Vergangenheit

Man kann zusammenfassend sagen, dass in der Nachkriegszeit Viele ein immenses Unbehagen mit sich trugen. Oft ist es nicht zu entscheiden, ob der Blick in die Vergangenheit oder derjenige in die Zukunft den größeren Schrecken einflößte. Doch insgesamt scheint es, als ob eine Stimmung der Verängstigung das Leben einfärbte. Dabei war Unzähligen ihr bisheriges Wirken schon in dem Augenblick zur Bürde geworden, in dem der Einmarsch fremder Truppen nur noch eine Frage von Tagen war. Auch Gustav V. erzählte, er habe, "als der Zusammenbruch da war (...) in seinem Wehrpass ausradiert, dass er Mitglied der DAF war". Viele suchten, wie er, sofort nach einer neuen Identität - eine versuchte Flucht vor der Verantwortung, wie sie auch Hannah Arendt beobachtete. Viele hegten den Wunsch, die Vergangenheit möge unwirklich gewesen sein.

Das zeigen auch die Krankenakten; sie verdeutlichen aber auch, dass die Begegnung mit der Besatzungsherrschaft ein laufendes Dementi der Täuschungsbereitschaft über die eigene Vergangenheit erzwang. Die Zeit der Entnazifizierung wirkte dabei wie eine Art verlängerter Bannzone des nationalsozialistischen Krieges, in der die Vergangenheit und die Auseinandersetzung mit dem Massentod eine nahezu permanente, zermürbende und irritierende Herausforderung war, die den Weg in die Demokratie, vielleicht wider Willen, aber doch von Anbeginn begleitete.
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Fußnoten

1.
Stephen Spender, Deutschland in Ruinen. Ein Bericht, Frankfurt/M. 1995 [engl. Orig.: European Witness, London 1946], S. 50 - 53 (Hervorh. im Orig.).
2.
Hannah Arendt, Bericht aus Deutschland, in: dies., In der Gegenwart. Übungen im politischen Denken II, München 2000, S. 38-63, Zitate auf S. 39 und S. 46.
3.
Vgl. Michael Geyer, Der Kalte Krieg, die Deutschen und ihre Angst, in: Klaus Naumann (Hrsg.), Nachkrieg in Deutschland, Hamburg 2001, S. 267-318, hier S. 163.
4.
Vgl. etwa Wolfgang Benz, Postwar Society and National Socialism: Remembrance, Amnesia, Rejection, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte, 19 (1990), S. 1 - 12. Kritisch gegenüber dieser Annahme einer Verdrängung deutscher Schuld Anthony D. Kauders, "Repression" and "Philo-Semitism" in Postwar Germany, in: History and Memory, 15 (2003), S. 97 - 122.
5.
Vgl. vor allem Robert G. Moeller, War Stories. The Search for a Usable Past in the Federal Republic of Germany, Berkeley 2001.
6.
Vgl. Ulrich Herbert, Rückkehr in die Bürgerlichkeit? NS-Eliten in der Bundesrepublik, in: Bernd Weisbrod (Hrsg.), Rechtsradikalismus in Niedersachsen nach 1945, Hildesheim 1995.
7.
Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4, München 2003, S. 959.
8.
Vgl. K. Naumann, Einleitung, in: ders. (Anm. 3), S. 9-27.
9.
Richard Bessel, Leben nach dem Tod. Vom Zweiten Weltkrieg zur Zweiten Nachkriegszeit, in: Bernd Wegner (Hrsg.), Wie Kriege enden, Paderborn 2002, S. 240f.
10.
Vgl. Andreas Hilger, Deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion 1941 - 1956, Essen 2000; Stefan Karner, Im Archipel GUPVI. Kriegsgefangenschaft und Internierung in der Sowjetunion 1941 - 1956, München 1995; Matthias Reiß, "Die Schwarzen waren unsere Freunde". Deutsche Kriegsgefangene in der amerikanischen Gesellschaft 1942 - 1946, Paderborn 2002.
11.
Vgl. Rüdiger Overmans, The Repatriation of Prisoners of War once Hostilities are Over: A Matter of Course?, in: Bob Moore/Barbara Hately-Broad (eds.), Prisoners of War, Prisoners of Peace. Captivity, Homecoming and Memory in World War II, Oxford 2005, S. 17f.; Arthur L. Smith, Heimkehr aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Entlassung der deutschen Kriegsgefangenen, Stuttgart 1985, S. 11.
12.
Dazu ausführlicher Svenja Goltermann, Die Gesellschaft der Überlebenden. Kriegsheimkehrer und ihre Gewalterinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, München 2009.
13.
Vgl. Reinhart Koselleck, Terror und Traum. Methodologische Anmerkungen zu Zeiterfahrungen im Dritten Reich, in: ders., Vergangene Zukunft, Frankfurt/M. 1989, S. 287.
14.
Vgl. Aleida Assmann, Erinnerungsräume. Formen und Wandel des kulturellen Gedächtnisses, München 1999.
15.
Vgl. Hauptarchiv der von Bodelschwinghschen Anstalten Bielefeld (HBAB), Psychiatrieakten, Bestand Morija, 5054.
16.
Vgl. ebd., 4560.
17.
Beispiele: Anonyma, Eine Frau in Berlin. Tagebuchaufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945, Frankfurt/M. 2003, S. 212; Carl Schüddekopf, Im Kessel. Erzählungen von Stalingrad, München 2002 (Beispiel: Jakob Vogt), S. 232 - 285, bes.S. 282.
18.
Vgl. HBAB, Bestand Morija, 4524.
19.
Vgl. ebd., 3885, 4473 und 4559; Psychiatrische und Neurologische Klinik Heidelberg, Nr. 47/163.
20.
Vgl. HBAB, Bestand Morija, 3885.
21.
Vgl. Norbert Frei, Hitlers Eliten nach 1945, Frankfurt/M. 2001; U. Herbert (Anm. 6); Konrad Jarausch, Die Umkehr, München 2004.
22.
Das galt auch für die große Zahl an "Volksdeutschen", von denen viele in die SS eingegliedert worden waren, um einen besonderen Beweis ihres "Deutsch-Seins" anzutreten. Vgl. Doris L. Bergen, The Nazi Concept of "Volksdeutsche" and the Exacerbation of Anti-Semitism in Eastern Europe, 1939 - 45, in: Journal of Contemporary History, 29 (1994), S. 569 - 582.
23.
Vgl. HBAB, Bestand Morija, 4189.

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