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7.8.2009 | Von:
Andreas Eckert

Entwicklung in Afrika - was geht uns das an? Essay

Afrikabild zwischen Bedrohung, Ressource und Partner

Die zitierten Äußerungen benennen einige Gründe für das in jüngerer Zeit gewachsene Interesse der deutschen Politik an Afrika.[2] Nach dem 11. September 2001 hat die Politik auch Afrika als wichtigen Schauplatz im "Kampf gegen den Terror" ausgemacht; die Stabilisierung dortiger Systeme scheint daher auch im Sinne Deutschlands (und Europas) zu sein. Das große Interesse Chinas an afrikanischen Rohstoffen hat hierzulande das Interesse vieler Politiker (und Unternehmer) in Bezug auf den großen und strategisch bedeutsamen Rohstoffreichtum Afrikas geweckt.[3] Die Bedeutung Afrikas für die globale ökologische Stabilität hat sich inzwischen über enge Zirkel von Umweltschützern hinaus herumgesprochen. Die aufgeführten Zitate sind überdies in gewisser Weise repräsentativ für das gegenwärtige Afrikabild, welches zwischen Afrika als Bedrohung, Ressource und Partner schwankt.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, sich die lange Geschichte der Afrikabilder vor Augen zu führen. Denn diese Bilder repräsentierten das Interesse Europas an Afrika und prägten es zugleich. Dabei ergibt sich für die vergangenen vier Jahrhunderte folgende Sequenz:[4] Zunächst war Afrika der Kontinent der zu versklavenden "Anderen", bevölkert von Menschen, die so anders waren, dass man meinte, sie wie Vieh behandeln und auf den Plantagen der "Neuen Welt" schuften lassen zu können. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts verboten die europäischen Mächte zunehmend Sklavenhandel und Sklaverei. In Europa verbreitete sich bald darauf eine Sicht auf die Afrikaner, der zufolge sie nicht mehr als versklavte Opfer, sondern als zu versklavende Tyrannen erschienen. Missionare und Afrikareisende wie David Livingstone spielten eine zentrale Rolle bei der Popularisierung solcher Bilder. Und die auf koloniale Expansion drängenden Kräfte etwa in England, Frankreich und auch in Deutschland verfügten nun über ein Argument, die Aufteilung Afrikas gar noch als humanitären Kreuzzug gegen die Unfreiheit auszugeben.[5] Um 1920 waren die Versuche, Afrika neu zu modellieren, jedoch weitgehend gescheitert. Die Frustration darüber mündete in ein Bild von Afrika als ein Kontinent der Stämme und Traditionen, der nur langsam einem Wandel unterworfen werden könne. Nicht zufällig gewann der Prozess, der unter dem Stichwort "Erfindung von Tradition und Ethnizität" seit geraumer Zeit von der Forschung diskutiert wird, genau in diesen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg an Bedeutung.[6] Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die Sichtweise erneut: Die vermeintliche Rückständigkeit Afrikas wurde im Zeichen von Modernisierungstheorien und Entwicklungsideen nicht mehr als unwandelbares "rassisches" Charakteristikum, sondern als reversibler kultureller Wesenszug gedeutet, der mit Hilfe westlicher Entwicklungshilfe gelingen würde. Man musste, so die Überzeugung, lediglich den Bauern zeigen, wie man richtig anbaut, den Arbeitern, wie man richtig arbeitet, den Lehrern, wie man richtig unterrichtet, und den Politikern, wie man demokratische Prozeduren organisiert.[7] Die Vertreter dieser kolonialen Entwicklungsinitiative verloren jedoch bald ihren Reformeifer. Am Ende übernahmen die Afrikaner selbst das Projekt Entwicklung zusammen mit dem von den Kolonialmächten aufgebauten Staatsapparat, und die sich zurückziehenden Kolonialherren konnten sich einreden, dass ihre Nachfolger zwangsläufig den von den Europäern angelegten Pfaden folgen würden.[8]

Dieser Weg erwies sich bekanntlich als Sackgasse, was seit den späten 1970er Jahren in den Medien und Teilen der Sozialwissenschaften zunehmend dazu führte, Afrika als "verlorenen Kontinent" gleichsam wegzuschreiben, ihn als marginal für die Zukunft der Menschheit anzusehen, unfähig, sich vernünftig selbst zu regieren und zu wirtschaften, von Interesse bestenfalls noch für humanitäre Organisationen. Gleichzeitig wird Afrika von den Industrienationen verstärkt als Bedrohung angesehen, weil seine Bewohner, so die medial geschürten Ängste, an die Pforten des reichen Westens klopften, gar die Inseln des Wohlstands zu überschwemmen drohten. Soll Europa, soll der Westen Afrika weiter unterstützen? Und wenn ja, wie? Diese Frage entzündet sich mit wachsender Vehemenz an der Frage der Entwicklungshilfe oder, wie es heute politisch korrekt heißt, an der Entwicklungszusammenarbeit.

Fußnoten

2.
Eine kritische Bestandsaufnahme der deutschen Afrikapolitik bieten Stefan Mair/Denis M. Tull, Deutsche Afrikapolitik. Eckpunkte einer strategischen Neuausrichtung, SWP-Studie, Berlin 2009.
3.
Vgl. Chris Alden, China in Africa, London 2007; Robert Kappel/Tina Schneidenbach, China in Afrika. Herausforderungen für den Westen, GIGA Focus Global, (2006) 12.
4.
Die folgenden Ausführungen basieren auf Frederick Cooper, Africa in a Capitalist World, in: Darlene Clark Hine/Jacqueline McLeod (eds.), Crossing Boundaries. Comparative History of Black People in Diaspora, Bloomington 1999, 391ff.
5.
Erstaunlicherweise machen sich noch heute Historiker diese zeitgenössische Sichtweise zu eigen und charakterisieren die Kolonisierung Afrikas als "humanitäre Aktion." Vgl. Egon Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, München 2009.
6.
Vgl. Thomas Spear, Neo-Traditionalism and the Limits of Invention in British Colonial Africa, in: Journal of African History, 44 (2003) 1, S. 3 - 27.
7.
Vgl. Frederick Cooper/Randall Packard (eds.), International Development and the Social Sciences. Essays in the Politics of Knowledge, Berkeley 1997.
8.
Vgl. ders., Africa since 1940. The past of the present, New York 2002.

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