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7.8.2009 | Von:
Andreas Eckert

Entwicklung in Afrika - was geht uns das an? Essay

Wozu Entwicklungszusammenarbeit?

"Die Entwicklungszusammenarbeit", schreiben die Historiker Daniel Speich und Hubertus Büschel, "ist mit ihren Visionen und Utopien, ihren Institutionen, Diskursen und Praktiken längst ein Teil der Geschichte und ein Gegenstand der Geschichtsschreibung geworden. Auch ist die Entwicklungszusammenarbeit nicht als Praxis verschwunden, obwohl man seit den 1980er Jahren häufig ihr baldiges Ende prophezeit hat. (...) Vielmehr lässt sich fast überall auf der Welt ihre Vergangenheit erkennen, wodurch sich ihre Gegenwart verfestigt - ob nun durch Institutionen, Redeweisen, Praktiken oder Entwicklungshilferuinen. Entwicklungszusammenarbeit ist längst ein entscheidendes Element in der sozioökonomischen Realität fast aller Empfängerländer von Hilfe geworden, während die Mittelbeschaffungsstrategien der Hilfsagenturen das öffentliche Bild der Dritten Welt innerhalb der Gebergesellschaften stark beeinflussen."[9] In der Wissenschaft dominiert heute in weiten Teilen eine Sichtweise, die ein Scheitern der Entwicklungszusammenarbeit konstatiert. Dies steht in deutlichem Kontrast zu den Forderungen einer breiten Koalition aus Politik, Entwicklungsorganisationen und engagierten Prominenten, die Entwicklungshilfe zu erhöhen.

Zu dieser Gruppe gehört etwa der nordamerikanische Ökonom Jeffrey Sachs.[10] Die Zukunft Afrika stelle sich keineswegs so hoffnungslos dar wie vielfach behauptet, schreibt Sachs, der gegenwärtig das Earth Institute der Columbia Universität in New York leitet und durch seine Tätigkeit als Direktor des von den Vereinten Nationen initiierten Millenniumprojekts zur globalen Armutsbekämpfung internationale Bekanntheit erlangt hat. Das Ende der Armut ist möglich, lautet seine Botschaft. Das Rezept, das der selbstbewusste Starökonom liefert, klingt simpel: mehr Geld. Sechzig bis siebzig Milliarden Dollar müssten die reicheren Nationen pro Jahr springen lassen, um weltweit der schlimmsten Not abzuhelfen und den Ärmsten der Armen Perspektiven auf ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Sachs zufolge reicht es nicht, Staatsversagen und Staatszerfall als Ursachen für Afrikas Misere anzuführen. Die politische Krise resultiere aus der wirtschaftlichen: "Die Regierungen in Afrika versagen, weil Afrika arm ist." Warum ist Afrika arm? Sachs bringt von Wirtschaftswissenschaftlern in der Regel vernachlässigte geographische und ökologische Faktoren ins Spiel. Extremes Klima, Seuchen, Naturkatastrophen und die geographische Isolation vieler Regionen hätten die Armutsfalle in Afrika zuschnappen lassen, die nur mit Hilfe von außen geöffnet werden könne.[11]

Die bisherigen Weisheiten der Weltbank und anderer Organisationen, welche pauschal Privatisierungen und funktionierende Märkte als Allheilmittel für wirtschaftliche Prosperität priesen, hält Sachs daher für überholt. Er hat ein neu klingendes Patentmittel parat. Es lautet "klinische Ökonomie". "Die Herausforderung, politische Empfehlungen für eine Wirtschaft auszusprechen, zumal wenn sie arm und instabil ist, hat viel mit klinischer Medizin gemeinsam", argumentiert Sachs und erteilt fünf "Grundlektionen in effektiver wirtschaftswissenschaftlicher Praxis". Erstens seien Wirtschaften wie Ökonomien komplizierte Systeme. Wirtschaftswissenschaftler müssten daher zweitens ebenso wie Ärzte die Kunst der Differentialdiagnose lernen und nicht auf Standardratschläge zurückgreifen - wie der Internationale Währungsfonds, der unabhängig von der Spezifizität eines Landes immer anordne, den Handel zu liberalisieren und die Staatsquote zurückzufahren. Drittens müsse das Umfeld des jeweiligen Falles einbezogen werden: "Es reicht nicht, den Ghanaern aufzutragen, ihre Wirtschaft in Ordnung zu bringen, wenn Ghana auf den internationalen Märkten auf Handelsschranken stößt, die den Absatz seiner Güter und Dienstleistungen auf dem Weltmarkt blockieren." Viertens mahnt Sachs die Überwachung und Evaluierung entwicklungspolitischer Maßnahmen an. Schließlich kritisiert er das mangelnde Verantwortungsgefühl der meisten Entwicklungsökonomen, die sich mit oberflächlichen Ansätzen begnügten und in der Regel nicht bereit seien, sich in die Geschichte, Ethnographie, Politik und Wirtschaft eines Landes einzuarbeiten.

In das gleiche Horn stößt Bob Geldof, "Frontman" der medial sehr präsenten Gruppe von Musikern und anderen Künstlern, die Afrika retten wollen. Er wehrt sich vehement gegen die Kritik, Entwicklungshilfe fördere lediglich Korruption. "Es gibt doch eindeutige Belege für das Gegenteil. 2002 hatten gerade einmal 50 000 Menschen in Afrika Zugang zu Aids-Medikamenten - heute sind es drei Millionen. Drei Millionen! Und 34 Millionen Kinder haben dank Entwicklungshilfe und der Arbeit afrikanischer Regierungen Zugang zu Schulbildung bekommen. (...) Wir müssen endlich verstehen, dass wir die Wirtschaft in Afrika aufbauen müssen, dann kann der Kontinent auch zum Wiedererstarken der Weltwirtschaft beitragen."[12] Ein Grundproblem wird weder von Sachs noch von Geldof ausreichend thematisiert: Afrika braucht nicht einfach nur Geld. Genauso wichtig ist die zielgerichtete Verwendung der Mittel. Wie dies konkret bewerkstelligt werden könnte, verraten sie uns nicht.

Geldof etwa argumentiert pauschal, dass Entwicklungshilfe langfristig in Afrika jene sozialen Standards schaffen könne, die eine Migration von Afrika nach Europa verhindern. An solche Konsequenzen der Hilfe glauben viele Kritiker nicht. Im Gegenteil: "Nicht fehlende Mittel oder kolonialistische Spätfolgen", so der pensionierte Diplomat Volker Seitz, "hemmen den Fortschritt, sondern mangelnder politischer Wille der Regierungen, mangelndes Verpflichtungsbewusstsein und mangelnde Leistungsbereitschaft, ungenügende Konzepte, eine träge und unzuverlässige Verwaltung und das für die res publica, die Gemeinschaft unerlässliche Zusammengehörigkeitsgefühl aller Bürger, das in vielen afrikanischen Staaten nach wie vor fehlt."[13] Seitz beruft sich in seinem Plädoyer für die Abschaffung von Entwicklungshilfe, wie es inzwischen viele Kritiker hierzulande gerne tun, auf James Shikwati aus Kenia, in den Medien häufig als "kenianischer Ökonom" tituliert, obwohl er keine formale wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung vorzuweisen hat.[14] Shikwati fordert, die Entwicklungshilfe sofort einzustellen. Denn die Afrikaner müssten anfangen, in Wirtschaftskategorien zu denken und ihre Probleme zu lösen, "statt andauernd die internationale Gemeinschaft zu bitten, es für uns zu tun. (...) Wir müssen persönlich Verantwortung übernehmen."[15]

Ganz simpel also: Die Afrikaner müssen sich mental ändern und überdies auf den freien Markt vertrauen. Allerdings ist Shikwatis Plädoyer für einen radikalen freien Weltmarkt historisch nicht besonders überzeugend. Denn die heutigen Industriestaaten haben sich keineswegs unter derartigen Bedingungen entwickelt; ihre Unternehmen waren in entscheidenden Phasen durch Zollschranken geschützt. Und keines der sogenannten Entwicklungsländer, die in den vergangenen 30 Jahren Anschluss an die Industrieländer erlangt haben, ist den von Shikwati gepriesenen radikalen Weg gegangen. Es ist wie so oft: Einfache Rezepte klingen auf den ersten Weg plausibel, bleiben aber den Beweis ihrer Tauglichkeit schuldig. Ein Blick in die Geschichte vermag hingegen zu zeigen, "dass Entwicklungsprozesse generell unter gesellschaftlich und politisch äußerst unterschiedlichen Bedingungen zustande kamen."[16]

Fußnoten

9.
Daniel Speich/Hubertus Büschel, Einleitung - Konjunkturen, Probleme und Perspektiven der Globalgeschichte von Entwicklungszusammenarbeit, in: dies. (Hrsg.), Entwicklungswelten. Globalgeschichte der Entwicklungszusammenarbeit, Frankfurt/M. 2009 (i.E.). Die erste lautstarke und medienwirksame Kritik an der Entwicklungszusammenarbeit hierzulande, verknüpft mit der Forderung, diese abzuschaffen, formulierte Brigitte Erler, Tödliche Hilfe. Bericht von meiner letzten Dienstreise in Sachen Entwicklungshilfe, Freiburg/Br. 1985.
10.
Vgl. Jeffrey Sachs, Das Ende der Armut, München 2005.
11.
Dieses Argument vertreten in differenzierter Form auch Historiker wie z.B. John Iliffe, Africans. The History of a Continent, Cambridge 20072.
12.
Zit. nach: "Wir stecken doch alle im gleichen Sumpf", Interview mit Bob Geldof, in: Spiegel Online, 11. 7. 2009.
13.
Volker Seitz, Afrika wird arm regiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann, München 2009, S. 47.
14.
Vgl. zum Folgenden Dieter Neubert, Weg mit der Entwicklungshilfe! Die provokanten Thesen des kenianischen Publizisten James Shikwati, in: Le Monde Diplomatique, 5 (2009), S. 20 - 25.
15.
Zit. nach ebd., S. 22.
16.
Ebd., S. 24.

Afrika - Länder und Regionen
Informationen zur politischen Bildung (Heft 302)

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