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7.8.2009 | Von:
Karl Ulrich Saß

Wissenschaftlich-Technologische Zusammenarbeit mit Afrika

Wissenschaftlicher Rückstand

Gerade in Afrika ist auf diesem Weg aber noch eine weite Strecke zurückzulegen, denn die dortigen Wissenschaftssysteme sind nach wie vor kaum international konkurrenzfähig. Die Gründe für Afrikas vergleichsweise schwache wissenschaftliche Infrastruktur sind dabei zu vielfältig und komplex, um sie hier erschöpfend zu erörtern. Ein unverkennbarer Aspekt ist jedoch das schwerwiegende Erbe der Kolonialzeit. Der allgemeine Befund, die Dekolonisation sei ein "Fehlstart in die Unabhängigkeit mit schwerwiegenden Geburtsfehlern" gewesen,[2] ist im Speziellen auf die afrikanische Wissenschaft übertragbar, stellten doch die Universitäten Afrikas in der Kolonialzeit weitgehend Ausbildungsstätten für die kolonialen Eliten dar. Als die Staaten Afrikas unabhängig wurden, war die Zahl einheimischer Universitätsabsolventen in den neu gegründeten Staaten daher nicht selten verschwindend gering. In den Folgejahren versuchten die afrikanischen Regierungen, dieses Manko durch intensive Bemühungen um den Ausbau ihrer Wissenschaftssysteme zu beseitigen. Insbesondere die Länder Subsahara-Afrikas erzielten hierbei - zumindest rein quantitativ betrachtet - erstaunliche Erfolge: Sie konnten den Bevölkerungsanteil, dem eine Universitätsausbildung zuteil wurde, zwischen 1965 und 1995 mehr als versechsfachen, während er sich im globalen Durchschnitt im selben Zeitraum "lediglich" verdreifachte.[3]

Wie Maßnahmen aus jüngeren Jahren zeigen, erkennen zahlreiche afrikanische Staaten die Förderung ihrer Wissenschaftssysteme weiterhin als zentrale Herausforderung an. Äthiopien etwa will mit seinem umfangreichen "University Capacity Building Program"[4] bis 2010 für den Neubau von 15 öffentlichen Universitäten sorgen. Flankiert werden diese Bemühungen von einem Gesetzgebungsprozess, welcher den Hochschulen größere Autonomie und Eigenverantwortung verleihen soll. Auch Mozambique hat im Rahmen seines "Strategischen Plans für Höhere Bildung in Mozambique 2000 - 2010" die gesetzlichen Rahmenbedingungen im Hochschulsektor verbessert. Zudem sind in vielen Ländern, so etwa in Ghana, Bemühungen zur Qualitätssteigerung der Hochschulbildung erkennbar. Ghana, Uganda und Tansania gelang es überdies, einer größeren Zahl Frauen als bisher Zugang zu universitärer Bildung zu verschaffen und so eine häufig vernachlässigte Gruppe zu stärken, die viel Potential in sich birgt.[5]

Diese schlaglichtartigen Beispiele verdeutlichen, welche vielfältigen Anstrengungen in Afrika im Gange sind, um die Voraussetzungen für Wissenschaft und Forschung nachhaltig zu verbessern. Im Ergebnis äußert sich dies unter anderem in einer deutlichen Zunahme der Anzahl afrikanischer Universitäten, begleitet von einer Diversifikation des Hochschulsektors, in welchem nunmehr vermehrt auch private Hochschulen sowie Fernuniversitäten anzutreffen sind. Letztlich konnte der Bevölkerungsanteil immatrikulierter Studierender in den vergangenen zwei Jahrzehnten so durchschnittlich um 8,7 Prozent jährlich gesteigert werden.[6] Mit dieser Entwicklung gehen jedoch auch neue Probleme einher. Sie betreffen die Finanzierbarkeit der nationalen Wissenschaftssysteme. Häufig etwa verfügen die afrikanischen Staaten nicht über ausreichend Ressourcen, um die vielen jungen Leute, die an die Hochschulen streben, angemessen an ihren Universitäten unterzubringen, ohne dass darunter die Ausbildungsqualität leidet. Hinzu kommt, dass all diese enormen Anstrengungen kaum ausreichen, um den Rückstand zum Rest der Welt aufzuholen: Der Studierendenanteil in der entsprechenden Altersgruppe liegt mit 6 Prozent in Subsahara-Afrika weiterhin deutlich unter dem globalen Durchschnitt von 25 Prozent.[7]

Auch erlangen die Forschungsergebnisse afrikanischer Wissenschaftler selten internationale Anerkennung. Analysen von Publikationsdatenbanken zeigen, dass zwar durchaus Erfolge bei der Veröffentlichung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu verzeichnen sind, doch sind diese eher punktuell und konzentrieren sich auf verhältnismäßig wenige Länder. Zudem gelingt die Verwertung der entsprechenden Ergebnisse in Form von Patenten selten. Die Vernachlässigung ingenieurs- und naturwissenschaftlicher Fächer, niedrige Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie fehlende Kontakte zum Privatsektor sind wesentliche Gründe hierfür.[8]

Fußnoten

2.
Franz Nuscheler, Entwicklungspolitik, Bonn 20045, S. 212.
3.
Vgl. Alexis-Michel Mugabushaka/Harald Schomburg/Ulrich Teichler, Background and Aims of the Analysis of African Graduates' Employment and Work, in: dies. (eds.), Higher Education and Work in Africa, Kassel 2007, S. 11 - 17, vor allem S. 11f.
4.
Siehe www.ucbp-ethiopia.com.
5.
Vgl. David Bloom/David Canning/Kevin Chan, Higher Education and Economic Development in Africa, Harvard 2005, S. 13 - 15, in: http://site resources.worldbank.org/EDUCATION/Resources/278200 - 1099079877269/547664 - 1099079956815/HigherEd_Econ_Growth_Africa.pdf (31. 5. 2009).
6.
Vgl. Weltbank, Accelerating Catch-up. Tertiary Education for Growth in Sub-Saharan Africa, Washington 2009, S. XXVI-XXVIII.
7.
Vgl. UNESCO Institute for Statistics, Global Education Digest 2008, Montreal 2008, S. 114. Referenzjahr ist 2006. Nach einzelnen Ländern aufgeschlüsselte Daten finden sich ebd. S. 106 - 114.
8.
Vgl. Inga Müller, Perspektiven für die wissenschaftlich-technologische Zusammenarbeit Deutschlands mit Subsahara-Afrika, Bonn 2006, S. 11 - 27.

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