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7.8.2009 | Von:
Edward A. Ceska
Michael Ashkenazi

Piraterie vor den afrikanischen Küsten und ihre Ursachen

Fall Somalia

Somalia ist seit der Verdrängung von Siad Barres Regime im Jahr 1991 als gescheiterter Staat (failed state) gebrandmarkt. In den vergangenen zwanzig Jahren hat Somalia unter zwar schwachen, aber doch feindseligen Machtteilungsbestrebungen gelitten, die das Land noch weiter auf eine politisch, wirtschaftlich und sozial nachteilige Bahn geführt haben. Kriegsherren-, Stammes- und Territorialkämpfe sind zur Regel geworden. Spannungen zwischen den konkurrierenden Stämmen scheinen tief verwurzelt zu sein, so dass es wellenartig immer wieder zu Kriegen zwischen Stämmen kommt, zu humanitären Katastrophen und fatalen Engpässen in der Lebensmittelversorgung.[2] Mit der kürzlich eingesetzten Übergangsregierung, die lediglich in der Lage ist, einzelne Blöcke im Herzen der Hauptstadt Mogadischu zu kontrollieren, verfügt die Regierung nicht über genug Macht, die Unzahl bestehender Probleme zu bewältigen. Die teilautonomen Gebiete Puntland und Somaliland bleiben sich selbst überlassen. Die Küsten und küstennahen Gebiete sind faktisch ein "Niemandsmeer".

Zunächst stellte Piraterie vor der somalischen Küste nur eine Bedrohung im Hafengebiet Mogadischus dar, doch seit Ende 2007 hat sich die Piraterie zunehmend in den Golf von Aden hinein ausgedehnt, wo größere und reichere Schiffe auf der Durchfahrt sind.[3] 20.000 Schiffe passieren alljährlich die von Piraten heimgesuchten Gewässer vor der Küste Somalias und im Golf von Aden.[4] Viele Reedereien mussten Erhöhungen ihrer Versicherungsprämien in Kauf nehmen, was nicht nur ein Problem für den Transport von Gütern darstellt, sondern auch Unregelmäßigkeiten auf dem Weltmarkt erzeugt.

Die mangelnde Regierungskontrolle der Hoheitsgewässer vor Somalia stellt zudem eine Einladung an ausländische Schiffe dar, Meeresressourcen zu wildern oder Giftmüll zu verklappen. Die Betreiber derartiger Schiffe haben erkannt, dass ihr illegales Handeln ohne eine effektive Regierung, die in ihren Hoheitsgewässern die Umsetzung der Gesetze sicherstellt, keine rechtlichen Konsequenzen hat. Beispielsweise gibt es Hinweise darauf, dass Schiffe der italienischen Mafia Giftmüll vor der somalischen Küste abgeladen haben. Die Kosten-Nutzen-Analyse ist für sie klar: Giftstoffe in die somalischen Gewässer abzulassen kostet pro Tonne etwa acht Euro, die fachgerechte Entsorgung in Europa würde sie tausende kosten.[5] Zur Überfischung und Verseuchung der somalischen Hoheitsgewässer kommen die endlosen Kampfhandlungen zwischen den Clans hinzu, die das Problem der Nahrungsmittelknappheit zusätzlich verschärfen. Verschiedene Stämme kämpfen erbittert um Rohstoffe wie Kohle, Khat, Nutztiere und Wasser. Viele Somalis haben keine andere Wahl, als in Gebiete abzuwandern, in denen die Ressourcenkonkurrenz gewaltlos ist und Lebensmittel leichter zugänglich sind. Dadurch wird jedoch ein Flüchtlings- und Vertriebenenproblem geschaffen und der Nachschub an untätigen jungen Männern als Kanonenfutter für gewaltsame Aktivitäten gewährleistet. Zum Teil ist es ein Ergebnis dieses weitverbreiteten Missbrauchs, dass einige Somalis Vergeltung üben, indem sie sich der Piraterie zuwenden.

Die von den Entführern verwendeten Waffen sind relativ einfach - Sturmgewehre, leichte Maschinengewehre und Panzerfäuste - und im Überfluss vorhanden. Es ist nicht schwer, sie über die unbewachten Grenzen Somalias zu bringen. So ist seit dem Sturz des Barre-Regimes Anfang der 1990er Jahre eine enorme Waffenmenge in das Land gespült worden. Eine wichtige Rolle bei der Aufstockung der örtlichen Bestände spielte der Einmarsch äthiopischer Truppen im Jahr 2006.[6] Auch Munition ist in rauen Mengen verfügbar.

Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts haben die Operationen somalischer Piraten immer weiter an Umfang, Kühnheit, Reichweite und Raffinesse gewonnen. Die Piraten haben ihre Aktivitäten auf bis zu 400 Seemeilen (740 Km) vor der Küste Somalias ausgedehnt. Es wurden Fälle dokumentiert, bei denen größere "Mutterschiffe" eingesetzt worden sind, um die Reichweite der kleinen Schnellboote, die bei den eigentlichen Überfällen verwendet werden, auszudehnen. Durch den Verkauf von Beutegut haben Piraten inzwischen Kontakte zu Hehlern und Financiers im Persischen Golf und Europa. In jüngster Zeit gibt es Berichte, dass Hintermänner in London die Piraten durch ausgeklügelte Informationsnetzwerke und Seeüberwachung unterstützen. Kriminelle Banden und Auswanderer sind in der Lage, die Routen von Schiffen aus aller Welt nachzuverfolgen. Dies war zum Beispiel der Fall beim türkischen Tanker "Karagöl", dessen Fahrt von London aus verfolgt und in den rechtlosen Gewässern des Golfs von Aden unterbrochen wurde.[7] Weil es sich bei dem Schiff um einen Chemietanker handelte, besteht der Verdacht, dass die Piraten damit möglicherweise eine Verklappung verhindern wollten.

Piraterie hat sich zu einer alternativen Lebensgrundlage entwickelt, die finanziell einträglich ist und für viele Somalis einen Ausweg aus den ärmlichen Verhältnissen darstellt - das ganze Land befindet sich in starkem Elend. Nach Angaben des Evangelischen Entwicklungsdienstes sicherten sich somalische Piraten im Jahr 2008 etwa 30 bis 40 Millionen US-Dollar Lösegeld.[8] Andere Angaben gehen im selben Jahr von bis zu 150 Millionen US-Dollar aus.[9] Angesichts des Mangels an anderen Einkommensquellen in Somalia stellt selbst die geringere Schätzung ein beträchtliches Einkommen sowohl für Einzelpersonen als auch für die regionale Wirtschaft als ganzes dar. Die Einnahmen werden breit gestreut: Die Lösegelder investieren die Piraten in luxuriöse Häuser, Autos, Alkohol, Hochzeiten und in die Prostitution. In manchen Küstengemeinden, die bisher von den Lösegeldern profitiert haben, gibt es jedoch erste Anzeichen des Unmuts den Piraten gegenüber. Es entstehen Bürgerwehren, die fest entschlossen sind, den Piratenbanden Widerstand zu leisten und sie zu verurteilen.[10]

Während in letzter Zeit vor allem die Piratenangriffe vor dem Horn von Afrika in den Medien äußerste Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben, darf jedoch nicht vergessen werden, dass Piraterie auch in anderen Regionen gedeiht, insbesondere im Nigerdelta und im gesamten Golf von Guinea in Westafrika.

Fußnoten

2.
Vgl. Afyare Abdi Elmi/Abdullahi Barise, The Somali Conflict: Root causes, obstacles, and peace-building strategies, in: African Security Review, 15 (2006) 1, S. 32 - 54.
3.
Vgl. Roger Middleton, Piracy in Somalia. Threatening global trade, feeding local wars, Briefing Paper, October 2008, in: www.chathamhouse.org.uk (13. 5. 2009).
4.
Vgl. Perils of the sea, in: The Economist vom 18. 4. 2009.
5.
Vgl. Andrian Kreye, Korsarenträume, in: Süddeutsche Zeitung vom 9. 5. 2009.
6.
Vgl. A. A. Elmi/A. Barise (Anm. 2).
7.
Vgl. Giles Tremlett, This is London - the capital of Somali pirates' secret intelligence operation, 11. 5. 2009, in: www.guardian.co.uk (11. 5. 2009).
8.
Vgl. Evangelischer Entwicklungsdienst, Info Konflikte und Friedensarbeit, 39 (Mai 2009), S. 3.
9.
Vgl. Marc Engelhardt, Die Schatulle der Piraten, 22. 4. 2009 in: www.taz.de (15. 5. 2009).
10.
Vgl. Jeffrey Gettleman, For Somali Pirates, Worst Enemy May Be on Shore, 8. 5. 2009, in: www.nytimes.com (11. 5. 2009).

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