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7.8.2009 | Von:
Edward A. Ceska
Michael Ashkenazi

Piraterie vor den afrikanischen Küsten und ihre Ursachen

Fall Nigeria

Nigerianische Piraten sind in den vergangenen zehn Jahren zunehmend kühner bei ihren maritimen Raubzügen geworden, vor allem im Golf von Guinea.[11] Zwischen den Bewohnern des Nigerdeltas und verschiedenen Ölfirmen gibt es einen Konflikt, dessen Ursprung im Jahr 1958 liegt, als der Shell-Konzern die Ölreserven im Delta entdeckte.[12] Seit dieser Zeit haben ethnische Spannungen, religiöse Unterschiede, mangelnde wirtschaftliche Perspektiven und zahlreiche soziale und politische Missstände stark zu dem langwierigen Konflikt beigetragen. Nigeria ist der sechstgrößte Öllieferant der Welt, etwa 2,5 Millionen Barrel Öl werden pro Jahr im Delta gefördert.[13] Die USA, Europa und Asien wetteifern um den Zugang zu den Ölfeldern. Unternehmen wie BP, Agip/Phillips, Safrap, Mobil, Texaco und Chevron betreiben Ölsuch- und Ölförderungsaktivitäten in Nigeria. Die Regierung empfängt die Ölkonzerne gegen großzügige Lizenzgebühren mit offenen Armen. In dem notorisch korrupten politischen System des Landes hat bislang nur ein geringer Teil dieses Geldes die Bevölkerung erreicht.

Die Bewohner des Deltas sind besonders schwer betroffen. Zwar gefährden die Ölfirmen leichtfertig ihr Leben und ihre Existenzgrundlagen durch Umweltverschmutzung, Verbrennung (unerwünschter Gase) und (unkontrollierte) Probebohrungen. Aber durch die Korruption wird nur ein geringer Anteil der Lizenzgebühren verwendet, um die Bevölkerung für entstehenden Nachteile zu entschädigen. Die Bewohner des Nigerdeltas glauben nicht, dass sie einen gerechten Anteil der Lizenzgebühren erhalten und dass die Ölkonzerne angemessen mit der Umwelt umgehen. Die Zentralregierung hat bisher keine Strategien für die wirtschaftliche, infrastrukturelle oder bildungspolitische Entwicklung dieser Region hervorgebracht, die so dringend notwendig wäre. Die Deltabewohner üben Vergeltung, indem sie Pipelines beschädigen und auf diese Weise vorsätzlich den Ölfluss unterbrechen - sowohl als Sabotage aus Protest, als auch, um Öl zu stehlen.

Militante politische Bewegungen, die sich dem bewaffneten Kampf gegen das verschrieben haben, was sie als Ausbeutung und Unterdrückung der Bewohner des Nigerdeltas betrachten, sind überaus zahlreich. Eine ist die "Bewegung für die Emanzipation des Nigerdeltas" (MEND, Movement for the Emancipation of the Niger Delta).[14] Sie entstand Anfang 2006 als große, mehr oder minder geschlossene Organisation, mit dem Ziel, die Lebensumstände ihrer Mitglieder zu verbessern.[15] Diese Gruppe erweist sich weniger als reine Piraten-, sondern vielmehr als eine allgemeine militante Gruppierung. Doch trotz ihres ideologischen Strebens nach Gerechtigkeit ist anzunehmen, dass auch die MEND finanzielle Gewinne durch Entführungen von ausländischen Ölarbeitern und die "Bunkerung" von Öl "erwirtschaftet" hat (Bei der "Bunkerung" wird Öl aus Tankern in eigene Tanker abgesaugt, die dann im Ausland verkauft werden). Die politische Opposition hat sich erhoben, um dem Vorgehen der multinationalen Ölkonzerne und der Regierung entgegenzuwirken - teilweise jedoch aus Motiven, die der Gier der Regierung in nichts nachstehen. Die andauernden ausbeuterischen Aktivitäten der Ölfirmen und der Regierung haben zudem für eine Zunahme der Gewalt gesorgt. In einem Fall bekannte sich die MEND zu Anschlägen auf wichtige Export-Pipelines, wodurch die Ölkonzerne gezwungen waren, ihre tägliche Fördermenge um 20 000 bis 50 000 Barrel zu senken.[16] Zusätzlich zur MEND gibt es weitere regionale militante Gruppierungen, die zu politischen und wirtschaftlichen Aktionen anstiften, aber weniger gut organisiert sind.

Ein Großteil von Nigerias Ölfördermenge stammt aus Offshore-Plattformen. Wie Inlandsbohrungen schaffen auch Offshore-Bohrungen Verschmutzungsprobleme durch auslaufendes Öl und Abfackelung. Sowohl die MEND als auch andere bewaffnete Gruppen - viele von ihnen handeln aus rein wirtschaftlichen Motiven - versuchen immer wieder, Kontrolle über Offshore-Öl zu gewinnen, welches sie als ihr rechtmäßiges Eigentum betrachten. Häufige Überfälle auf Bohrinseln und selbst Öltanker sind zu einem ernsten Problem für die Ölfirmen geworden. Im Juni 2008 beispielsweise war Shell gezwungen, nach einem MEND-Überfall auf eine ihrer Bohrinseln die Produktion dieser Plattform einzustellen.[17] Piraten machen Gewinne durch Lösegelder für entführte Ölarbeiter, durch das Kapern von Exportöltankern und durch "Bunkerung". Die meisten dieser Aktivitäten spielen sich in Nigerias Hoheitsgewässern ab.[18] Seit der Wende zum 21. Jahrhundert sind Entführungen von ausländischen Mitarbeitern der Ölfirmen im Golf von Guinea immer häufiger geworden. Ölsuche und -förderung sind daher zu einer ernsthaften Herausforderung für die multinationalen Ölkonzerne geworden.

Eine der Hauptursachen ist das Problem der Umweltzerstörung. Der Ärger darüber brach sich schließlich Bahn in Überfällen von Piraten und anderer militanter Gruppen auf ausländische Mitarbeiter von Ölfirmen und Erdölverwertungsanlagen. Einige Quellen deuten darauf hin, dass die ethischen Standards der internationalen Ölfirmen niedrig sind und die Verschmutzung der Umwelt zur alltäglichen Praxis gehört.[19] Auch die Praktiken der regionalen nigerianischen Öl-Betriebe sind problematisch. Wie in Somalia haben Fischer ihre Lebensgrundlage verloren, weil die Verschmutzung einen Großteil der Fischbestände in der Region vernichtet hat. Im Nigerdelta sind aber nicht nur die Fischer, sondern auch viele Bauern durch die Bohrungen ihrer Existenzgrundlage beraubt: Durch Lecks ausgelaufenes Öl ist tief in den Erdboden gesickert und hat riesige Flächen einst fruchtbaren Landes im Nigerdelta unbrauchbar gemacht. Obst- und Gemüseanbau, woraus große Teile der Bevölkerung ihren Lebensunterhalt bestreiten, ist hier oft nicht mehr möglich. Piraterie wird deshalb letztlich als Rache angesehen.

Der immense Schaden ist zum Teil auf die Fahrlässigkeit der Ölfirmen zurückzuführen, zum Teil aber auch auf Lecks, die durch die Beschädigung von Pipelines durch Einheimische entstanden sind, die Öl als Treibstoff stehlen oder die Ölkonzerne angreifen wollen. Insbesondere junge Männer widersetzen sich den Firmen und der nigerianischen Armee, die nicht nur die Umwelt, sondern auch die Aussicht auf zukünftige Arbeit und Entwicklung zerstört haben. Die entsprechend hohe Arbeitslosigkeit, Zorn und Verbitterung haben dazu geführt, dass Einheimische im ganzen Nigerdelta gegen die multinationalen Ölkonzerne und die Landesregierung rebellieren und viele sich Piratenbanden wie der MEND angeschlossen haben. Im Vergleich mit den Piraten am Horn von Afrika sind die nigerianischen Piraten für ihre deutlich aggressivere Vorgehensweise berüchtigt. Opportunistischen bewaffneten Banden gelingt es auf diese Weise, finanziellen Gewinn aus diesem System zu schlagen.

Ein weiteres großes Problem ist der leichte Zugang zu Waffen: Schätzungen gehen davon aus, dass in Nigeria zwischen einer und drei Millionen Schusswaffen im Umlauf sind - eine ernste Bedrohung für die Sicherheit der Menschen.[20] Die nigerianischen und die somalischen Piraten verwenden die gleichen Waffen. Neben den Importen von deutschen G3-Schnellfeuergewehren aus deutscher, türkischer und möglicherweise iranischer Produktion[21] sind auch nigerianische G3-Nachbauten und AK-Sturmgewehre weithin erhältlich. Als Quelle dienen häufig auch Waffenlager des Militärs, zu denen sich die Einheimischen mit Leichtigkeit Zugang verschaffen können. Andere Waffen kommen aus dem benachbarten Ausland - entweder aus "Lager-Lecks" oder unerlaubten Abzweigungen während des legalen Handels. Zusätzlich beziehen die Piraten Waffen durch die Einnahmen aus Entführungen von Ölarbeitern und aus dem Verkauf von Öl.[22] In einer Initiative zur Reduzierung der in Umlauf befindlichen Waffen hat die Regierung all jenen finanzielle Anreize versprochen, die bereit sind, ihre Waffen abzugeben.[23] Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass dieser Schritt Piraten dazu bewegen kann, ihre Waffen an eine "ölfreundliche" Regierung zu übergeben, welche die Bedürfnisse der Bevölkerung des Nigerdeltas offensichtlich ignoriert. Vielmehr ist anzunehmen, dass mit wachsender Unzufriedenheit im Nigerdelta der Waffenbedarf militanter Gruppen weiter steigen wird.

Fußnoten

11.
Vgl. NATO Chief Says Africa Must Fight Pirates, 21. 11. 2008 in: www.newera.com.na (2. 4. 2009).
12.
Vgl. International Crisis Group, Nigeria: Ogoni Land after Shell, Africa Briefing, 54 (September 2008).
13.
Vgl. Samuel C. Ugoh, Oil Politics and the Crisis of Development in the Niger Delta, in: Journal of Sustainable Development in Africa, 10 (2008) 2, S. 91 - 115.
14.
Vgl. Ed Kashi/Michael Watts, Curse of the Black Gold: 50 Years of Oil in the Niger Delta, Brooklyn, NY 2008.
15.
Vgl. Mathew Skinner, Delta Force - Nigerian militant group's aims remained blurred, in: Jane's Intelligence Review, 21 (2009), S. 20 - 23.
16.
Vgl. International Crisis Group, Nigeria: Ending Unrest in the Niger Delta, Africa Report, 135 (December 2007).
17.
Vgl. Lydia Polgreen, Oil Field Operation Suspended After Attack by Nigerian Rebels, 20. 6. 2008, in: www.nytimes.com (20. 5. 2009).
18.
Vgl. Charles W. Corey, Africa: America Builds New African Partnerships to Tackle Piracy, 23. 2. 2009, in: www.allafrica.com (17. 5. 2009).
19.
Ein leitender Ingenieur eines großen Ölkonzerns hingegen beharrt auf der Feststellung, dass die Praktiken der Ölkonzerne mit westlichen Standards übereinstimmen. So Richard Heinrich Ross (von Januar 2001 bis Juli 2002 in leitender Funktion in Warri/Nigeria) im Telefoninterview mit dem Autor am 26. 4. 2009.
20.
Vgl. Jennifer M. Hazen/Jonas Horner, Small Arms, Violence, and Insecurity in Nigeria: The Niger Delta in Perspective, Geneva 2007.
21.
Persönliche Auskunft der nigerianischen Polizei an den Autor, 2007.
22.
Vgl. Nigeria oil fuels Delta conflict, 25. 1. 2006, in: http://news.bbc.co.uk (15. 5. 2009).
23.
Vgl. Nigeria Launches Disarmament Program, 23. 5. 2004, in: www.voanews.com (20. 5. 2009).

Afrika - Länder und Regionen
Informationen zur politischen Bildung (Heft 302)

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