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7.8.2009 | Von:
Edward A. Ceska
Michael Ashkenazi

Piraterie vor den afrikanischen Küsten und ihre Ursachen

Ähnlichkeiten, Unterschiede, Lösungen und Zukunftsaussichten

Wie wir knapp dargestellt haben, ist Piraterie sowohl in Somalia als auch in Nigeria ein Problem. Das Fehlen einer wirksamen Führung behindert die Gesundung beider Staaten. Keines der Länder vermag es, sein Hoheitsgebiet zu kontrollieren und für die eigene Bevölkerung zu sorgen. Der Mangel an Polizeiarbeit in Somalia und Korruption innerhalb der Regierung sowie schlecht geführte bewaffnete Antworten im Nigerdelta haben dazu geführt, dass die Piraten nicht gestoppt werden konnten. Fehlende regionale Entwicklung bedeutet, dass Rekruten jederzeit für die Piraterie zu haben sind. Der Verlust der Lebensgrundlagen - ob durch Umweltverschmutzung oder Überfischung - schafft sowohl in Somalia als auch in Nigeria die besonderen Umstände, unter denen Piraterie gedeihen kann.

Die Arbeitslosigkeit macht jegliche Aussicht der Bürgerinnen und Bürger - ob jung oder alt - auf eine sichere Zukunft für sich selbst und ihre Familien zunichte. Es ist nicht überraschend, dass sich viele verzweifelte Menschen in der Hoffnung auf einen Ausweg der Piraterie zuwenden. An beiden Küsten des afrikanischen Kontinents sind es vor allem junge Menschen, die sich aktiv an der Piraterie beteiligen. Ohne Ausbildung und Vorbilder haben sie kaum eine andere Wahl, als dem Ruf der Piraterie zu folgen. Die gewaltsamen Konflikte werden geschürt von den Waffen und der Munition, die über die Grenzen nach Somalia und Nigeria eingeführt werden. Sie liefern den Piraten die notwendigen Werkzeuge für ihre Unternehmungen.

Es gibt jedoch Unterschiede zwischen somalischer und nigerianischer Piraterie. Ein Ziel somalischer Piraten besteht in der Geiselnahme von Seeleuten zur Lösegelderpressung. Es widerspräche dem Zweck ihrer Jagd auf reiche Schiffe, wenn sie ihren Geiseln etwas antun würden. In Nigeria dagegen spielt neben dem Ziel, Geld von den Ölfirmen zu erpressen, auch Wut eine Rolle, und die nigerianischen Piraten sind für ihre Gewalttätigkeit und Aggressivität bekannt. Dies ist möglicherweise auch auf unterschiedliche kulturelle Hintergründe zurückzuführen: Die Zahlung von Blutgeld (dia) bietet in der somalischen Tradition eine gewisse Kontrolle über die Bereitschaft von Somalis, ihre Geiseln zu töten. Das gilt jedoch nicht für nigerianische Piraten.

In Somalia gehören Piraten für gewöhnlich hoch entwickelten und gut durchdachten Syndikaten an, die imstande sind, Piraterie an Land und vor der Küste zu betreiben. In Nigeria scheinen die Piratengruppen nicht so gut organisiert zu sein wie ihre "Kollegen" in Somalia. Obgleich nigerianische Gruppen Kontakte zu kriminellen Netzwerken im Ausland benötigen, um "gebunkertes" Öl zu verkaufen, scheinen sie nicht über das hochentwickelte Informationssystem zu verfügen, das die Somalis einsetzen.

Einen letzten Unterschied bildet der politische und wirtschaftliche Hintergrund. Die Nahrungsunsicherheit ist in Somalia noch bedrohlicher als in Nigeria, weil nicht nur der Fischbestand durch ausländische Schiffe vernichtet wird, sondern auch die Rohstoffe an Land, die für die Zukunftsfähigkeit des somalischen Volkes unerlässlich sind, von Kriegsherren, religiösen Bewegungen und ausländischen Truppen umkämpft sind. Im Gegensatz dazu ist in Nigeria vor allem die ungenügende Staatsführung das Problem. Vereinfacht ausgedrückt: Die Somalis leiden unter Ressourcenknappheit, was viele zur Piraterie treibt, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Im Nigerdelta dagegen leidet die Bevölkerung unter dem bekannten "Ressourcenfluch": der unkontrollierten Ausbeutung eines Hauptrohstoffs, in diesem Fall Öl.


Afrika - Länder und Regionen
Informationen zur politischen Bildung (Heft 302)

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