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7.8.2009 | Von:
Lutz Mükke

Allein auf weiter Flur: Korrespondenten in Afrika

Professionalisierungsbedarf beim redaktionellen Management

In der Untersuchung konnten zudem deutliche Defizite im redaktionellen Management von Afrika-Korrespondenten und Afrika-Berichterstattung festgestellt werden. Anders als mit einem generellen Desinteresse ist kaum zu erklären, dass Afrika meist als Einstieg in die Korrespondentenkarriere dient: Die Mehrzahl der Korrespondenten kann relativ ahnungslos und ohne Regionalkenntnisse ihre Arbeit in Afrika beginnen, im Einzelfall entsenden deutsche Leitmedien sogar Korrespondenten, die Subsahara-Afrika vorher noch nie betreten haben. Bestenfalls führen solche Personalentscheidungen zu jahrelangen Einarbeitungszeiten, im schlechtesten Fall zu dauerhaft wenig kompetenter Berichterstattung. Das autodidaktische Aneignen von Wissen über die Berichtsgebiete in Afrika überwiegt deutlich gegenüber dem systematischen, institutionalisierten Erwerb. Die große Mehrheit der befragten Afrika-Korrespondenten wird beim Erwerb von afrikaspezifischem Fachwissen von ihren Redaktionen zudem alleingelassen. Ob und auf welchem Weg sich Afrika-Korrespondenten fachliche Kompetenzen aneignen, ist weitgehend ihnen selbst überlassen. Aus- und Weiterbildungsbemühungen von Redaktionen beschränken sich meist auf Urlaubsvertretungen, Sicherheitstrainings für Einsätze in Krisen- und Kriegsgebieten, Französisch-Intensivkurse oder so triviale Aktivitäten wie Besuche afrikanischer Botschaften und des Auswärtigen Amtes in Berlin. Die Sprachkompetenzen der meisten Afrika-Korrespondenten sind anglophon geprägt. Französisch spricht nur eine Minderheit, afrikanische Sprachen fast keiner. Von Kausalitäten zwischen solchen Zuständen und begrenzten redaktionellen Kompetenzen ist auszugehen.

Alle Korrespondenten haben einen Abiturabschluss, etwa vier Fünftel schlossen ein Hochschulstudium ab, zwei Drittel absolvierten ein Volontariat. Zudem kann der Großteil der Befragten auf langjährige journalistische Berufserfahrungen zurückgreifen. Die Erfahrungshorizonte der Interviewpartner in Afrika differieren stark, reichen von Neueinsteigern mit wenigen Monaten bis hin zu einem Kollegen, der auf 25 Jahre Korrespondentenerfahrung in Afrika zurückblicken kann.

Ohne Zweifel gehört das Personalmanagement zu den zentralen Kompetenzbereichen der Leitungsebene jedes Medienhauses. Da Korrespondenten wesentlichen Anteil an der Ausgestaltung von Afrika-Berichterstattung haben - in den analysierten Medien stammen bis zu 90 Prozent der großen Reportagen aus ihren Federn - sollte man meinen, dass diese mit größter Sorgfalt ausgewählt werden. Die Untersuchung der Auswahlkriterien für Afrika-Korrespondenten förderte jedoch teilweise Erstaunliches zutage: In der Branche herrscht zwar eine ungefähre Vorstellung darüber, nach welchen Kompetenzkriterien Afrika-Korrespondenten theoretisch ausgewählt werden sollten. Doch die Wirklichkeit sieht zuweilen anders aus. Während journalistische Kompetenzen eindeutig als primäres Auswahlkriterium gelten, werden bei Regionalwissen teils erhebliche Abstriche gemacht. Im Allgemeinen legen Medienhäuser Wert darauf, dass Korrespondenten vor ihrer Entsendung unter anderem einen journalistischen Sozialisationsprozess in ihren Redaktionen erfolgreich durchlaufen, bei dem Arbeitsroutinen und Nachrichtenauswahlkriterien internalisiert und Kontaktnetzwerke innerhalb der Organisationsstrukturen aufgebaut werden. Daneben können noch zahlreiche andere Auswahlkriterien bei der Vergabe von Korrespondentenstellen von zentraler Bedeutung sein (z.B. Persönlichkeitsmerkmale, Zugehörigkeit zu Ressorts oder ARD-Landesanstalten, gute Beziehungen zu Entscheidungsträgern). So kann es sein, dass entsendete Korrespondenten unter Umständen auch aus Regional-, Sport- oder Unterhaltungsredaktionen kommen und wenig Auslands- geschweige denn Afrika-Erfahrung vorweisen können. Korrespondentenstellen werden zudem auch als Belohnung vergeben oder dienen in Einzelfällen zur Ruhigstellung unliebsamer Mitarbeiter auf weit entfernten, peripheren Außenposten.

Die Zusammenarbeit zwischen freien Korrespondenten und Abnehmerredaktionen ergibt sich häufig zufällig - oft schlicht über ihre Verfügbarkeit oder die Absatzfähigkeit ihrer journalistischen Angebote. Insgesamt fügen sich die Auswahlkriterien für Afrika-Korrespondenten in das Gesamtbild der analysierten Konstruktions- und Produktionsprozesse von Afrika-Berichterstattung: Sie sind zu einem erheblichen Teil willkürlich.

Diese Aussage kann auch mit den Ergebnissen zur Qualität der Kontakte zwischen Korrespondenten und Redaktionen untermauert werden: Zwar beantworten zwei Drittel der Korrespondenten, diese seien "sehr gut" oder "gut". Aber diese positiven Auskünfte zielen zu einem nicht geringen Teil auf atmosphärische Aspekte ab und nicht auf eine professionell-kompetente inhaltliche Betreuung. Kompetent betreut werden Korrespondenten nur in Ausnahmefällen. Drei Viertel der Befragten geben an, sich "selten" oder "nie" mit den Abnehmerredaktionen inhaltlich über Afrika-Themen auseinanderzusetzen. In den Redaktionen sind "Afrika-Müdigkeit", Kompetenzdefizite und Konzeptlosigkeit weit verbreitet. Knapp die Hälfte der Befragten erklärt, für inhaltliche Fragen auf keinen festen Ansprechpartner für Afrika in den Abnehmerredaktionen zurückgreifen zu können. Das geben selbst Korrespondenten an, die für so einflussreiche Medien wie ARD, ZDF oder dpa arbeiten.

Abgesehen von wenigen Einzelpersonen herrscht in den Redaktionen ein weit verbreitetes Desinteresse und Unwissen in puncto Afrika. In den wenigen Fällen, in denen Redaktionen Afrika-Redakteure beschäftigen, haben diese noch andere Weltregionen wie den Nahen Osten und Osteuropa oder Organisationen wie die UN parallel zu betreuen. Zudem beziehen Abnehmerredaktionen ihre Korrespondenten kaum in längerfristige konzeptionelle Planungen der Auslands- bzw. Afrika-Berichterstattung ein. Korrespondenten und lokale Mitarbeiter äußern zwar eine Vielzahl von konstruktiven Vorschlägen, wie die Berichterstattung zu verbessern sei. Doch finden diese Hinweise unter den genannten Bedingungen selten Gehör und zeitigen noch seltener praktische Konsequenzen.


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