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7.8.2009 | Von:
Lutz Mükke

Allein auf weiter Flur: Korrespondenten in Afrika

Afrika in der Dramatisierungsfalle

Der Zusammenhang zwischen fachlich-inhaltlichen Defiziten von Redaktionen und favorisierten Nachrichtenauswahlkriterien ist naheliegend: Je geringer die Kompetenz, desto stärker wird beispielsweise der Einfluss diverser Leitmedien und Nachrichtenagenturen, verschiedenster Public Relations (PR) oder des Nachrichtenfaktors Konsonanz (Gleichförmigkeit/Erwarbarkeit der Berichte). Denn wenig kompetente Redakteure können kaum eigenes Urteilsvermögen einbringen und müssen sich so auf ihre eigenen kognitiven Erwartungen und Klischees bzw. den verbreiteten journalistischen Mainstream zurückziehen. Für eben jene wenig kompetenten Redaktionen produziert jedoch die Mehrzahl der befragten Korrespondenten Beiträge. Themenauswahl und -präsentation richten sich dabei stark nach dem Interesse des deutschen Publikums und nach dem Medienmarkt. Die Nachrichtenschwelle für Beiträge aus Afrika liegt dabei in vielen Redaktionen derart hoch, dass ein durchsetzungsfähiger Nachrichtenwert in der aktuellen Berichterstattung oft nur von heftigen Katastrophen, Kriegen und Krisen oder Themen mit starkem Deutschlandbezug erbracht werden kann. Diese beschränkt-dimensionale Stereotypisierung des Kontinents verstärkt wiederum den Ermüdungseffekt bzw. den Afrika-Pessimismus der Redaktionen und betoniert damit die Höhe der Nachrichtenschwelle. Afrika befindet sich somit in einer "Dramatisierungsfalle". Viele Redaktionen passen sich zudem Boulevardisierungs- bzw. Ökonomisierungstendenzen innerhalb des Abnehmermarktes an, indem sie sich stärker vermischten und bunten Themen zuwenden.

Schwer absetzbar sind hingegen Themen wie Innen- und Außenpolitik afrikanischer Staaten, Alltag, Kultur, Literatur oder lokale Wirtschaftsthemen. Themenfelder wie soziale Netze, informeller Sektor oder Arbeitnehmerperspektiven werden so gut wie nicht behandelt. Einer der deutlichsten Befunde lautet: Themen, Details und Personen aus den Nahbereichen des politischen und zivilgesellschaftlichen afrikanischen Lebens sind für die Mehrzahl der Abnehmerredaktionen tendenziell von wenig Belang und daher schwer absetzbar. Diese Aussagen treffen jedoch nur zum Teil auf Südafrika zu, dem eine deutlich differenziertere mediale Aufmerksamkeit zuteil wird: In den analysierten Medien wird über das Land am Kap mehr berichtet als über 30 andere afrikanische Länder zusammen.

Die oft kritisierte "K-Berichterstattung" (Kriege, Krisen, Katastrophen, Krankheiten) nimmt zwischen 40 bis 50 Prozent der analysierten Berichte ein. Hohen Nachrichtenwert besitzen vor allem negative Ereignisse, die konfliktreich verlaufen, bei denen große Schäden auftreten und in die mächtige Staaten, Organisationen oder prominente politische Akteure involviert sind. Dabei hat der Bezug zur westlichen Welt- und Werteordnung erhebliche Bedeutung. Externe Ereignisse und Akteure lösen oft Berichterstattungshochs aus (Bundeswehreinsätze, Reisen von Bundeskanzlern oder -präsidenten, US-Präsidenten, UN-Konferenzen etc.). Deutsche Akteure bzw. der Deutschlandbezug spielen dabei eine herausragende Rolle. Der Anteil von externen Akteuren wie UN, Hilfsorganisationen, EU, westlichen Regierungen oder Deutschen beträgt in der Afrika-Berichterstattung erstaunliche 40 Prozent. Während diese externen Akteure überwiegend positiv in Erscheinung treten, werden afrikanische Akteure vor allem negativ dargestellt. In Nebenrollen treten häufig "namenlose afrikanische Massen" in fatalen Lagen oder aussichtslosen Situationen auf.

Interessant ist auch, dass nichtafrikanische Quellen die untersuchte Afrika-Berichterstattung stärker beeinflussen als afrikanische. Sie stellen zwei Drittel aller nachweisbaren Quellen der analysierten Berichterstattung. Dabei stechen deutsche Quellen und die UN quantitativ hervor. Die am häufigsten genutzten Quellen sind dabei andere Medien. Regierungsvertreter (afrikanische, westliche, deutsche) und supranationale Organisationen stellen die zweitwichtigste Quellengruppe. Den drittgrößten Block bilden UN und Hilfsorganisationen. Viele afrikanische Quellengruppen kommen hingegen so gut wie nicht zu Wort. Das betrifft vor allem Vertreter der Zivilgesellschaft wie zum Beispiel Künstler, Musiker, Schriftsteller, Wissenschaftler, Studenten, Lehrer, Schüler, Kirchen- und Religionsvertreter. Die Nachrichtenauswahl und -konstruktion von Afrika-Themen fokussiert zudem auf einen sehr kleinen prominenten Elite-Personenkreis und zumeist auf Politiker der "ersten Reihe" bzw. Persönlichkeiten der Weltpolitik (US-Präsident, UN-Generalsekretär etc.). Der Mangel an in Deutschland (und in den Redaktionen) bekannten Angehörigen der afrikanischen Elite behindert die nötige Personalisierung von Berichterstattung stark und schmälert die Absatzchancen von Beiträgen.


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