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7.8.2009 | Von:
Lutz Mükke

Allein auf weiter Flur: Korrespondenten in Afrika

Kommunikative Hochbeschleunigung und Ökonomisierung

Selbstverständlich gewinnt das Internet als Recherchewerkzeug auch für die Afrika-Berichterstattung an Bedeutung. Es erleichtert und beschleunigt Kommunikation und Arbeitsprozesse enorm. Allerdings gehen mit dieser kommunikativen Hochbeschleunigung auch große Gefahren für den Journalismus einher. Die Digitalisierung macht es möglich, dass einzelne Korrespondenten in einem der logistisch schwierigsten Berichtsgebiete der Welt 1000 Radiobeiträge im Jahr produzieren. Das ist nur möglich, da Internet und Digitalfunk permanent als O-Ton-Lieferanten und Sekundär- und Tertiärquellen anzapfbar sind.

Der Trend zum virtuellen Journalismus und zu Schreibtischrecherchen kann also mit einem Verlust an journalistischer Qualität, Vielfalt und Glaubwürdigkeit sowie mit der Gefahr einer sich verstärkenden selbstreferenziellen Orientierung an anderen Medien einhergehen. Im krassem Gegensatz zum Beschleunigungstrend der Produktionsprozesse in den Abnehmerredaktionen steht jedoch, dass die Ressource Zeit zu einem der wichtigsten Recherche-Faktoren in Afrika gehört. Die Zeitdimensionen dieser Weltregion und die Größe der Berichtsgebiete erlauben nur eine sehr begrenzte Beschleunigung der Berichterstattung.

Die schiere Größe der Berichtsgebiete, die einzelne Korrespondenten zu betreuen haben, zeigt: Ein detailliertes journalistisches Hinschauen auf Geschehnisse in Afrika ist strukturell überhaupt nicht vorgesehen. In ihrer Größe spiegelt sich gleichsam das ganze Ausmaß des Desinteresses vieler Redaktionen wider. Knapp die Hälfte der Korrespondenten betreut alle 48 Länder Subsahara-Afrikas. Im Durchschnitt ist ein Afrika-Korrespondent für 33 Länder zuständig. Und in durchschnittlich ein Drittel der Länder ihrer Berichtsgebiete haben Korrespondenten noch nie einen Fuß gesetzt. Die Inhaltsanalyse zeigt: Weit mehr als die Hälfte aller 48 Länder Subsahara-Afrikas finden so gut wie keinen Eingang in die Berichterstattung.

Die großen Flächenberichtsgebiete und die Vielzahl an Ländern sollten das Reisen zu einer der dringlichsten Aufgaben für Korrespondenten machen. Denn nur dadurch können sie sich zumindest einen groben Überblick über ihre Berichtsgebiete verschaffen, in denen einzelne Länder die Ausdehnung ganz Westeuropas erreichen. Die Augenzeugenschaft, das Beobachten, Recherchieren und Erleben vor Ort sind nicht nur eine Grundvoraussetzung für das Produzieren von Reportagen, sondern vor allem auch für das Bereitstellen von Hintergrundwissen und originären, neuen Themenideen, die nicht einer Schreibtischrecherche bzw. dem Medien-Mainstream entspringen. Häufig ermöglicht erst das Reisen journalistische Unabhängigkeit, Analysefähigkeit, Thematisierungs- und Kontextualisierungskompetenz. Doch auch hier hat sich die Korrespondentenarbeit erheblich verändert. Zwei Drittel der befragten Korrespondenten klagen über teils drastische Einschnitte in ihre Reisebudgets. Mit dem Abschmelzen dieser Budgets korreliert wiederum die Auswahl von Reisezielen - und letztlich auch von Themen. Die Schwerpunkte der Reisetätigkeiten liegen deshalb zuallererst in jenen Ländern, in denen sich die Korrespondentenbüros befinden (Nairobi/Kenia; Johannesburg und Kapstadt/Südafrika). Entferntere Regionen wie Westafrika werden eher vernachlässigt.

Die zunehmende Ausrichtung von Medien an ökonomischen Effizienzkriterien und die gewerbliche Organisation von Journalismus bewirkt auch eine Ökonomisierung journalistischer Rollenbilder: Unter anderem weil Afrika-Berichterstattung in der beschriebenen Dramatisierungsfalle steckt, definiert sich ein Großteil der Korrespondenten als Verkäufer und Makler von Themen oder als redaktionelle Manager. Das Verkaufen und Makeln von Beiträgen nimmt zunehmend mehr Raum ein und ist ein wichtiger Bestandteil von Arbeitsaufgaben und -routinen geworden. Eine schleichende Ökonomisierung journalistischer Handlungsweisen und Rollenbilder findet dabei oft über die Unterordnung an Bedingungen knapper redaktioneller Ressourcen statt (Zeit, Geld, Personal, Publikationsplatz). Die organisatorisch und institutionell auf den Markt zugeschnittenen Rahmenbedingungen definieren den ansonsten großen Bewegungs- und Handlungsspielraum von Afrika-Korrespondenten zunehmend. Das befördert eine Art Dienstleistungsjournalismus, der sich vornehmlich an den Gewünschtheiten des Marktes ausrichtet.

Im Kontrast dazu ist das Rollenbild des investigativen Journalisten unter Afrika-Korrespondenten kaum anzutreffen, auch weil es in der Regel an umfangreiche Ressourcen (Zeit, Budget, Personal, Know-how) sowie an das Interesse und die Kompetenz von Abnehmerredaktionen gebunden ist. Investigativer Journalismus wird von den befragten Korrespondenten zudem oft als Aufgabe einheimischer Journalisten verstanden, weil diese leichteren Zugang zu Geschehnissen, Quellen und Akteuren hätten. Naheliegende Kooperationen zwischen einheimischen Journalisten und Korrespondenten im investigativen Bereich finden so gut wie nicht statt. Selbst in Themensegmenten, zu denen Afrika-Korrespondenten tendenziell leichteren Zugang haben als ihre lokalen afrikanischen Kollegen, wird von ihnen kaum investigative Arbeit im Sinne von Machtkontrolle und -kritik geleistet. Ihre Kritik- und Kontrollfunktion nehmen Korrespondenten auch dort kaum wahr, wo sie eigentlich greifen müsste - bei der Arbeit westlicher Hilfsorganisationen, Militärs, Unternehmen, der UN, von Diplomaten und Botschaften.


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