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7.8.2009 | Von:
Lutz Mükke

Allein auf weiter Flur: Korrespondenten in Afrika

Vorschläge für die journalistische Praxis

    1. Organisationsgrad erhöhen: Selbst freie Journalisten machen mit eigenen Organisationen auf sich und ihre Anliegen aufmerksam. Um die Debatte über Auslandsjournalismus dezidierter mitzugestalten, sollten sich Auslandsjournalisten in einem dualen System der Standesvertretung organisieren - nicht nur in Korrespondentenvereinigungen an den jeweiligen Korrespondentenstandorten, sondern auch in Deutschland.

    2. Redaktionsmanagement optimieren: Im redaktionellen Management von Auslandsberichterstattung liegt erhebliches Optimierungspotenzial. Ansatzpunkte sind unter anderem eine stringentere Auswahl von Korrespondenten und Redakteuren nach klar definierten Kompetenzkriterien, fundierte und kontinuierliche redaktionelle Betreuung von Korrespondenten, Koordination von Korrespondenten, Reportern und Redakteuren auch über Ressortgrenzen hinweg sowie eine stärkere Einbeziehung von Korrespondenten in längerfristige konzeptionelle Planungen.

    3. Ausbildung und Kooperation mit Wissenschaften: Ausbildungsanforderungen und -angebote an Auslandskorrespondenten sollten definiert und professionalisiert werden. Dazu bedarf es berufsbegleitender Weiterbildungsangebote sowie eine entsprechende Ausbildung des journalistischen Nachwuchses. Stärkere Kooperationen zwischen Medienhäusern und wissenschaftlichen Einrichtungen in den Bereichen der Regional-, Politik-, Militärwissenschaften oder Journalismusforschung sind zweckmäßig und wünschenswert.

    4. Berufsbild differenzieren: Korrespondenten sind mit der Aufgabe überfordert, als einzelkämpfende Allrounder gleichzeitig kompetent sowohl als Analyst, Vermittler zwischen den Kulturen, Lifestyle- und Boulevardjournalist als auch als Krisen- und Kriegsberichterstatter arbeiten zu müssen. Besonders im Bereich der Krisen- und Kriegs-Berichterstattung müssen Berufsbilder des Auslandsjournalisten und -korrespondenten weiter differenziert und spezialisiert werden.

    5. Zusammenarbeit vertiefen: Potentiale für internationale Vernetzungen und Kooperationen journalistischer Akteure müssen besser genutzt werden. Afrika-Journalismus muss langfristig stärker die Kompetenzen lokaler Mitarbeiter und ausländischer Journalisten einbinden und fördern, um eine Berichterstattung zu ermöglichen, die mit den Einheimischen erfolgt und nicht nur über sie.

    6. Kritik- und Kontrollfunktion stärken: Journalismus muss seine Aufgabe als "vierte Gewalt" im Ausland stärker wahrnehmen. Medienunternehmen sollten sowohl Ressourcen als auch Know-how bereitstellen und Machtkontrolle in Form von Hintergrund- und Recherchejournalismus im Ausland fördern. Das betrifft in besonderem Maße Themenfelder, innerhalb derer westliche Journalisten potentiell Kontrollfunktionen auszuüben haben - etwa hinsichtlich der Arbeit von Botschaften, Hilfsorganisationen, westlichen Unternehmen oder bei Militäreinsätzen. 7. Keine PR und Propaganda: Auslandsjournalisten sollten keine PR machen - auch nicht für Regierungen und Hilfsorganisationen.

    8. Kein Kolportage-Journalismus: Auslandsberichterstattung darf nicht dazu verkommen, Proklamationen derer zu kolportieren, die vorgeben, demokratische Regeln, humanitäre Werte oder Hilfe zur Selbsthilfe in alle Welt exportieren zu wollen. Auslandsjournalismus muss der Aufgabe gerecht werden, faktenorientiert, kritisch und hintergründig diese Proklamationen auf ihren Tatsachengehalt zu prüfen.

    9. Respekt vor dem Anderen: Positionen, Probleme, Kontroversen, Entwicklungstendenzen und Ansichten anderer Weltregionen und deren Bewohner müssen frei von Mitleids-, Feind- und Angstbildern vermittelt werden.

    10. Aufklärung statt Zentrismen: Eine zu starke Selbstbezüglichkeit und Orientierung an den Selbst- und Fremdbildern sowie Ideologien deutscher Werteordnungen reicht für Wirklichkeitsentwürfe eines progressiven Auslandsjournalismus nicht aus. Auslandsberichterstattung sollte dazu beitragen, ethno-, euro- oder marktzentristische Sichtweisen zu erodieren und nationalstaatliche Kontextualisierungen gegebenenfalls aufzubrechen und durch andere Blickwinkel zu bereichern. Ziel muss der aufgeklärte Rezipient sein, der durch den Konsum von massenmedialem Journalismus den intellektuellen und kulturellen Herausforderungen von Globalisierungsprozessen besser gewachsen ist als ohne.

    11. Beschleunigte Produktionsprozesse beherrschen: Technische Innovationen und neue Kommunikationsmöglichkeiten erleichtern Informationszugang, Kommunikation und Mobilität von Journalisten. Praktiker und Wissenschaftler sind dazu angehalten, sich stärker mit beschleunigten kommunikativen Produktionsprozessen und ihren Auswirkungen auf den Auslandsjournalismus auseinanderzusetzen, um dem grassierenden "Copy-Paste-Büro-Journalismus" Einhalt zu gebieten.

    12. Öffentlich-rechtliche Verantwortung stärken: Das von der deutschen Bevölkerung weitgehend von marktwirtschaftlichen Zwängen befreite öffentlich-rechtliche Fernsehen trägt besonders große Verantwortung für den demokratischen Diskurs. Öffentlich-rechtliche Anstalten sind in besonderem Maße dazu verpflichtet, außenpolitische Entwicklungen kompetent, prominent, vielfältig und umfangreich zu recherchieren, kontextualisieren, präsentieren und diskutieren. Trotz vergleichsweise umfangreichem personellen und finanziellen Engagements äußern Journalisten der öffentlich-rechtlichen Medien Unzufriedenheit über Programmstrukturen, Redaktionsmanagement, inhaltliche Ausrichtungen, Quoten- und Inlandsorientierung sowie Boulevardisierungstendenzen. Die Diskrepanz von potentiell Machbarem und strukturell Möglichem führt bei etlichen Korrespondenten zu Frustration. Zumindest im Fernsehbereich könnten daher die weltweit stark aufgestellten und oftmals in Parallelstrukturen arbeitenden ARD- und ZDF-Korrespondentennetze in einem gemeinsamen Auslandskanal kooperieren.


Afrika - Länder und Regionen
Informationen zur politischen Bildung (Heft 302)

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