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31.7.2009 | Von:
Rolf Haubl

Wahres Glück im Waren-Glück?

Sehnsucht nach Glück

Wer aus einer psychoanalytischen Perspektive auf das Glück blickt, sieht sich mit einer tiefen Skepsis des Ur-Vaters der Psychoanalyse Sigmund Freud konfrontiert: "Dass der Mensch glücklich' sei, ist im Plan der Schöpfung' nicht enthalten."[2] Denn es gibt vieles, was sein Glück vereitelt und sich seiner Kontrolle entzieht, nicht zuletzt seine Hinfälligkeit und Sterblichkeit. Der Tod beendet alles Streben und Sehnen nach Lust. Aber nicht nur der Tod setzt dem Lustprinzip die Grenzen. Keine Kultur kommt ohne Triebverzicht aus, auch wenn mehr oder weniger Verzicht möglich ist. Freud selbst tritt in Folge seiner Erfahrungen mit der Triebfeindlichkeit seiner eigenen Kultur am Ende des 19. Jahrhunderts zwar für eine Lockerung der Repression ein, an eine triebfreundliche Kultur vermag er aber nicht zu glauben.

Ungeschmälerte Lust gibt es nur im Naturzustand des Menschen, der aber erweist sich als eine retrospektive Phantasie, da erst die Kultur den Menschen zum Menschen macht. Der Mensch weiß, dass er nie ungeschmälerte Lust erlangen wird, so wie er weiß, dass er sterben muss. Und das kränkt ihn, da das Lustprinzip, das ihn als einziger "Lebenszweck"[3] antreibt, kein anderes Ziel als das der Maximierung von Lust verfolgt. So gesehen, ist Glück ein Moment ungeschmälerter Lust, das aber in der Realität unerreichbar bleibt. Deshalb gehört alles, wovon sich der Mensch Glück verspricht, in das Reich wunscherfüllenden Denkens.

Da der Mensch diese Situation schwer erträgt, ersinnt er beständig neue "Linderungsmittel",[4] die ihm seinen existenziellen Mangel an ungeschmälerter Triebbefriedigung erträglich(er) machen. "Solche Mittel", schreibt Freud, "gibt es vielleicht dreierlei: mächtige Ablenkungen, die uns unser Elend gering schätzen lassen, Ersatzbefriedigungen, die es verringern, Rauschstoffe, die uns für dasselbe unempfindlich machen. Irgendetwas in dieser Art ist unerlässlich."[5] Mit dieser Aufzählung wird ein Rahmen aufgespannt, in dem alle Güter dreidimensional beurteilt werden können: Inwieweit dienen sie der Zerstreuung, der Narkotisierung und der Ersatzbildung?

Ersatz wofür? Solange das Lustprinzip regiert, gibt es keinen Ersatz für das erstrebte und ersehnte Ziel einer ungeschmälerten Triebbefriedigung. Ersetzt werden kann lediglich das Gut, das mehr oder weniger bewusst die Hoffnung nährt, mit ihm lasse sich ungeschmälerte Triebbefriedigung erreichen. Und der vom Lustprinzip regierte Mensch glaubt gern, dass jedes neue Gut endlich das Glück bringt, das alle vorhergehenden nicht gebracht haben. Denn Menschen sind und bleiben anfällig für Glücksversprechen und damit auch all denen hörig, die ihnen Glück versprechen. Verführbarkeit ist ein konstitutives Merkmal der Menschheit, die auch durch die Anerkennung des Realitätsprinzips, das Einsicht in die Kultur stiftende Notwendigkeit eines Verzichts auf ungeschmälerte Triebbefriedigung verlangt, nicht dauerhaft verhindert werden kann.

Fußnoten

2.
Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur, in: ders., Gesammelte Werke Bd. XIV, London 1948, S. 434.
3.
Ebd.
4.
Ebd., S. 432.
5.
Ebd.