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31.7.2009 | Von:
Rolf Haubl

Wahres Glück im Waren-Glück?

Kompetent Konsumieren

Keine noch so starke Ausdifferenzierung der Einflussfaktoren aber kann das subjektive Wohlbefinden der Bürger allein auf ihre objektiven Lebensbedingungen zurückführen. Vielmehr kommt es immer auch auf die psychische Verarbeitung dieser Bedingungen an. Vier Fälle lassen sich unterscheiden: Sind die objektiven Lebensbedingungen und das subjektive Wohlbefinden beide (1) gut oder beide (2) schlecht, dann ist das in sich stimmig oder konsistent. Es können aber auch Inkonsistenzen vorkommen: Dann sind (3) die objektiven Lebensbedingungen gut, aber das subjektive Wohlbefinden schlecht, oder aber (4) das subjektive Wohlbefinden gut, obwohl die objektiven Lebensbedingungen schlecht sind.

Die Fälle (3) und (4) verweisen darauf, dass das Erleben und Handeln von Menschen nicht allein durch äußere Faktoren determiniert ist, vielmehr erleben und handeln sie nach ihren Wahrnehmungen, und diese sind selektiv, wobei bewusste, aber auch vor- und unbewusste lebensgeschichtliche Erfahrungen, die sich als bestimmte Persönlichkeitsstrukturen niedergeschlagen haben, die Selektionsparameter sein können. Das erklärt, warum Menschen mit gleichen objektiven Lebensbedingungen ein sehr unterschiedliches Ausmaß subjektiven Wohlbefindens aufweisen können.[10]

Wie groß dieses Ausmaß ist, hängt von einer Kompetenz ab, die man "Lebenskunst"[11] nennen kann. Zu dieser Kunst gehört es, sich durch schlechte objektive Lebensbedingungen nicht die Lebenslust und -freude nehmen zu lassen, und sich gute objektive Lebensbedingungen angemessen subjektiv anzueignen. Um ihr eigenes subjektives Wohlbefinden nachhaltig zu optimieren, tun die Bürger gut daran, sich bestimmter Fallen bewusst zu werden, die es bei der Nutzung von Konsumgütern zu beachten gilt.[12]
  • Hinsichtlich der Dynamik von Bedürfnis, erwarteter und tatsächlich erfolgter Befriedigung können Konsumenten eine ganze Reihe von Fehleinschätzungen unterlaufen: Erstens: Sie wählen ein bestimmtes Konsumgut aus, weil es ein bestimmtes Bedürfnis befriedigen soll; das ausgewählte Konsumgut bietet aber keine bedürfnisspezifische Befriedigung, Zweitens: Das Konsumgut bietet zwar eine solche Befriedigung, die Konsumenten erwarten aber - aus welchen Gründen auch immer - eine größere Befriedigung, als sie das Konsumgut zu bieten vermag. Drittens: Die erwartete Befriedigung tritt zwar ein, die Konsumenten unterschätzen aber, wie schnell sie sich an diesen Effekt gewöhnen und dass mit jedem Gebrauch des bedürfnisspezifischen Konsumguts dessen Befriedigungswert sinkt und es sie zu langweilen beginnt.

  • Werden zur Befriedigung eines bestimmten Bedürfnisses verschiedene Varianten desselben Konsumgutes bzw. verschiedene Konsumgüter angeboten, hat ein Konsument die Qual der Wahl, die mit der Anzahl der Alternativen zunimmt. Einerseits schätzt er die Vermehrung seiner Wahlmöglichkeiten, weil sie eine vergleichsweise individuelle Güterausstattung erlaubt und drohender Langeweile begegnet, andererseits fühlt er sich aber auch schnell überfordert. Denn mit der Vermehrung seiner Wahlmöglichkeiten steigen auch seine Opportunitätskosten: Da er den Befriedigungswert eines wählbaren, aber nicht gewählten Konsumgutes nicht kennt, muss er befürchten, die Alternative zu verpassen, die ihn am meisten befriedigt haben würde, hätte er sie gewählt. Das kann zu einem mehr oder weniger bewussten Druck führen, ein gewähltes Konsumgut bereits zu einem Zeitpunkt durch eine Alternative zu ersetzen, bevor es überhaupt seinen Befriedigungswert entfalten konnte. Mit anderen Worten: Der Konsument erlebt es nur deshalb als langweilig, weil er es an einem größeren Befriedigungswert misst, den er sich für ein alternatives Konsumgut vorstellt. Kommt dies gewohnheitsmäßig vor, bleibt er unter seinen Befriedigungsmöglichkeiten und wird dauerhaft unzufrieden sein.

  • Die Entscheidung, die Konsumenten für ein bestimmtes Konsumgut als Mittel zur Befriedigung eines bestimmten Bedürfnisses treffen, ist immer auch durch ihre Bezugs- bzw. Statusgruppe mit bedingt, der sie sich darin mehr oder weniger bewusst fügen. Sie handeln damit wertrational, was ihre Entscheidungen erleichtert, weil die "Moral" der Gruppe vorschreibt, bestimmte Konsumgüter (wenn nicht sogar bestimmte Bedürfnisse) zu ächten. Solange die Konsumenten freiwillig verzichten, wird der Befriedigungswert der moralisch legitimierten Konsumgüter durch den der Zugehörigkeit zu der Gruppe erhöht. Je mehr sie sich aber zu einem Verzicht gezwungen fühlen, desto mehr wird der Befriedigungswert des Konsumgutes um den der Zugehörigkeit zu der Gruppe geschmälert, was die bisher geächteten Konsumgüter als besonders befriedigend erscheinen lässt: Ihr Befriedigungswert wird überschätzt, weil sie bisher geächtet (oder sonst wie unerreichbar) gewesen sind.
Freilich müssen Bedürfnisse nicht zwangsläufig durch den Erwerb und den Gebrauch von Konsumgütern befriedigt werden. Dass es in einer Konsumgesellschaft eine Präferenz für diese Art der Bedürfnisbefriedigung gibt, hängt mit dem Glauben zusammen, es seien die Güter, die aus sich selbst heraus befriedigten. Der Befriedigungswert eines Konsumgutes hängt jedoch davon ab, wie Konsumenten es gebrauchen, und ist somit das Resultat eines Aneignungsprozesses. Je besser Konsumenten ihre eigene Bedürfnisstruktur und die Gebrauchsbedingungen eines bedürfnisspezifischen Konsumguts kennen, desto mehr Befriedigung können sie gewinnen.

Fußnoten

10.
Vgl. Bruce Headey/Alex Wearing, Understanding Happiness: a theory of subjective well-being, Melbourne 1992
11.
Wilhelm Schmid, Philosophie der Lebenskunst, Frankfurt/M. 1999.
12.
Vgl. Gregory Berns, Satisfaction - Warum nur Neues uns glücklich macht, Frankfurt/M. - New York 2006; Matthias Binswanger, Die Tretmühlen des Glücks - Wir haben immer mehr und werden nicht glücklicher. Was können wir tun?, Freiburg 2006.