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31.7.2009 | Von:
Rolf Haubl

Wahres Glück im Waren-Glück?

Konsum als Lebensversicherung

Die zitierte Krebspatientin betont in ihrem Erfahrungsbericht nachdrücklich, dass sie keine zwanghafte oder süchtige Käuferin sei. Vielleicht betreiben aber auch pathologische Käuferinnen und Käufer[19] eine "Einkaufstherapie", mit der sie gegen eine Bedrohung ihrer psychischen Integrität kämpfen. Dafür spricht einiges, nicht zuletzt der Befund, dass sie im Vergleich mit einer Gruppe gemäßigter Käufer signifikant materialistischer eingestellt sind.[20] Ein weiterer Befund belegt, dass junge Erwachsene, die in nicht-intakten Familien aufwachsen, etwa in Scheidungsfamilien, sehr viel materialistischer eingestellt sind als junge Erwachsene aus intakten Familien. Dabei fällt der Unterschied um so größer aus, je gravierender die innerfamiliären Konflikte sind.[21] So gesehen, lässt sich behaupten, dass die Konsumgesellschaft mit den Konsumchancen, die sie bietet, ein Belohnungssystem zur Verfügung stellt, das mit dem Versprechen lockt, subjektives Missbefinden zu mildern oder zu beseitigen. Das Beispiel der pathologischen Käufer verweist allerdings eher auf eine "Abwärtsspirale": Statt mangelndes subjektives Wohlbefinden zu kompensieren, enttäuschen die Konsumgüter, so dass das subjektive Wohlbefinden weiter sinkt.

Zu guter Letzt schließt sich der Kreis, und Sigmund Freud bekommt Recht. Denn ausgeklügelte Experimente zeigen, dass Bürgerinnen und Bürger mit einer starken materialistischen Einstellung, die mit ihrer Sterblichkeit konfrontiert werden, verstärkt materialistisch handeln:[22] Statt die eigene Lebensführung zu überdenken, gieren sie nach mehr Geld und Besitz. Damit stellen sie unter Beweis, dass Konsum zu den "Technik(en) der Leidabwehr"[23] gehört, mit denen die Mitglieder der Konsumgesellschaft versuchen können, ihre Todesangst zu besänftigen: "Ich konsumiere, deshalb weiß ich, dass ich (noch) bin (...)."[24]

Fußnoten

19.
Vgl. Rolf Haubl, Geld, Geschlecht und Konsum, Gießen 1998, S. 110 - 147; ders., Geldpathologie und Überschuldung. Am Beispiel Kaufsucht, in: Psyche, 50 (1996) S. 916 - 953; Astrid Müller/Hans Reinecker/Corinna Jacobi/Lucia Reisch/Martina de Zwaan, Pathologisches Kaufen - eine Literaturübersicht, in: Psychiatrische Praxis, 32 (2005), S. 3 - 12.
20.
Vgl. Thomas C. O'Guinn/Ronald J. Faber, Compulsive buying: A phenomenological exploration, in: Journal of Consumer Research, 16 (1989), S. 147 - 157.
21.
Vgl. Aric Rindfleisch/James E. Burroughs/Frank Denton, Family structures, materialism, and compulsive consumption, in: Journal of Consumer Research, 23 (1997), S. 312 - 325.
22.
Vgl. Tim Kasser, T./Kennon M. Sheldon, Of wealth and death: materialism, mortality salience, and consumption behaviour, in: Psychological Science, 11 (2000) 4, S. 348 - 351.
23.
S. Freud (Anm. 2), S. 437.
24.
Collin Campbell, "I shop therefore I know that I am": the metaphysical basis of modern consumerism, in: Karin M. Ekström/Helene Brembeck (Hrsg.), Elusive Consumption, Oxford 2004.