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31.7.2009 | Von:
Ludger Heidbrink
Imke Schmidt

Die neue Verantwortung der Konsumenten

Der Trend zur Moral

Wachsende Umweltschäden, soziale Ungleichheiten und wiederkehrende Wirtschaftskrisen haben zu einer Situation geführt, in der das ökonomische Handeln zunehmend moralisch hinterfragt wird. Immer stärker wird ein Umdenken von rein rationalen Kalkülen hin zu einem verantwortungsgeleiteten Wirtschaftsprozess gefordert. Dieser Trend zur Moral spiegelt sich besonders in konsumkritischen Strömungen und Aktivitäten wider.

So klärt Tanja Busse in ihrem Buch "Die Einkaufsrevolution" die Konsumenten über ihre neue (Einkaufs-)Macht und ihre politische Verantwortung auf.[2] Klaus Werner und Hans Weiss bieten im "Neuen Schwarzbuch Markenfirmen" einen Überblick über die schwarzen Schafe in der Wirtschaft, um Konsumenten kritische Informationen an die Hand zu geben.[3] Und auch in der Filmbranche ist die Tendenz zu erkennen: Während Erwin Wagenhofer in "We feed the World" (2005) auf die desaströsen Folgen des Lebensmittelkonsums für die Landwirtschaft aufmerksam machte, gelang es Al Gore und Davis Guggenheim mit ihrem Film "An Inconvenient Truth" (2006), die Schäden des Klimawandels in das Bewusstsein der Zuschauer zu rücken. Bücher wie Filme vereint eine moralische Kritik an industriellen Massenmärkten und Geschäftspraktiken der Konzerne, gepaart mit einem Appell an die Verbraucher, die Macht, die sie am Markt durch ihre Kaufkraft besitzen, politisch einzusetzen und sich für die Beseitigung von Missständen zu engagieren.

Zu einem solchen Umdenken bzw. "Umhandeln" sollen auch öffentliche Aktionen beitragen. Ein Beispiel ist der jährliche Aufruf zum "Buy Nothing Day", der in den USA bewusst auf den Tag nach Thanksgiving gelegt wurde, der dort einer der geschäftigsten Einkaufstage des Jahres ist. Das Anliegen der Organisatoren, zu denen das konsumkritische kanadische Magazin "Adbusters" gehört, ist es, dass sich möglichst viele Verbraucher über die Folgen ihres übermäßigen Konsums klar werden.[4]

Neben solchen eher symbolischen Aktionen wächst der öffentliche Druck auf Konzerne und Unternehmen. Dass Protestaktionen Erfolg haben können, zeigt das Beispiel Tchibo. Nachdem 2005 durch die Clean Clothes Campaign ("Kampagne für saubere Kleidung") soziale Missstände bei Zulieferbetrieben in Bangladesch bekannt wurden, führte der massive Protest der Verbraucher dazu, dass sich der Konzern seitdem mit der Einhaltung sozialer Standards bei seinen Zulieferern auseinandersetzt. Und im Mai dieses Jahres hat sich die Citibank aufgrund wachsender Proteste und nach Verhandlungen mit der Verbraucherzentrale NRW bereit erklärt, zumindest einen Teil ihrer Kunden, die ihr Geld nach der Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman-Brothers verloren haben, finanziell zu entschädigen.

Über diese medienwirksamen Großaktionen hinaus ändern aber auch immer mehr Verbraucher ihre alltäglichen Konsumgewohnheiten. Der Umsatz mit ökologischen Produkten verzeichnete allein im Jahr 2007 ein Wachstum von zwanzig Prozent gegenüber 2006,[5] während der Absatz fair gehandelter Produkte trotz der Wirtschaftskrise 2008 in Deutschland um elf Prozent gegenüber dem Vorjahr zunahm.[6] Als Speerspitze dieser Konsumentengruppe gelten die "LOHAS", die einen "Lifestyle of Health and Sustainability" verfolgen und deren Marktpotential inzwischen auf fast 200 Milliarden Euro geschätzt wird. Sie wollen Genuss mit Verantwortung verbinden und durch den Kauf von nachhaltigen Waren dafür sorgen, dass Unternehmen ihre Produktions- und Vermarktungsmethoden verstärkt auf den Typus des moralischen Verbrauchers umstellen.[7]

Fußnoten

2.
Vgl. Tanja Busse, Die Einkaufsrevolution. Konsumenten entdecken ihre Macht, München 2006.
3.
Vgl. Klaus Werner/Hans Weiss, Das Neue Schwarzbuch Markenfirmen: die Machenschaften der Weltkonzerne, Berlin 20084.
4.
Vgl. http://buynothingday.de (20.5. 2009).
5.
Vgl. Der Biohandel boomt - die heimische Erzeugung bummelt, in: www.oekolandbau.nrw.de/fachinfo/vermarktung/biomarkt_boomt_kk_gp_08.html (20.5. 2009).
6.
Vgl. 50 Prozent Plus für Fairtrade, Pressemitteilung von TransFair vom 23.4. 2009, in: www.transfair.org/presse/detailseite-presse/article/45/ 50-prozent-p.html (19.5. 2009).
7.
Vgl. Werner Schulz, Megatrend Nachhaltigkeit, Marktpotentiale von LOHAS & Co. Vortrag am 25. April 2008 an der Universität Hohenheim, in: https://umho.uni-hohenheim.de/ lohas.html (30.5. 2009).