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31.7.2009 | Von:
Ludger Heidbrink
Imke Schmidt

Die neue Verantwortung der Konsumenten

Unsicherheit und fehlende Kontrolle

Neben geringem Einkommen, fehlender Zeit und schlichter Bequemlichkeit sind es vor allem kognitive und motivationale Gründe. Viele Verbraucher fühlen sich durch die Flut an Angeboten, Kennzeichnungen und Labels überlastet und leiden unter dem, was der amerikanische Psychologe Barry Schwartz die "Paradoxie der Wahl" genannt hat: Je mehr Auswahl im Konsumbereich besteht, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass am Ende keine oder beliebige Entscheidungen getroffen werden.[11] Neben der Überforderung durch Optionen und Informationen bilden Faktoren der Unsicherheit und Ungewissheit weitere wichtige Gründe für den Verzicht auf nachhaltige Konsumpraktiken. So herrschen große Irritationen gerade unter kritischen Verbrauchern, welcher Anteil an Erlösen aus Fairtrade-Produkten tatsächlich den Erzeugern zukommt, ob es beispielsweise besser ist, über den Winter eingelagerte Äpfel aus dem eigenen Umland oder frische Äpfel aus entfernten Regionen zu kaufen, und welche wirtschaftlichen Folgen es für Entwicklungsländer hat, wenn die Touristen aus Umweltgründen zu Hause bleiben. Diese "Trade-Offs" sorgen für eine Zurückhaltung bei Kaufentscheidungen, die mit wachsender Einsicht in die globalen Verkettungen von Herstellung, Verteilung und Verkauf nachhaltiger Güter zunimmt.[12]

Eine weitere Ursache liegt in den sogenannten "Rebound"-Effekten, die dadurch entstehen, dass Effizienzgewinne durch den nachfolgenden Mehrverbrauch wieder aufgezehrt gemacht werden. Exemplarisch hierfür sind Sprit sparende Kleinwagen, die für häufigere Fahrten eingesetzt werden, oder der Bezug von Öko-Strom, der aus Sorglosigkeit einen höheren Verbrauch zur Folge hat. Dieser Umstand lässt bei vielen Verbrauchern ein Gefühl der Ohnmacht aufkommen. Was nützt es, wenn man selbst Energie spart oder auf Fernreisen verzichtet, diese Bemühungen aber durch das Verhalten anderer zunichte gemacht werden? Die Verantwortungsforschung hat gezeigt, dass Menschen dann bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, wenn sie über Freiräume verfügen, sich mit ihren Vorhaben identifizieren und Einfluss auf ihr Handeln nehmen können.[13] Der Eindruck, keine Kontrolle über die Auswirkungen des Massenkonsums zu besitzen, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen sich letztlich wieder eigeninteressiert verhalten, anstatt die Bereitschaft zur Verantwortung zu entwickeln.

Fußnoten

11.
Vgl. Barry Schwartz, The Paradox of Choice, New York 2004.
12.
Vgl. Fred Pearce, Confessions of an Eco Sinner. Travels to find where my Stuff comes from, London 2008.
13.
Vgl. Ann Elisabeth Auhagen, Die Realität der Verantwortung, Göttingen 1999, S. 171ff.