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31.7.2009 | Von:
Ludger Heidbrink
Imke Schmidt

Die neue Verantwortung der Konsumenten

Die Verantwortung der Konsumenten

Hinter der Moralisierung des Marktes steckt somit mehr als ein bloßes Modephänomen oder ein kurzfristiger Trend. Konsumenten und Unternehmen bewegen sich verstärkt aufeinander zu, um nach gemeinsamen Lösungen für wachsende Umweltschäden, soziale Ungleichheiten und wiederkehrende Wirtschaftskrisen zu suchen. Bei diesem Prozess handelt es sich nicht um einen bewusst gesteuerten Vorgang, sondern, so der Soziologe Nico Stehr, um das Resultat sich wechselseitig beeinflussender Faktoren: "Die Entwicklung zu einer Moralisierung der Märkte handelt demnach nicht unbedingt ausschließlich von der erfolgreichen Exekution bewusst reflektierender Marktentscheidungen einzelner Produzenten und Konsumenten. Die Märkte sind selbstverständlich nicht nur von Menschen bevölkert, die bewusst Verantwortung jenseits ihrer unmittelbaren Eigeninteressen übernehmen, sondern auch von Verbrauchern, Produzenten und Distributoren, die durch die Logik des Marktes gezwungen werden, sich verantwortlich zu verhalten."[20]

Es ist zu einem wesentlichen Teil der Markt selbst, der die erhöhte Nachfrage nach moralischen Gütern hervorgebracht hat. Weder das Eigeninteresse noch das Gewissen der Verbraucher allein haben dafür gesorgt, dass der verantwortliche Konsum zu einem globalen Thema geworden ist. Ursache ist vielmehr ein verändertes Marktklima, das zu einer verstärkten Aufmerksamkeit für moralische Produkte und Dienstleistungen geführt hat, die nach und nach in eine verantwortungsethische Anspruchsdynamik des Marktes übergegangen ist. Diese Dynamik hängt mit der gesamtwirtschaftlichen Funktion moralischer Güter zusammen, die nicht nur ökonomisch relevant sind, sondern einen hohen Eigenwert besitzen, der unabhängig von ihrer Verwertbarkeit für Konsumenten von Bedeutung ist. Wer fair gehandelten Kaffee oder kompostierbare T-Shirts kauft, erwirbt zugleich ein Stück ethischer Qualität, die nicht in der Nutzenfunktion der Produkte aufgeht, sondern dazu beiträgt, Waren und Dienstleistungen auf ihren gesellschaftlichen Wert zu befragen.

Moralische Güter sorgen für eine Änderung der Marktstrukturen, indem sie die Aufmerksamkeit auf die gesellschaftliche Rolle der Wirtschaft lenken. Sie wirken dadurch auf den Markt zurück, dass sie das Anspruchs- und Erwartungsniveau erhöhen und den moralischen Handel stabilisieren. Nach einer gewissen Zeit wird es normal, auf die soziale und ökologische Verträglichkeit von Produkten zu achten. Darüber hinaus haben Markteilnehmer auch Vorteile davon, sich verantwortlich zu verhalten, da sich durch Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Offenheit die Marktbeziehungen für alle Beteiligten besser gestalten lassen.

Dieser Prozess ist abhängig von Faktoren und Treibern, die ihn am Laufen halten und dafür sorgen, dass die Dynamik des Marktes nicht hinter das erreichte moralische Niveau zurückfällt. Da Märkte höchst instabile Ordnungen sind und sich weder durch direkte Eingriffe noch Appelle an Verhaltensänderungen steuern lassen, liegt es in der Verantwortung der Konsumenten, sie auf dem richtigen Kurs zu halten, "denn die letzten Entscheidungen werden nicht von den Unternehmern getroffen, sondern von der Nachfrage der Verbraucher".[21]

Fußnoten

20.
Nico Stehr, Die Moralisierung der Märkte. Eine Gesellschaftstheorie, Frankfurt/M. 2007, S. 73f.
21.
Ludwig von Mises, Nationalökonomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens (unveränderter Nachdruck der 1. Auflage, Genf 1940), München 1980, S. 258.