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31.7.2009 | Von:
Christine Henseling
Birgit Blättel-Mink
Jens Clausen
Siegfried Behrendt

Wiederverkaufskultur im Internet: Chancen für nachhaltigen Konsum

"Quantensprung" im Gebrauchtwarenhandel

Online-Handels- und Auktionsplattformen führen zu einem "Quantensprung" im Gebrauchtwarenhandel. Durch das Internet werden nicht nur lokale oder regionale Reichweiten erzielt, sondern es werden erheblich mehr Nutzerkreise erreicht, als dies bisher über Second-Hand-Märkte der Fall war. Der große Zuspruch erklärt sich aber nicht nur aus geringen Transaktionskosten. Für die zunehmende Bedeutung von Gebrauchtgütermärkten sind auch sekundäre Funktionen wie Spaß am Kaufen und Verkaufen sowie Community-Effekte ausschlaggebend. Denkbar ist dann eine ganz neue Art des Umgangs mit privaten Gütern. Daniel Nissanoff[4] beobachtet, dass die Auktionskultur (via Internet) die Vorstellungen von Besitz verändert. "Inzwischen habe ich durch die Mentalität dessen, was ich Auktionskultur nenne, einen neuen Standard an Komfort erreicht. Ich nutze ihn, um die Menge an altem Kram zu reduzieren und zugleich meiner Leidenschaft für neue technische Spielereien zu frönen ..."[5]. Das Kaufen etwa der Wohnungseinrichtung kann unter der Prämisse erfolgen, dass diese in einigen Jahren relativ leicht ausgetauscht werden kann. Eine "nachhaltige Auktionskultur", die bestimmten Lebensstilgruppen die Möglichkeit bietet, ihren Drang nach Neuerung und Modernität mit Ressourcenschonung zu verbinden, scheint machbar. Dies führt auch zu der Frage, inwieweit Dinge vorsorglich schonender behandelt werden, um sie eventuell später verkaufen zu können, oder, ob gezielt wertvollere bzw. beständigere Produkte neu gekauft werden, um sie später bei eBay versteigern zu können. Hier zeigt sich eine Stärke des eBay-Konzepts (gegenüber früheren primär ökologisch motivierten Versuchen zur Nutzungsdauerverlängerung oder Nutzungsintensivierung): die gleichzeitige Ansprache unterschiedlichster Motive. Dies unterstützt die These von Nico Paech, dass eBay Motivallianzen ermöglicht, durch "die sich ein gewisser Grad an ökologischer Aufklärung mit anderen Interessen auf neuartige Weise verbinden lässt. Das Ersteigern eines gebrauchten Artikels wird eben nicht als Beschränkung von Freiheiten oder Zumutung, sondern als bereichernde Erfahrung empfunden."[6]

Unausgeschöpfte Potenziale bestehen im Handel mit Gebrauchtprodukten: In deutschen Haushalten werden einer im Auftrag von eBay durchgeführten Erhebung zufolge Gebrauchtgüter mit einem durchschnittlichen Wert von 1013 Euro aufbewahrt. Hochgerechnet sind das über 40 Milliarden Euro. Spitzenreiter sind hier Medien (Bücher, CDs, DVDs etc.), Sammlerartikel sowie an dritter Stelle Unterhaltungselektronik und Produkte aus dem Bereich Hobby und Sport. Über die Hälfte der Probanden geben in einer Befragung an, diese Gegenstände zu Hause zu lagern, nicht mehr zu benutzen und eigentlich weitergeben zu können.[7]

Fußnoten

4.
Vgl. Daniel Nissanoff, Die Auktionskultur verändert unsere Vorstellung von Besitz, in: GDI Impuls. Wissensmagazin für Wirtschaft, Gesellschaft, Handel, (Frühling 2007), S. 56 - 63.
5.
Ebd., S. 57.
6.
N. Peach (Anm. 3), S. 224.
7.
Vgl. eBay GmbH (Hrsg.), Auktionskultur: Leben im Jetzt, Besitzen auf Zeit, Dreilinden 2008.