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6.7.2009 | Von:
Krisztián Ungváry

Belastete Orte der Erinnerung

Nationale Symbole: Árpád-Fahne und Turul-Vogel

Die Probleme der Erinnerungskultur werden anhand zweier in Ungarn häufig verwendeter Symbole besonders deutlich. Beide haben mehrere Deutungsebenen, die beim Gebrauch jedoch kaum berücksichtigt werden.

Die Árpád-Fahne mit ihren rot-weißen Streifen ist eine uralte Kriegerfahne des Árpád-Geschlechts, die bis ins 13. Jahrhundert im Gebrauch war. Sie steht heute auch im Parlament unter den zwölf historischen Fahnen Ungarns. Die Partei der Pfeilkreuzler wählte nach 1933 diese Fahne, weil man in ihr die "echten Wurzeln des wahren Magyarentums" gegen den dekadenten kapitalistischen Westen erblickte - alle späteren ungarischen Herrscher und ihre Fahnen kamen nämlich aus Westeuropa, nur das Geschlecht der Árpáden galt als "urmagyarisch". Die Árpád-Streifen wurden jedoch nach 1944 auch zum Symbol für die Massenmorde der Pfeilkreuzler, weil deren Parteimiliz Armbinden mit Árpád-Streifen trug.

Seit 2002 kommt die Fahne immer mehr in Gebrauch. Die Träger gehören ausschließlich dem rechten bzw. ultrarechten Lager an. Sie berufen sich darauf, dass die Fahne nur ein halbes Jahr lang von den Pfeilkreuzlern "missbraucht" worden sei, deshalb sei es Hysterie, wenn die Fahne ausschließlich mit dieser Epoche in Verbindung gebracht werde. Allerdings reflektieren sie die Tatsache nicht, dass die meisten Veranstaltungen, bei denen die Fahne erblickt wird, EU-feindliche, nationalistische, rassistische und antisemitische Züge tragen und damit von der Botschaft der Pfeilkreuzler nicht mehr weit entfernt sind.

Über die Nutzung der Árpád-Fahne findet keine Diskussion zwischen den politischen Strömungen statt. Die Sozialisten und die Liberalen lehnen die Fahne natürlich ab. Die konservative Partei Fidesz versucht einerseits die Fahne von eigenen Veranstaltungen fernzuhalten, unterlässt jedoch in auffallender Weise jede Kritik an der Nutzung der Fahne, weil sie ihrer rechten Wählerklientel kritische Fragen ersparen will. Mit der stillschweigenden Duldung der Fahne werden jedoch auch solche Ideen in der ungarischen Politik hoffähig, die mit der demokratischen Ordnung nicht kompatibel sind. Um dieses Problem zu lösen, wird versucht, der Fahne eine doppelte Bedeutung zu geben bzw. sich nur an bestimmte Teile der Symbolik zu erinnern.

Ein ähnlicher Prozess ist auch bezüglich des Turul-Vogels festzustellen. Der heilige Vogel der ungarischen Genealogie wurde mit dem erwachenden ungarischen Nationalismus des 19. Jahrhunderts ins Leben gerufen und verkörperte die militärischen Tugenden der Nation. Dementsprechend wurde er während des Ersten Weltkriegs und danach als Krönung der Heldenfriedhöfe und als Militärsymbol genutzt. Das Stadtbild in Budapest ist von vielen Gedenkstätten mit dem Zeichen des Turul-Vogels geprägt, und auch auf dem Lande findet man verschiedene Turul-Installationen, die teils vor, teils nach dem Ersten Weltkrieg entstanden sind. Allerdings kam nach 1933 eine neue Nutzung dazu, weil mehrere nationalsozialistische Parteien, darunter auch die Pfeilkreuzler, den Vogel zum Symbol erwählten. Auch ein Verband benannte sich nach 1920 nach dem Turul-Vogel: Der Turul-Verband war eine Organisation der durch antisemitische Schlägereien berüchtigten "christlichen" Universitätsstudenten.

Im Jahr 2005 ist im Budapester XII. Bezirk eine neue Turul-Gedenkstätte für die im Zweiten Weltkrieg verstorbenen Bürger des Bezirks (ca. 400 Personen, davon um die 80 Prozent Ziviltote) eingeweiht worden. Die Gedenkstätte wurde zum Brennpunkt politischer Kundgebungen: Die Befürworter argumentierten, dass es seit 1945 nicht möglich gewesen sei, an die Gefallenen öffentlich zu erinnern und sie zu ehren. Diese Argumentation übersah jedoch, dass der Turul-Vogel dafür ein fragwürdiges Symbol ist. Wenn es um die zivilen Opfer geht, dann stimmt die Botschaft nicht, denn diese fielen nicht für Volk und Vaterland, sondern wurden unschuldige Kriegsopfer. Falls die Installation für die militärischen Opfer stehen sollte, dann stellt sich die Frage, inwieweit der Kampf an der Seite der deutschen Wehrmacht und der ungarischen Nazis als "Verteidigung des Vaterlandes" interpretiert werden kann. Die Situation wird dadurch weiter verkompliziert, dass die meisten Kriegsopfer des Bezirks wegen ihrer jüdischen Abstammung von ungarischen Nazis im Januar 1945 ermordet wurden - von Personen also, die den Turul-Vogel als Symbol gerne genutzt haben. Der sinnlose Tod der Zivilopfer und der politisch Verfolgten wird dadurch geradezu verhöhnt.