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6.7.2009 | Von:
Melani Barlai
Florian Hartleb

Die Roma in Ungarn

Vor der politischen Transformation

Nicht zuletzt auf Grund ihrer musikalischen Fertigkeiten galten die Roma in Ungarn als integriert - anders als in anderen Teilen Europas. Freilich wurden sie auf diese Rolle reduziert. Schon während der österreichisch-ungarischen Monarchie (1867 - 1918) sind die Roma diskriminiert und zwangsweise umgesiedelt worden. Im Zweiten Weltkrieg verschärfte sich die Abneigung gegenüber den Roma weiter - bis zum Massenmord unter dem Signum der nationalsozialistischen Rassenideologie. Ein von Heinrich Himmler Ende 1938 unterzeichneter Erlass zur "Regelung der Zigeunerfrage" mündete auch in den verbündeten und besetzten Ländern Europas in den Genozid. Zwischen Juli 1944 und März 1945 kam es zur Deportation von bis zu 30 000 ungarischen "Zigeunern", von denen nur etwa 4000 zurückkehrten.[14] Bezeichnenderweise fehlt es bis heute an einer angemessenen historischen Aufarbeitung dieser Vernichtung, so dass die Zahlen ungenau bleiben.[15] Seit dem Genozid hat das Wort "Zigeuner"[16] einen diskriminierenden Zungenschlag und wird vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma abgelehnt. In Ungarn ist nach wie vor die Bezeichnung cigány üblich, auch als Selbstbezeichnung; "Roma" ist dagegen nicht beliebt und wird vor allem in akademischen Kreisen verwendet.[17]

In der Nachkriegszeit wurde die Minderheitenpolitik vernachlässigt. Das neue kommunistische System sah über die Deportation der Roma hinweg.[18] Nach der Automatisierungstheorie sollten sich in einer sozialistischen Gesellschaft nationale Fragen von selbst lösen. Die offizielle Politik gegenüber den Roma hatte eher instrumentellen Charakter und diente der innenpolitischen Integration mit dem Ziel der Systemerhaltung und -stabilisierung. Eine Integration der Minderheiten in die sozialistische Wirtschaft und Gesellschaft wurde zwar wegen des Bedarfs an Arbeitskräften im Zuge der landwirtschaftlichen Kollektivierung unterstützt, aber ihre sprachliche Assimilation wurde verhindert.[19]

Die Roma hielten weitgehend an ihrer traditionellen Lebensweise fest, die mit der sozialistischen Arbeitsideologie unvereinbar war. Eine Verbesserung ihrer Lebenssituation brachte die "sozialistische Industrialisierung" der 1950er und 1960er Jahre: Als Folge der industriellen Entwicklung entstanden zahlreiche Arbeitsplätze, für die man kaum Qualifikationen, sondern vor allem physische Kraft benötigte. Anfang der 1980er waren 85 Prozent der arbeitsfähigen Roma und ca. 45 Prozent der Romni (weibliche Roma) in den Arbeitsprozess eingegliedert, blieben jedoch auf die unteren Einkommensgruppen beschränkt. Eine Untersuchung in den 1970er Jahren ergab, dass nur 11 Prozent der Romni Facharbeiterinnen waren, jedoch 10 Prozent angelernte, 56 Prozent unqualifizierte und 13 Prozent Landarbeiterinnen.[20]

Von Mitte der 1960er Jahre an erhielten tausende Roma-Familien hygienischere Wohnungen, die aber mit dem Buchstaben "CS" (csökentett komfortfokozatú, geringeres Komfortniveau) versehen waren. Dies führte durch den kontinuierlichen Wegzug der Mehrheitsgesellschaft aus den Wohnblocks zur Marginalisierung und Wohnsegregation. Die offizielle Politik konnte trotz mancher Integrationserfolge wichtige Faktoren der wirtschaftlichen Entwicklung innerhalb der Roma-Bevölkerung nicht erfassen; dieser Umstand erklärt auch die schlechte Ausgangsposition der Roma beim Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft.[21]

Fußnoten

14.
Vgl. Károly Kocsis/Zsolt Bottlik, Die Romafrage in der Karpato-Pannonischen Region, in: Europa Regional, 12 (2004) 3, S. 132 - 140, hier S. 134.
15.
In Deutschland kam es 1982 zur Aussöhnungs- und Wiedergutmachungspolitik, als Bundeskanzler Helmut Schmidt und Oppositionsführer Helmut Kohl die Verfolgung und Vernichtung der "Zigeuner" während des Nationalsozialismus offiziell als Völkermord bezeichneten.
16.
Das Wort Zigeuner ist eine Fremdbezeichnung, die im Deutschen wahrscheinlich aus dem Ungarischen (cigány) entlehnt ist und in ähnlicher Form in vielen europäischen Sprachen vorkommt. Das Wort stammt wohl aus dem Persischen (ciganch, Musiker, Tänzer) oder dem Byzantinischen (atciganoi).
17.
Vgl. das Interview mit dem Präsidenten der Stiftung für Roma-Bürgerrechte, Aladár Horváth: Magyar nemzet, roma nemzet [Ungarische Nation, Roma-Nation], in: Népszabadság vom 12.7. 2004.
18.
Vgl. Michael Stewart, Die Roma und der ungarische Kommunismus 1945 - 1989, in: Yaron Matras/Hans Winterberg/Michael Zimmermann (Hrsg.), Sinti, Roma, Gypsies. Sprache, Geschichte, Gegenwart, Berlin 2003, S. 189 - 230, hier S. 195.
19.
Vgl. Brigitte Mihók, Vergleichende Studien zu Situation der Minderheiten in Ungarn und in Rumänien (1989 - 1996) unter besonderer Berücksichtigung der Roma, Frankfurt/M. 1999, S. 115 - 130.
20.
Vgl. ebd.
21.
Vgl. M. Stewart (Anm. 18), S. 189 - 230.