APUZ Dossier Bild

6.7.2009 | Von:
Melani Barlai
Florian Hartleb

Die Roma in Ungarn

Perspektiven

Seit den 1990er Jahren ist die Diskriminierung der ungarischen Roma aufgrund schlechter oder versäumter sozialpolitischer Maßnahmen auf allen Ebenen spürbar: sozial, kulturell, institutionell und politisch. Die Transformationsforschung übersieht diese Problematik, da sie für Ungarn in der Regel äußerst positive Zahlen übermittelt und eine staatliche Konsolidierung diagnostiziert hat. Doch Stereotype gegenüber Roma sind in Ungarn omnipräsent. Die Roma, nach wie vor "Fremde in Europa", sind tatsächlich "anders" und scheinen sich häufig mit ihren Gewohnheiten der Mehrheitsgesellschaft zu verschließen.[39] Vorurteile der Mehrheitsgesellschaft ergeben sich aus dem niedrigen Bildungsstand, aus hohen Kriminalitäts- wie Geburtenraten, aus Alkoholproblemen, aus häufig katastrophalen gesundheitlichen und hygienischen Zustände, aus partieller Arbeitsunwilligkeit und durch ein Leben am gesellschaftlichen Rand als Folge der sozialen Exklusion.[40] Einzelne Beispiele und negative persönliche Erfahrungen führen zu Generalisierungen und letztlich zur Stigmatisierung einer ganzen Bevölkerungsgruppe.

Die Zuspitzung negativer Eigenschaften führt zu irrationalem Verhalten seitens der Mehrheitsbevölkerung. "Zigeunerbilder in den Köpfen" sind besonders langlebig und hartnäckig: "Ein häufig anzutreffendes Muster ist die Verwendung idealtypischer Gegensatzpaare: auf der einen Seite die zivilisierte Mehrheitsbevölkerung, die durch die Werte Arbeit, Ehrlichkeit, Ordnung, Ruhe und Friedfertigkeit charakterisiert wird, auf der anderen Seite die Roma als unzivilisierte Minderheit, die aufgrund ihres asozialen Verhaltens diese Werte nicht akzeptiert und in Frage stellt."[41] Bei einer aktuellen Befragung von 2500 Personen der Mehrheitsbevölkerung zeigten sich 80 Prozent davon überzeugt, dass Roma genauso leben müssten wie sie selbst. Ebenso gaben 84 Prozent der Befragten an, die Sorgen der Roma könnten gelöst werden, wenn sie "endlich zu arbeiten anfangen" würden. Dafür fehle ihnen aber der Wille.[42]

Erst wenn Vorurteile auf dem Weg des Miteinanders ausgeräumt werden, wenn alle Bevölkerungsgruppen an breiter Bildung partizipieren können, könnte der Teufelskreis durchbrochen werden. Sonst dürfte sich an der schlimmen gesellschaftlichen Situation der Roma in Ungarn und im restlichen Europa auch im 21. Jahrhundert nichts ändern.

Im Gegenteil: Die Situation könnte eskalieren. In den vergangenen Monaten stieg die Gewalt gegen Roma weiter an. Im Februar 2009 wurden bei einem Brandanschlag in Tatárszentgyörgy, rund 50 Kilometer südwestlich von Budapest, ein Vater und sein fünfjähriger Sohn getötet. Viele der 54 erfassten Angriffe auf Roma in den vergangenen eineinhalb Jahren sind unaufgeklärt. Mittlerweile hilft die US-Bundespolizei FBI nach der drastischen Häufung von Gewalt den ungarischen Behörden bei den Ermittlungen.[43] Manche Soziologen beschwören bereits bürgerkriegsähnliche Zustände herauf.[44] Die demographische Entwicklung, die voranschreitende Erhöhung der Population der Roma,[45] könnte dazu beitragen, aus der düsteren Prophezeiung Wirklichkeit werden lassen.

Fußnoten

39.
So die eigenen Erfahrungen der "Unzugänglichkeit" seitens der Autorin im Rahmen einer Feldforschung zur Lebenssituation der Roma in Pécs (Bachelorarbeit; TU Chemnitz 2005). Ein besonderer Dank gilt János Gyurok von der Universität der Wissenschaften Pécs.
40.
Vgl. Michael Stewart, Deprivation, the Roma and the "underclass", in: Christopher M. Hahn (Hrsg.), Postsocialism: Ideas, Ideologies and Practice in Europe, New York 2002, S. 133 - 156. Vgl. auch Pierre-André Taguieff, Die Macht des Vorurteils, Der Rassismus und sein Double, Hamburg 2000, S. 248.
41.
Joachim Krauß, Bestätigt die Ausnahme die Regel? Stereotypen vom "Zigeuner" und soziale Wirklichkeit, in: Zeitschrift für Siebenbürgische Landeskunde, 23 (2000) 2, S. 228 - 236, hier S. 230.
42.
Vgl. Umfrage des Progressive Instituts, zit. nach www.balaton-zeitung.info vom 3.5. 2009 (18.5. 2009).
43.
Vgl. Ungarn erhält FBI-Hilfe bei Ermittlungen, in: Der Standard, www.derStandard.at vom 4.5. 2009 (5.5. 2009).
44.
So der ungarische Soziologe Tamás Pál im Interview mit der Autorin am 21.5. 2007 in Budapest.
45.
Einige Wissenschaftler prognostizieren bis zum Jahre 2050 einen Bevölkerungsanteil von 10 %, was sich in Folge der starken Geburtenrate als durchaus realistisch erweisen kann.