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10.5.2009 | Von:
Andreas Oplatka

Der erste Riss im Eisernen Vorhang

Ungarn 1989

Warum waren es angesichts der plötzlichen Schwäche der Sowjetunion die Ungarn und die Polen, die in Moskaus Machtbereich als erste nach Wegen der Selbstbefreiung suchten? Die historische Erinnerung an die einstige Größe und Machtentfaltung der untergegangenen Königreiche war hier am lebendigsten geblieben. Ebenso wahrte in Polen wie in Ungarn eine ganze Gesellschaft die Tradition einer breiten Adelsschicht, die sich im Verlauf der Geschichte auf eine wohl ungute Art mit der Nation identifiziert hatte, dafür aber bei jeder äußeren Bedrohung des Reichs und der eigenen Freiheit auch bereit war, für sie einzustehen und den Kopf hinzuhalten. Polen wie Ungarn erlebten in den vergangenen beiden Jahrhunderten schwere Schicksalsschläge, sie zeichneten sich aber in der Region stets auch durch den heftigsten Widerstand gegen jede Art der Fremdherrschaft aus.

In einem wesentlichen Punkt unterschied sich das Geschehen in Ungarn 1989 von ähnlichen Vorgängen in den anderen lange von Moskau beherrschten Ländern. In Ungarn spielte eine historische Klärung, die Rehabilitierung des Volksaufstands von 1956, eine wichtige Rolle. Die spürbare Verunsicherung der herrschenden Partei setzte bereits Ende Januar 1989 ein, als der Reformpolitiker Imre Pozsgay in einem Radiointerview die zuvor während dreier Jahrzehnte als "Konterrevolution" beschimpften Ereignisse vom Herbst 1956 als "Volksaufstand" bezeichnete.

Diese innerungarische Entwicklung erreichte im Juni 1989 ihren Höhepunkt. Der zu dieser Zeit schon starken und breit gefächerten Opposition im Land gelang es, die lange vergeblich geforderte feierliche Neubestattung des 1958 hingerichteten Ministerpräsidenten der Revolutionsregierung, Imre Nagy, zu erreichen. Die im Beisein von rund 200 000 Menschen vor sich gehende Trauerfeier machte zugleich offenbar, dass die Partei und ihre Diktatur am Ende waren. Dass sie sich nicht mehr imstande zeigten, eine solche Veranstaltung zu verhindern, bedeutete dabei letztlich nur eine Äußerlichkeit. Schwerer fiel ins Gewicht, dass die Rehabilitierung des Aufstands ihre Legitimität aufs Schwerste erschüttern musste. Denn die Ende Oktober 1956 neu gegründete MSZMP hatte sich stets darauf berufen, sie habe seinerzeit das Land und die "Errungenschaften des Sozialismus" vor der "Konterrevolution" gerettet und sei deshalb zur Ausübung der Herrschaft berechtigt. Handelte es sich nun doch um einen Volksaufstand, dann zerfiel dieser Anspruch, ja er bedeutete sogar die Negierung des Volkswillens.

In Wirklichkeit hatte der Aufstand trotz seiner Niederlage nie aufgehört, erhebliche Nachwirkungen auf die ungarische Gesellschaft auszuüben. Nach einer Periode der grausamen Vergeltung, der Todesurteile und der Kerkerstrafen kannte Ungarn von den späten 1960er Jahren an eine mildere Form der Diktatur als vergleichbare Länder im sowjetischen Herrschaftsbereich. Dass die Machthaber in den Parteizentralen in Moskau und in Budapest diesem kleinen Land stets etwas mehr Respekt zollten, ihm eine etwas längere Leine zugestanden, erklärte sich mit der Erinnerung an die Revolution von 1956. Die Sprache der Gewalt war diejenige, welche die Sowjetführer mühelos verstanden, und ihnen lag aus realpolitischen wie aus Prestigegründen daran, dass Ähnliches sich niemals wiederholen sollte.

In dieser Atmosphäre, in der viele kleine Freiheiten gedeihen konnten, standen die Ungarn die dunkle Zeit bis zur Zeitenwende leidlich und nicht unwürdig durch. Reformbestrebungen sowie informelle und später auch offiziell organisierte oppositionelle Gruppierungen wuchsen auf diesem Boden rascher als anderswo. Das erklärt auch Ungarns Pionierrolle 1989: Den wagemutigen Beschluss, die DDR-Deutschen in den Westen ausreisen zu lassen, konnte nur eine Regierung fällen, die sich von humanitären und menschenrechtlichen Gesichtspunkten und zugleich von der Intuition leiten ließ, dass in Europa ein gewaltiger Umbruch bevorstehe und dass Ungarn sich in dieser Lage nicht für die DDR, sondern für die Bundesrepublik Deutschland entscheiden müsse. Denkbar aber war diese Handlungsweise wiederum nur in einem Land, in dem die demokratische Opposition und eine nach völliger Freiheit strebende Presse bereits existierten und dessen politischer Zustand es darum ausschloss, dass man die Flüchtlinge, so wie die DDR das forderte, in ihr Ursprungsland zurückschaffte.

Hält man nach persönlichen Verdiensten Ausschau, dann ist in erster Linie der damalige Ministerpräsident Miklós Németh zu nennen. Das widerspricht der in Deutschland tief verwurzelten Meinung, der einsame Held dieser Geschichte heiße Gyula Horn. Es gibt nirgendwo auf der Welt eine Regierung, in welcher der Außenminister einen Beschluss fasst und entsprechend dem Innen- und dem Justizminister Weisungen erteilt. Das kann nur der Regierungschef, und auch im vorliegenden Fall war es Ministerpräsident Németh, der die Entscheidungen fällte und dafür die Verantwortung übernahm. Gerade deshalb aber ist es von großem Gewicht, wenn Németh sich heute zur Ansicht bekennt, die Grenzöffnung sei nicht das Werk und das Verdienst einer Person, sondern eine kollektive Leistung aller Ungarn gewesen.