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10.5.2009 | Von:
Andreas Oplatka

Der erste Riss im Eisernen Vorhang

Spurensuche

Was findet der Historiker heute vor (und was findet er nicht vor), wenn er sich daran macht, das Thema der Grenzöffnung zu erforschen?

Rund zwanzig Jahre nach den Ereignissen liegen zahlreiche Publikationen vor, deren Verfasser sich - wenn auch häufig nur am Rande - mit diesem Gegenstand befassen. Ebenso ist eine Reihe von Memoiren einst beteiligter Politiker greifbar. Manche gründliche Untersuchung bringt Licht vor allem in die Geschehnisse in der DDR. Deren Autoren kam die Tatsache zugute, dass die Staatsakten der DDR bereits in den frühen 1990er Jahren der Forschung zugänglich wurden. In Ungarn selbst ist in umfassenden Werken[2] die Geschichte der Wende gut dokumentiert. Auf Englisch widmeten dem Thema Rudolf Tökés,[3] auf Deutsch neuerdings Andreas Schmidt-Schweizer[4] sehr ausführliche Untersuchungen. In diesen Büchern erscheint die Grenzöffnung allerdings lediglich als Episode. Schmidt-Schweizer hatte indes zuvor schon Aufsätze insbesondere über die Rolle des ungarischen Grenzschutzes im Vorfeld der Flüchtlingskrise von 1989 publiziert.[5]

Dass bei der Verwendung von Memoirenliteratur Vorsicht geboten ist, gilt als Binsenweisheit. Jedermann weiß, dass das menschliche Gedächtnis Fakten schönen, verändern und verdrängen kann. Der Verfasser dieser Zeilen machte dazu die Erfahrung, dass man sich auch in der Oral History, bei der Befragung einstiger Entscheidungsträger, leicht auf sumpfigem Gelände verirren kann. Zu viele Widersprüche und Ungereimtheiten tauchten auf, und bald erwies es sich, dass die ursprüngliche Annahme, die Geschichte der Grenzöffnung anhand von mündlichen Aussagen der Zeitzeugen schlüssig rekonstruieren zu können, naiv war. Doch lässt sich derselbe Tatbestand auch positiv bewerten: Ich lernte zu akzeptieren, dass gemäß seiner einstigen Rolle und seinem Standort jedermann seine Sicht der Dinge haben und es mithin mehrere Wirklichkeiten geben kann, die einander nicht unbedingt zu entsprechen brauchen.

Ein Wort über die Arbeit in den ungarischen Archiven: Zumindest zu einem Teil ist dies ein betrübliches Kapitel, und weil da ein Schlaglicht auf die heutigen Verhältnisse des Landes fällt, soll es im Folgenden mit einigen Anmerkungen zu Ungarn sein Bewenden haben.

Das Angenehme zuerst: Die Akten des Außenministeriums über die Tätigkeit der ungarischen Diplomatie im Jahr 1989 sind zwar spürbar "gesiebt" worden, doch die großen Linien lassen sich aus dem selbst so noch umfangreichen Rest mit einiger Zuverlässigkeit herauslesen. Gleiches kann nicht über die Schriften des Büros des Ministerpräsidenten gesagt werden. Hier wurde es mir einzig dank hoher Protektion ermöglicht, zumindest die Protokolle der Kabinettsitzungen des Jahres 1989 einzusehen. Vollends unhaltbar und auch nach den ungarischen Archivgesetzen inakzeptabel ist die Lage, wenn man nach Akten des vor 1990 bestehenden Innenministeriums sucht. Weitgehend vollständig vorhanden ist einzig die Überlieferung des Grenzschutzes, der seinerzeit diesem Ministerium unterstand. Demgegenüber fehlen die Akten der ebenfalls vom Innenministerium geleiteten Geheimdienste beinahe ganz.

Im Sommer 1989, als sich die Flüchtlingskrise zuspitzte, reisten Delegationen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR mehrmals nach Budapest, um dort mit Vertretern des ungarischen "Bruderorgans" Gespräche zu führen. Wir sind über deren Verlauf durch die Akten, wie sie in Berlin im Archiv der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) einsehbar sind, gut unterrichtet. Der in Budapest unternommene Versuch, auch in die Akten der ungarischen Seite Einblick zu bekommen, misslang dagegen fast ganz. Dokumente sind nur über jene Gespräche vorhanden, bei denen auch Vertreter des Außenministeriums anwesend waren und Aufzeichnungen erstellten. Außer zu diesem Fall erbat ich im ungarischen Historischen Archiv der Staatssicherheitsdienste Material zur Rolle der ungarischen Geheimdienste beim Paneuropäischen Picknick in Sopron und bei der Vorbereitung der eigentlichen Grenzöffnung. Das durchaus hilfsbereite Personal war außer Stande, für mich auch nur ein einziges einschlägiges Dokument zu finden.

Dieser Tatbestand zeugt von einem schwerwiegenden Problem, das in Ungarn nun schon seit bald zwanzig Jahren besteht: Die Regelung des Umgangs mit den Unterlagen der Geheimdienste vor 1990 ist von seltsam halbherziger Art. Die Gesetze schützen eher die einstigen Führungsoffiziere, die Informanten und die Agenten denn deren Opfer. Der Ruf, man möge endlich aufräumen und den Inhalt der verschlossenen Kisten auf einen großen Haufen entleeren, ertönt immer wieder. Und er begegnet regelmäßig der scheinheiligen Erwiderung, eine solche vollständige Freigabe würde die Funktionsweise der Geheimdienste und damit die Interessen des Staates tangieren. Eine Atmosphäre der Verdächtigungen, immer wieder aufbrechende Enthüllungsskandale und Misstrauen gegenüber der Staatsmacht und der Politik sind die Folgen. Auch der Historiker gehört zu den Leidtragenden.

Fußnoten

2.
Vgl. Zoltán Ripp, Rendszerváltás Magyarországon 1987 - 1990 (Systemwechsel in Ungarn 1987 - 1990), Budapest 2006; Ignác Romsics, Volt egyszer egy rendszerváltás (Es gab einmal einen Systemwechsel), Budapest 2003.
3.
Vgl. Rudolf L. Tökes, Hungary's Negociated Revolution, Cambridge 1996.
4.
Vgl. Andreas Schmidt-Schweizer, Politische Geschichte Ungarns von 1985 bis 2002, München 2007.
5.
Vgl. Andreas Schmidt-Schweizer, Die Öffnung der ungarischen Westgrenze für die DDR-Bürger im Sommer 1989. Vorgeschichte, Hintergründe und Schlußfolgerungen, in: Südosteuropa Mitteilungen, 37 (1997) 1, S. 33 - 53; ders., Motive im Vorfeld der Demontage des Eisernen Vorhangs 1987 - 1989, in: Peter Haslinger (Hrsg.), Die Grenze im Kopf, Frankfurt/M. u.a. 1999, S. 127ff.