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10.5.2009 | Von:
Markus Driftmann

Mythos Dresden: Symbolische Politik und deutsche Einheit

Erfolgreiche Inszenierung: Dresden

Die politische Lage. Unmittelbar nach dem Mauerfall stand die DDR im Zeichen demokratischer Reformen. Dem neuen Ministerpräsidenten Hans Modrow gelang es, den Großteil der reformorientierten Kräfte für das Ziel eines demokratischen Sozialismus zu gewinnen. Damit durchkreuzte Modrow, der für die Mehrheit der DDR-Bürger zum Hoffnungsträger auf eine bessere Zukunft avanciert war, die Bonner Erwartung, dass die ostdeutsche Selbstbestimmung zugleich zwingend eine Entscheidung für die Einheit sei. Die Reformkräfte, eben noch Verbündete gegen die alte SED, wurden zu Konkurrenten um die Willensbildung in der DDR.

Außenpolitisch wiederholte sich diese Konstellation. Modrow bot Bonn eine enge Zusammenarbeit in Form einer deutsch-deutschen "Vertragsgemeinschaft" an, was ihm, ließ dieses Modell doch die Nachkriegskonstellationen unangetastet, Sympathien in den europäischen Hauptstädten sicherte. Bonn reagierte umgehend mit dem Zehn-Punkte-Programm, das Modrows Vertragsgemeinschaft als Übergangslösung in einem Kontinuum zur Einheit umdefinierte. Damit waren die Positionen abgesteckt.

Um die Bildung einer neuen, positiven DDR-Identität um Modrows "Dritten Weg" herum zu verhindern, weigerte sich das Kanzleramt beharrlich, den ostdeutschen Reformprozess vorbehaltlos zu unterstützen, geriet aber mit dieser Haltung unter steigenden innenpolitischen Legitimationsdruck, der schließlich in eine Koalitionskrise mündete. Außenminister Hans-Dietrich Genscher brachte die westdeutsche Kritik auf den Punkt: Niemand solle sich anmaßen, an die Stelle der alten Ost- nun eine neue Westbevormundung zu setzen - und damit gleichzeitig die demokratischen Reformen in der DDR zu gefährden.[1]

Ende November 1989 begann die Stimmung in der DDR umzuschlagen. Unter dem Eindruck von Produktionskrise und Währungsverfall, der Veröffentlichung der realen Wirtschaftsdaten sowie täglich neu aufgedeckter Skandale, die auch den letzten Glauben an "sozialistische Werte" zerstörten, kam es innerhalb weniger Tage zu einer Transformation der Bürgerbewegung. Die Bewegung "Wir sind das Volk" spaltete sich: Während der eine Teil an einer eigenständigen Demokratisierung der DDR festhielt, verortete der andere unter der Losung "Wir sind ein Volk" die Lösung aller Probleme in einer möglichst schnellen Vereinigung mit der Bundesrepublik Deutschland. Die Ereignisse im Dezember 1989, von heftigen Auseinandersetzungen zwischen diesen Polen geprägt, wurden zu einer Gratwanderung.[2] Modrow blieb dabei, obwohl bereits geschwächt, der wichtigste Integrationsfaktor. Für Bonn war er der einzige Ansprechpartner eines Staates im freien Fall.

Die Aufgabe. Die Bundesregierung stand vor einer widersprüchlichen Aufgabe. Auf der einen Seite war der Zeitpunkt gekommen, dem Zerfall der DDR entgegenzuwirken und den ostdeutschen Staat durch eine Kooperation mit Modrow in ein ruhiges Zwischenstadium zu überführen, bis die internationalen Voraussetzungen für eine Vereinigung geschaffen waren. Auf der anderen Seite galt es, den Stimmungswandel in der DDR voranzutreiben, also eine dezidiert konfrontative Linie gegenüber den Vertretern eines "Dritten Weges" fortzusetzen. Nicht zuletzt sollte damit der stillen Hoffnung in den europäischen Hauptstädten entgegengearbeitet werden, die Lage im Zentrum Europas könne auf Dauer ohne eine deutsche Wiedervereinigung stabilisiert werden. Kurzum: Ende 1989 war gegenüber Modrow eine zugleich kooperativ-freundschaftliche wie konfrontativ-konkurrierende Linie einzuschlagen. Die Bundesregierung löste diese Aufgabe beim Staatsbesuch Kohls in Dresden am 19./20. Dezember 1989 durch einen verblüffenden Politikmix: Die kooperativen Aspekte wurden qua Substanz - Verhandlungen über eine umfassende Zusammenarbeit - und die konkurrierenden qua Symbol - mittels öffentlicher Inszenierung einer massenmedial verbreiteten Definition der politischen Lage - verfolgt.

Die Vorbereitungen. In deutlichem Kontrast zu biografischen Darstellungen war der Auftritt des Bundeskanzlers vor der Ruine der Dresdner Frauenkirche am Abend des 19. Dezember 1989 ein geplantes und sorgfältig vorbereitetes Angebot von Bild und Ton an rund 1500 sich in Dresden aufhaltende Journalistinnen und Journalisten aus aller Welt. Die Vorbereitungen des Auftritts begannen bereits mit der Wahl des Verhandlungsortes. Das sächsische Dresden bot in Anbetracht des deutlichen Süd-Nord-Gefälles des Einheitswillens ein günstigeres Umfeld als das preußische Berlin, in dem Kohls Rede vor dem Schöneberger Rathaus noch vor wenigen Wochen in einem Pfeifkonzert untergegangen war. Die Gelegenheit eines alleinigen öffentlichen Auftritts des Bundeskanzlers wurde am 5. Dezember 1989 zwischen Kanzleramtsminister Rudolf Seiters und Ministerpräsident Modrow abgesprochen.[3] Als offizieller Anlass wurde eine Kranzniederlegung zum Gedenken an die Opfer der Luftwaffenangriffe des Zweiten Weltkriegs genannt.[4] Die Presse informierte seit dem 17. Dezember über einen Auftritt des Bundeskanzlers in Dresden, auch auf den Montagsdemonstrationen am Vortag wurde auf Ort und Zeitpunkt der geplanten Kanzleransprache hingewiesen; zudem wurden Reisen nach Dresden organisiert.[5] Der Kundgebungsplatz, so ein Bericht der "Frankfurter Allgemeine Zeitung", sei am Tag der Kundgebung von so genannten "Protokollbeamten" für die Medien hergerichtet worden. Es sei der Eindruck entstanden, dass das Ereignis in erster Linie für das Fernsehen und die Fotografen veranstaltet wurde. Vor der Veranstaltung wurden aus Autos heraus fabrikneue westdeutsche Fahnen an die Zuschauer verteilt. Während der Veranstaltung animierten Sprechchöre, mit dem Rücken zum Rednerpult, das Publikum.[6]

Die Botschaft. Die Rede des Bundeskanzlers - eine kurze, wohl komponierte Ansprache in fünf Teilen - war spätestens am 17. Dezember mit größter Sorgfalt aufgesetzt worden.[7] Der Einstimmung des Publikums ("wir mitten in Deutschland", die "wir uns jetzt gemeinsam auf diese wenigen Minuten unserer Begegnung konzentrieren") folgte die Deutung der soeben abgeschlossenen Verhandlungen ("wir lassen unsere Landsleute nicht im Stich" und werden "gemeinsam den Weg in die deutsche Zukunft schaffen") sowie ihre Einbettung in die Perspektive des Kanzleramtes ("mein Ziel bleibt die Einheit unserer Nation"). Die Rede endete mit ihrem offiziellen Anlass, der Kranzniederlegung vor der Ruine der Frauenkirche und dem Gedenken der "Toten von Dresden" (im deutlichen Kontrast zum DDR-üblichen Gedenken der "Opfer des Faschismus"), dem sich ein die vorweihnachtliche Stimmung bedienender Abschiedsgruß anschloss (man sei "dankbar", sich "nach vierzig Jahren" "wieder als deutsche Familie empfinden zu dürfen" - "Gott segne unser deutsches Vaterland").

Die Bedeutung dieser ausgefeilten und bis ins Detail stimmigen Ansprache erschließt sich über ihren Kontext: in der Situation, eine Brücke zum Publikum zu schlagen, mit Blick auf die Medien einige prägnante, zitierfähige Passagen anzubieten und nicht zuletzt gegenüber Moskau und Washington, Paris und London die Bonner Position zur Neubestimmung der innerdeutschen Beziehungen zu verdeutlichen, ohne damit einen Eklat zu provozieren.

Das Bild im Fernsehen. Kanzler und Stab hatten ihre Arbeit getan, nun galt es abzuwarten. Bekanntlich wurde die Inszenierung ein großer Erfolg: Das Fernsehen übertrug Bilder eines von jubelnden Massen empfangenen Bundeskanzlers, die Fahnen in den deutschen Farben schwenkten und die Parolen "Deutschland, Deutschland", "Helmut, Helmut" und "Wir sind ein Volk" skandierten. Dieses Stimmungsbild einer schwer zu bestimmenden Anzahl von Menschen wurde im Kontext der begleitenden Berichte zum Stimmungsbild aller DDR-Bürger verallgemeinert und von den Anstalten weltweit übertragen. Philipp Zelikow und Condoleezza Rice, damals beide im engeren Stab des US-Präsidenten, haben den Effekt dieser Bilder treffend beschrieben: "Die begeisterte Teilnahme der Bevölkerung führte aller Welt den Willen der Ostdeutschen vor Augen."[8]

Im aktuellen Kontext transportierten die Bilder noch zwei weitere, gewichtige Aussagen: Erstens legitimierten sie die in den Zehn Punkten eingeschlagene Offensive, die in den Dresdner Reaktionen ihre "eindrucksvolle Unterstützung und Begründung" fand.[9] Zweitens unterstrichen die in den Bildberichten fokussierten Aspekte (Einheitswille, Masse, Emotionalität) die unumgehbare "Macht der Verhältnisse", auf die sich die Bundesregierung in der Folgezeit und vor allem auf internationalem Parkett immer wieder berufen sollte.

Die Erzählung der Printmedien. In den folgenden Tagen produzierten die Berichte und Kommentare der Printmedien eine erste Erzählung der Ereignisse in Dresden. Die Bilder wurden versprachlicht, mit Daten über Umfang und Ablauf der Versammlung versehen und mit Einblicken in die emotionalen Befindlichkeiten der Akteure angereichert. Aus dem Bild der jubelnden Massen wurde die Erzählung der "Vereinigung von Kanzler und Volk". Diese sprachlich vorweggenommene Wiedervereinigung wurde in der überwiegenden Mehrzahl der Leitartikel als "warmes Bad" des Kanzlers "in den deutschen Farben" bzw. in einem "Meer von Gefühlen, Tränen und Hoffnung" beschrieben.[10] "Unablässig hatte die unübersehbare Menschenmasse nach Einheit der Nation gerufen."[11] Unter den Rufen "Wir brauchen dich, Helmut" lösen sich die Menschen in Tränen auf, dem Kanzler versagt die Stimme, die Minister weinen und "Millionen Fernsehzuschauer in Ost- und Westdeutschland waren ergriffen".[12] Diese millionenfach verbreiteten Erzählungen verfestigten den visuellen Eindruck der elektronischen Medien, dessen grundlegende Interpretation der Bundeskanzler nach seinem Auftritt bereits vorgegeben hatte: "Da war einfach und spontan der Wille, sich zu Deutschland zu bekennen."[13] Und sein Kanzleramtsminister sekundierte: "(...) ein klarer politischer Wille, der hier sichtbar wurde. Man kann es auf einen Nenner bringen: Wir sind eine Familie. Wir gehören zusammen."[14]

Botschaft und Realität. Helmut Kohl dominierte mit den wenigen, aber präzise eingesetzten Minuten seines Auftritts die Berichterstattung über den Staatsbesuch. Die visuelle Kraft der Bildausschnitte definierte den Einheitswillen der Ostdeutschen als unumgehbares Faktum, die Rolle Kohls als die eines umjubelten Kanzlers aller Deutschen und die Rolle Modrows als Interimsverwalter von Kohls Gnaden. Auf diese Weise setzte das Kanzleramt mitten auf dem Terrain des politischen Gegners seine Offensive um die Köpfe der Menschen fort. Doch inwieweit entsprach diese Message der Realität?

a) Der Staatsbesuch diente der Vorbereitung einer deutsch-deutschen Vertragsgemeinschaft, die bereits auf Ministerebene präzisiert wurde. Er war der Einstieg in einen neuen Grundlagenvertrag, der die Lage in der DDR durch engste Zusammenarbeit zu stabilisieren suchte - eine deutschlandpolitische Sensation, die in der Berichterstattung aber völlig unterging.

b) Die professionelle Meinungsforschung kam am Vortag des Staatsbesuchs zu dem Ergebnis, dass 70 Prozent der Ostdeutschen für den Erhalt einer souveränen DDR eintraten.[15] In den Medien wurden diese Daten kaum beachtet, die Bilder vermittelten einen diametral entgegengesetzten Eindruck.

c) Wie groß war der Jubel in Dresden? Das Fernsehen zeigte nur schwer zu quantifizierende Ausschnitte, in den Printmedien war von etwa 100 000 Menschen die Rede. Diese Größenordnung gilt Zeitzeugen als erheblich übertrieben und angesichts der räumlichen Gegebenheiten vor der Frauenkirche als schlichtweg unrealistisch.[16] Vertreter der amerikanischen Presse beobachteten "hunderte von Fahnen" und "eine Gruppe mehrerer Tausend" vor der Frauenkirche.[17]. Bei der Ankunft auf dem Flughafen sprach selbst die kanzlerfreundliche Tageszeitung "Die Welt" nur von einigen Flughafenmitarbeitern auf dem Dach und "vielen hundert" vor dem Gebäude.[18] Am zweiten Besuchstag sei mit Ausnahme "weniger Neugieriger" wieder völlige Normalität eingekehrt.[19] In gleicher Weise müssen die Reaktionen auf die Rede Kohls relativiert werden. Ausländischen Beobachtern gilt die Darstellung von Horst Teltschik als realistisch, der den "Taumel der Begeisterung" auf die Menschen unmittelbar vor dem Rednerpult, also dort, wo die Animateure beobachtet wurden, beschränkt. Die Mehrzahl der Zuhörer hätte dagegen "fast teilnahmslos" gewirkt und sei auf die Rede konzentriert gewesen, die mit differenziertem Beifall honoriert worden sei.[20]

Der Kontrast zwischen dem tatsächlichen Ereignis und seiner medialen Darstellung, der Message, so das Fazit, hätte nicht größer sein können. Der Politik war es gelungen, eine noch unentschiedene Realität durch ihre Definition zu gestalten. Wie hoch dieser Erfolg der Veranstaltung in Dresden tatsächlich zu bewerten ist, wird erst im Vergleich mit den Berliner Auftritten des Bundeskanzlers deutlich.

Fußnoten

1.
Vgl. Koalitionsstreit um Hilfe für Ost-Berlin, in: Hamburger Abendblatt vom 27.11. 1989.
2.
Vgl. Karsten Timmer, Vom Aufbruch zum Umbruch, Göttingen 2000, S. 314 - 349.
3.
Vgl. Hans Modrow, Aufbruch und Ende, Hamburg 1991, S. 97ff.
4.
Vgl. Die Menge in Dresden folgt den Worten des Kanzlers, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 21.12. 1989.
5.
Vgl. Kohl will vor Dresdens Frauenkirche sprechen, in: Welt am Sonntag vom 17.12. 1989; Kanzler macht die Garantie freier Wahlen zur Bedingung der Hilfe, in: Die Welt vom 18.12. 1989.
6.
Vgl. Patricia Clough, Helmut Kohl. Ein Porträt der Macht, München 1998, S. 195f.; Wenig Interesse an Slevogt, in: FAZ vom 20.12. 1989.
7.
Vgl. Rede des Bundeskanzlers, in: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung vom 22.12. 1989, Nr. 150, S. 1261f; Horst Teltschik, 329 Tage, Berlin 1991, S. 85f.; Nicht von heute auf morgen, in: Der Spiegel vom 25.12. 1989.
8.
Philip Zelikow/Condoleezza Rice, Sternstunden der Diplomatie, Berlin 1997, S. 214; Hervorhebung durch den Autor.
9.
Werner Weidenfeld, Außenpolitik für die deutsche Einheit (Geschichte der deutschen Einheit, Bd. 4), Stuttgart 1998, S. 205.
10.
Die erste Etappe einer Dienstfahrt in Deutschland, in: Die Welt vom 20.12. 1989; Die Ungeduld der Demonstranten wächst, in: FAZ vom 20.12. 1989.
11.
Der Jubel von Dresden, in: Die Welt vom 21.12. 1989.
12.
Ich sehe Tränen in den Augen des Kanzlers, in: Bild vom 20.12. 1989; Ich bin gekommen, um Ihnen zu helfen, in: ebd.
13.
In: ZDF-Spezial vom 19.12. 1989, Interview mit Helmut Kohl.
14.
In: ARD-Tagesthemen vom 19.12. 1989, Interview mit Rudolf Seiters.
15.
Vgl. ZDF-Politbarometer vom 17.12. 1989.
16.
Vgl. P. Clough (Anm. 6), S. 194 - 197.
17.
Vgl. Washington Post vom 20.12. 1989; The Wall Street Journal vom 20. 12. 1989 (Bericht von Timothy Aeppel).
18.
Die erste Etappe (Anm. 10); vgl. auch: Kontaktsuche im Jubel der Menge, in: Süddeutsche Zeitung vom 20.12. 1989; "Helmut, komm ans Fenster", ruft die Menge, in: FAZ vom 20.12. 1989; vgl. dagegen die Darstellung des Bundeskanzlers: "Der gesamte Flughafen, vor allem das Gebäude, war bevölkert von Tausenden von Menschen, ein Meer von schwarzrotgoldenen Fahnen wehte in der kalten Dezemberluft." Helmut Kohl, Ich wollte Deutschlands Einheit, Berlin 1996, S. 213.
19.
Die DDR-Medien mahnen zu Ruhe nach dem Kohl-Besuch, in: General Anzeiger vom 21.12. 1989; vgl. auch Kehraus nach dem Rummel, in: Kölner Stadt Anzeiger vom 21.12. 1989.
20.
Vgl. H. Teltschik (Anm. 7), S. 91; P. Clough (Anm. 6), S. 195.