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10.5.2009 | Von:
Markus Driftmann

Mythos Dresden: Symbolische Politik und deutsche Einheit

Retrospektive Inszenierung: Mythos Dresden

Mit der Erzählung der Printmedien war die aktuelle Wirkungsgeschichte des Besuchs in Dresden abgeschlossen. Es folgten die retrospektiven Erzählungen, die bis heute die Erinnerung der Ereignisse prägen.

Die Erzählungen der Biografen. Die Darstellungen der beteiligten Akteure wiederholen die Erzählungen der Printmedien und reichern sie mit Anekdoten an.[22] Hervorzuheben ist dabei vor allem die Behauptung der Spontaneität, mit welcher der Bundeskanzler auf den freundlichen Empfang in Dresden reagiert haben soll: die Spontaneität der Kundgebung insgesamt, des Redetextes im Besonderen sowie einer Reihe organisatorischer Details. Oft wiederholt, unterstreicht dieses Motiv die Authentizität des Geschehens und weist den Eindruck einer gezielten, auf die öffentliche Wirkung hin orientierten Inszenierung dezidiert zurück. Bemerkenswert ist vor allem der Nachdruck, mit dem das Als-ob des Theaters noch lange nach dem Ende der Vorstellung aufrecht erhalten werden muss.

Werden die biografischen Texte über "Dresden" nur leicht durch eine Synopse der in ihnen erzählten Motive komprimiert, man könnte auch sagen: verfremdet, schärft das den Blick für Archetypen aus der Heldenliteratur, auf welche die Autoren bewusst oder unbewusst zurückgegriffen haben. Die auf diese Weise aus den Biografien destillierte Essenz ergibt eine geradezu mythisch anmutende Erzählung in sieben Schritten. Erstens. Das Treffen in Dresden diente nicht dazu, Probleme zu erörtern, Auseinandersetzungen zu führen oder Lösungen zu finden - es ist der Kanzlerbesuch, ein gemeinschaftlich-familiäres Ereignis der Rückkehr des Patriarchen in sein Reich. Zweitens. Seine Ankunft ist von der Spannung bestimmt, wie sein Volk ihn aufnehmen wird. Die Schilderung seines Einzugs in die Stadt, seiner Fahrt durch die von Fähnchen schwenkenden Menschen umsäumten Straßen, besitzt biblische Qualitäten. Drittens. Der Kanzler ist tief berührt und möchte sofort zu seinem Volk, ist aber diszipliniert genug, die Formen des Protokolls zu wahren und seinen Pflichten nachzugehen. Insgeheim lässt er Vorbereitungen für eine Rede treffen. Viertens. Der Kanzler stellt sich vor sein Volk, das ihn als Retter feiert, während er mahnt, geduldig abzuwarten. Der glückliche Höhepunkt: Der Kanzler weint, seine Mitarbeiter liegen sich in den Armen und sein Volk wiegt sich in einem Meer aus Tränen und Hoffnung. Fünftens. Der Kanzler muss sein Volk vorübergehend wieder verlassen. Durch die Ereignisse tief berührt, entschließt er sich, die Einheit des Landes jetzt ohne Wenn und Aber zu verfolgen. Sechstens. Der noch nötigen Kooperation mit dem Gegner haftet etwas Unlauteres an. Aber der Kanzler ist deshalb entschuldigt, weil er sich in dieser Situation über seine wirklichen Ziele klar wurde. Siebtens. Seinem Gegner weist er die Rolle des vorübergehend noch benötigten Verwalters zu, der seine Arbeit zu verrichten und seine Pflicht zu tun hat. Sollte er aber versuchen, darüber hinauszugehen, wird ihn der Bann treffen.

Soweit die Mythologie der Biografen. Ein Erkenntnisgewinn, der den Fakten stand hält, ist ihnen kaum zu entnehmen.

Die Erzählung der Zeitgeschichte. Von der wissenschaftlichen Zeitgeschichtsforschung wäre zu erwarten gewesen, dass sie die retrospektive Verdopplung der Inszenierung durch die Biografen durchbricht. Stattdessen setzt sie diese geradezu eins zu eins um und fügt den Motiven noch ein weiteres hinzu: das Motiv vom Schlüsselerlebnis des Kanzlers. Das Erlebnis des Dresdener Jubels soll den bevorstehenden Kurswechsel der Bundesregierung im Januar 1990 erklären: Modrows Zurückweisung als Partner einer Vertragsgemeinschaft sowie die Aufgabe einer langsamen und stufenweisen Vereinigungsperspektive zugunsten eines schnellen Beitritts der DDR zur Bundesrepublik. Der Zeitpunkt des Kurswechsels wird sehr präzise bestimmt: "Angesichts des überwältigenden Zuspruchs aus der DDR-Bevölkerung wurde Kohl nach dem Verlassen des Flugzeuges in Dresden-Klotzsche klar, dass seine bisher längerfristig angelegte (...) Vereinigungspolitik einer sehr viel konkreteren Vereinigungsplanung (...) weichen musste."[23] Im gleichen Sinne erklärt Korte: "In Dresden fiel (...) die eigentliche Entscheidung für den Weg in die Einheit anstelle der Reformversuche für die DDR. Das war noch nicht an den Vereinbarungen abzulesen (...). Doch man konnte es spüren und es wurde vermittelt in der Stimmung dieser Dresdener Tage. Gleich die erste Begegnung zwischen Kohl und Modrow läutete das Ende ein."[24]

Die politische Situation im Januar 1990 war schwierig, denn unüberbrückbare Widersprüche trafen aufeinander: auf der einen Seite die Notwendigkeit einer Kooperation mit Modrow, um dem anhaltenden Weggang der DDR-Bürger in den Westen etwas entgegenzusetzen; auf der anderen Seite die Notwendigkeit, eben diese Kooperation aufzugeben, um überhaupt einen polarisierenden Wahlkampf für die nahende Volkskammerwahl führen zu können. Beide Linien - die erste wurde durch den Bundeskanzler vertreten, die zweite durch die Parteivorstände von Union und Liberalen - erforderten jeweils klare, öffentlichkeitswirksame Signale. Ein Politikmix nach Dresdener Muster - hier die Substanz, dort das Symbol - war hier nicht möglich; es galt, sich zu entscheiden.

Kohl, der noch bis zum Abend des 15. Januar 1990 an einer Kooperation mit Modrow festhielt, unterlag am nächsten Morgen der in der Bonner Koalitionsrunde vertretenen Wahlkampflogik. Es folgten zwei konfuse Wochen, bis sich Kohl und Finanzminister Theo Waigel dazu entschlossen, nicht nur Modrow, sondern auch das Konzept einer "Vertragsgemeinschaft ohne Modrow" fallen zu lassen, den sozialdemokratischen Vorstoß für eine Währungsunion aufzugreifen, ihn gegen den liberalen Koalitionspartner durchzusetzen und damit den Weg in eine schnelle de-facto-Einheit einzuschlagen. Das Währungsangebot - verbunden mit dem Versprechen blühender Landschaften - zerschlug den gordischen Knoten: Es war wahlkampfkompatibel, ein deutliches Signal gegen den Exodus und ein unumkehrbarer Schritt zur Einheit. Alle diese Etappen - von der Aufgabe Modrows bis zum Währungsangebot - beruhten auf der ausgesprochen schwierigen Entscheidungslage im Januar 1990. Nur: Mit den Ereignissen in Dresden hatten sie nichts zu tun.

Die von der Zeitgeschichte angebotene "Erklärung" dieses politischen Kurswechsels hat an die Stelle strategischer Planung, taktischer Manöver und machtpolitischer Auseinandersetzungen die Emotionen der Akteure- Richard Sennett würde sagen: Intimität[25] - gesetzt. Die Ironie dieser Affirmation ist aber, dass das Festhalten an den Maskeraden der politischen Akteure eben diesen Akteuren - die viel strategischer, rationaler und pragmatischer agierten - am wenigsten gerecht wird.

Fußnoten

22.
Vgl. Eduard Ackermann, Mit feinem Gehör, Bergisch-Gladbach 1994; Antonius John, Rudolf Seiters, Bonn 1991; H. Kohl (Anm. 18); H. Teltschik (Anm. 7).
23.
W. Weidenfeld (Anm. 9), S. 202ff.; Hervorhebung durch den Autor.
24.
Karl-Rudolf Korte, Die Chance genutzt?, Frankfurt/M. 1994, S. 94 (Hervorhebung durch den Autor); vgl. auch Dieter Grosser, Das Wagnis der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion, Stuttgart 1998, S. 141.
25.
Vgl. Richard Sennett, Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität, Frankfurt/M. 1983, S. 316ff.