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1.5.2009 | Von:
Hanno Beck
Helmut Wienert

Anatomie der Weltwirtschaftskrise: Ursachen und Schuldige

Banken und Finanzalchemisten

Zu den Hauptakteuren in der Krise gehören auch die Geschäftsbanken: Sie wickeln den Zahlungsverkehr ab, nehmen Spareinlagen entgegen und vergeben Kredite. Aus diesen Grundfunktionen einer Bank ergibt sich ein brisantes Problem: Die Einlagen der Kunden (das Fremdkapital der Bank) sind in der Regel kleine Beträge, die jederzeit oder nach kurzer Frist wieder abgehoben werden können; die von der Bank vergebenen Kredite sind hingegen häufig dem Betrag nach relativ groß und haben eine vergleichsweise lange Laufzeit, können also nicht kurzfristig zurückgefordert werden. Aus dieser sogenannten Fristentransformation folgt ein banktypisches Risiko: Wenn alle Kunden ihre Einlagen gleichzeitig abziehen (bank run), ist die Bank zahlungsunfähig, da das Geld ja langfristig als Kredit vergeben ist. Dieses Liquiditätsrisiko ist ein klassisches Dilemma, das jeder Finanzintermediär hat: Wer sich kurzfristig Geld leiht, um es langfristig zu investieren, läuft Gefahr, illiquide zu werden, wenn die kurzfristige Refinanzierung nicht mehr gelingt.

Das zweite banktypische Risiko besteht darin, dass vergebene Kredite nicht zurückgezahlt werden - in diesem Fall sind die Einlagen der Kunden verloren, die Bank ist insolvent (Kreditrisiko). Die Bank muss also bei der Kreditvergabe Vorsicht walten lassen - eine leichtfertige Kreditvergabe setzt die Zukunft der Bank und die Einlagen der Kunden aufs Spiel.

Um das Liquiditäts- und das Kreditrisiko zu begrenzen, können Banken institutionelle Vorkehrungen treffen: So garantieren sie durch freiwillige Einlagensicherungssysteme die Sicherheit der Kundeneinlagen; auch die gesetzliche Einlagensicherung dient dazu, das Vertrauen der Kunden in das Bankensystem zu stärken und einen bank run zu verhindern. Als zusätzliche Maßnahme können Banken Rücklagen bilden, die als Schutz vor einem zu großen Abzug von Mitteln dienen. Je mehr liquide Mittel in Form von Bargeld (Kasse) eine Bank hat oder je mehr erstklassige Wertpapiere sie besitzt, die sich im Krisenfall rasch zu Bargeld machen lassen, umso geringer ist das Risiko, dass sie in Liquiditätsschwierigkeiten gerät, wenn Einlagekunden Mittel abziehen.

Ein zweiter Sicherungspuffer gegen banktypische Risiken ist das Eigenkapital, denn dieses steht langfristig zur Verfügung und trägt eventuell anfallende Gewinne oder Verluste aus der Geschäftstätigkeit der Bank - fallen Kredite aus, so gehen die daraus resultierenden Verluste zu Lasten des Eigenkapitals, erst wenn dieses aufgebraucht ist, wird es riskant für die Kundeneinlagen. Je höher also die Eigenkapitalausstattung einer Bank ist, umso größere Verluste kann sie tragen und umso sicherer sind die Kundeneinlagen. Als Maßzahl für die Eigenkapitalausstattung dient das Verhältnis von Fremd- zu Eigenkapital, der sogenannte Hebel. Je geringer er ist, umso mehr schützendes Eigenkapital hat eine Bank im Vergleich zum flüchtigen Fremdkapital.

Zusammenfassend kann man sagen, dass eine Bank zweierlei Arten von Vorsorge treffen kann, um Illiquidität oder Insolvenz zu vermeiden: Sie kann liquide Mittel in Form von Bargeld oder erstklassigen Wertpapieren vorhalten oder eine hohe Eigenkapitalausstattung anstreben. Beide Maßnahmen sind geeignet, eine Bank sturmfest zu machen.

Aus dem Anliegen, sich gegen einen Zusammenbruch zu schützen, entsteht für die Bank ein Zielkonflikt: Hohe Eigenkapitalausstattung, hohe Rücklagen, ein hoher Bestand an sicheren Wertpapieren und eine konservativ-vorsichtige, hochbesicherte Kreditgewährung schmälern die Rendite der Bank. Für Banken ist es finanziell attraktiv, Kassenbestände möglichst klein zu halten, das Eigenkapital zu reduzieren, riskantere Wertpapiere zu kaufen und höherverzinsliche, aber auch riskantere Kredite zu vergeben. Die Banken stehen damit vor einem klassischen Dilemma: Treffen sie intensive Vorsorge gegen die banktypischen Risiken, droht eine geringe Eigenkapitalrendite. Arbeiten sie mit einer hohen Fremdkapitalquote und aggressiver Kreditvergabe, droht die Insolvenz. Verkürzt gesagt hat eine Bank die Wahl zwischen Sicherheit und Rendite, zwischen Vorsicht und bis zur Gier entartetem Risikoappetit.

Hier kommt die letzte der vier Akteursgruppen ins Spiel: Die Produktentwickler der Banken versprachen, diesen scheinbar unlösbaren Konflikt zwischen Rendite und Sicherheit durch die Technik der Verbriefung und der Strukturierung aufzulösen - das klingt nach moderner Finanzalchemie. Wie funktionierte das?

Über die Verbriefung werden nicht handelbare Kredite in Form eines Wertpapiers handelbar gemacht. Eine Bank "verpackt" die von ihr vergebenen Kredite in ein Wertpapier und verkauft Anteile an diesem Wertpapierportfolio an institutionelle Investoren wie Versicherungen oder Investmentfonds. Dieses Verfahren stellte eine revolutionäre Neuerung dar, denn traditionell hielten die Banken gewährte Kredite über die gesamte Laufzeit haftend in ihrer Bilanz. Jetzt verkaufte die Bank stattdessen die von ihr vergebenen Kredite an Nicht-Banken, was vier Folgen hatte: ? Erstens erhielten die Banken dadurch neue liquide Mittel, mit denen weitere Kredite vergeben werden konnten. ? Zweitens verdienten die mit der Verpackung der Kredite und dem Weiterverkauf befassten Investmentbanken attraktive Gebühren. ? Drittens wurden die Kredite nun von Institutionen gehalten, die keine Banken sind und nicht der staatlichen Bankenaufsicht und -regulierung unterlagen. ? Viertens regte die rasche Weitergabe des Kreditrisikos eine zunehmend sorglosere Kreditgewährung an.

In Wertpapiere wurden naturgemäß vor allem solche Kredite verpackt, die ein relativ hohes Kreditausfallrisiko hatten, und die Käufer bekamen als Ausgleich dafür relativ hohe Zinszahlungsversprechen. Das allerdings begrenzte den Kreis der Abnehmer, denn viele Investoren (z.B. Versicherungen und Pensionsfonds) dürfen aufgrund gesetzlicher Vorgaben nicht in riskante Papiere investieren. Wie kann man solchen Investoren riskante Papiere verkaufen?

Diese finanzmarkttheoretische Quadratur des Kreises ermöglichte die Technik der Strukturierung. Die Kreditpakete, welche die Banken mittels Verbriefung verkauften, wurden in verschiedene Risikoklassen, sogenannte Tranchen, aufgeteilt. Statt das Ausfallrisiko einzelner Kredite gleichmäßig auf alle Anteilseigner eines verbrieften Kreditportfolios zu verteilen, wurde eine Hierarchie der Risikoübernahme geschaffen: Käufer der untersten Tranche ("Equity") tragen sämtliche Verluste, bis diese Tranche komplett aufgezehrt ist. Weitere Verluste werden der nächsthöheren Tranche ("Mezzanine") angelastet; die dritte Tranche ("Senior") ist folglich erst betroffen, wenn auch die zweite Tranche aufgezehrt ist. Bevor es für die Besitzer der oberen Tranche gefährlich wird, muss also eine sehr große Menge an Krediten ausgefallen sein - ein Szenario, das man für unwahrscheinlich hielt. Mit Hilfe dieser Technik wurden aus einem Portfolio von relativ riskanten Krediten bis zu 97 Prozent Wertpapiere "gezaubert", die als sehr sicher oder sicher eingestuft wurden. Die Quadratur des Kreises war perfekt: Man hatte riskante Wertpapiere in sichere Investments verwandelt, oder wie es der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung formulierte: Aus "Landwein" wurde "Qualitätswein".[1]

Die neuen Techniken der Verbriefung und Strukturierung hatten zwei dramatische Folgen: Zum einen konnten die Banken Kredite, die sie normalerweise bis zur Fälligkeit in ihrer Bilanz hielten, an Dritte verkaufen und damit ihre Kreditvergabefähigkeit dramatisch ausweiten, zum anderen wurden die Käufer der verbrieften Kredite zu indirekten Kreditgebern, sogenannten Schattenbanken, die außerhalb jeglicher Bankenaufsicht agierten.

Überreichliche Liquiditätsversorgung durch die Zentralbanken, erweiterte Kreditschöpfungsmöglichkeiten der Geschäftsbanken, Finanzmarktinnovationen, die Sicherheit suggerierten und riskante Kreditgewährung begünstigten: Die Krise konnte beginnen, und sie begann in Amerika.

Fußnoten

1.
Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Jahresgutachten 2007/08, Das Erreichte nicht verspielen, Wiesbaden 2007, S. 112.