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21.3.2009 | Von:
Eva-Maria Auch

Ein Blick in die Geschichte Kaukasiens

Nordkaukasien

Nordkaukasien stellt hinsichtlich seiner räumlichen Gliederung, seiner Sprachen- und Völkervielfalt und kulturellen und politischen Geschichte die differenzierteste Region im postsozialistischen Raum dar. Innerkaukasische Wanderungen unter dem Druck stärkerer Nachbarn oder schwindender Lebensgrundlagen, die Zuwanderung iranischer und turksprachiger Volkgruppen, Um- und Aussiedlungen haben die gegenwärtige ethnische und religiöse Struktur geprägt: Tscherkessen setzten sich gegen Kimmerer und Skythen zur Wehr, Sarmaten und Hunnen (6./7. Jh.) breiteten sich wie Araber (8. Jh.), turksprachige Kiptschaken (9.-13. Jh.), Nogaier und Krimtataren (15./16. Jh.), buddhistische Kalmyken (17. Jh.) und schließlich Kosaken und Siedler aus den zentralrussischen Gebieten aus. Waren nordkaukasische Völker in größere staatliche Zusammenhänge integriert, dann in externe Reichsbildungen wie das Chazarische Chanat (7.-9. Jh.), das Imperium der Goldenen Horde (13.-15. Jh.) oder das Krim-Chanat (15.-18. Jh.).

In enger Verbindung mit den religiösen Verhältnissen in den jeweiligen externen Zentren steht die Frage der konfessionellen Zugehörigkeit. Neben heidnischem Volksglauben breiteten sich Judentum, Christentum und Islam in verschiedenen Wellen aus. Letzterer setzte sich insbesondere im Osten (Inguschetien bis Dagestan) in einer stark von sufischen Bruderschaftstraditionen geprägten Form durch, die das Phänomen der geistlichen Lehrer-Schüler-Beziehungen mit traditionellen Strukturen von Ziehvaterschaft, Ehrenkodex und Gefolgschaft verwob. Bis auf die Osseten, die zum Teil der russisch-orthodoxen Kirche angehören, sind die namensgebenden Nationalitäten der "Gebirgsrepubliken" mehrheitlich kaukasisch- und turksprachig[3] und muslimisch, während der Anteil der russischen und überwiegend christlich-orthodoxen Bevölkerung stark rückläufig ist. Sie zogen - wie auch tausende Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten Süd- und Nordkaukasiens - vor allem in die vorgelagerten südrussischen Gebiete, die über deutliche russische Bevölkerungsmehrheiten verfügen und stark in einer kosakischen (Wehr-)Tradition stehen. Dieser Befund bietet nicht nur eine breite Basis für Diskussionen um die Frage, welche Volksgruppen wo als "autochthon" und welche als "zugewandert" gelten sollen und entsprechend längere bis gar keine Rechte auf Besitz und bürgerliche Gleichbehandlung beanspruchen dürfen,[4] sondern führt zu einem politisch manipulierbaren Verhältnis zwischen der slawischen Bevölkerung und den Kaukasiern, die oft als Cernye ("Schwarze") und "Zugewanderte" gelten.

Nirgendwo im Russischen Reich war die Unterwerfung nichtrussischer Völker so stark von Gewalt und Gegengewalt geprägt wie im Nordkaukasus, wo sich Russland seit Mitte des 18. Jahrhunderts zwischen die (krimtatarisch-)osmanischen und persischen Interessengebiete schob. Die Muridenbewegung unter Scheich Schamil versuchte im Namen des Islam die Gorcy (Bergbewohner) in einem Imamat zu vereinen und leistete den russischen Truppen in den 1830/40er Jahren erfolgreich Widerstand.[5] Große Gebiete Nordkaukasiens wurden erst bis 1859 (Gefangennahme Scheich Schamils) bzw. 1864 (Tscherkessenvertreibung) leidlich unter russische Kontrolle gebracht, wofür Russland einen hohen Preis zahlte: ca. 350.000 Soldaten waren zuletzt im Einsatz, die Kosten der Kaukasuskriege übertrafen die des britischen Kolonialkrieges in Indien. Mit dem Jahr 1864, das als das Jahr der Unterwerfung der gesamten Region unter zarische Herrschaft gilt, wurde ein Prozess der "Internationalisierung" kaukasischer Konflikte manifest. Die Tscherkessen, bis dahin die zahlenmäßig stärkste Volksgruppe im Nordkaukasus, wurden bis auf einen geringen Überrest (1897: 44.000) aus ihrer Heimat vertrieben. Mehr als eine Million kaukasische Muslime flohen in Gebiete des Osmanischen Reiches. Flucht und Vertreibung und die Entstehung neuer Diasporagruppen im Ausland wurden zunehmend zu einem Faktor internationaler Politik, während sich unter anderem Russen, Ukrainer, Griechen, Armenier, Georgier und vereinzelt Deutsche in den Gebieten niederließen bzw. gezielt dort angesiedelt wurden.

Gewaltbedingte Migrationsströme gab es auch im 20. Jahrhundert: Kosaken stellten die erste Volksgruppe, welche - als Kollektivstrafe - infolge der Bürgerkriege durch die Bolschewiki umgesiedelt wurden.[6] Die Zwangskollektivierung ab 1929 war verbunden mit Umsiedlungen der Bergbewohner in die Täler und Ebenen, die "Stalin'schen Säuberungen" der 1930er Jahre dezimierten die im Zuge der Lenin'schen nationalen "Einwurzelungspolitik" geförderten nationalen Eliten entscheidend und leiteten den Prozess der Liquidierung einheimischer (Bildungs-, Glaubens-, Verwaltungs-)Institutionen über in einen sowjetischen Unifizierungs- und Russifizierungskurs. Die Folge war jedoch nicht ein Verschwinden, sondern eine Deformierung und Verdrängung in Bereiche, die sich der Kontrolle entzogen. Widerstand äußerte sich letztlich auch in der Beteiligung an Freiwilligenverbänden der deutschen Wehrmacht.[7]

Das deutsche Vordringen bis zum Elbrus, dem höchsten Berg im Kaukasus, diente dann auch als Vorwand, ganze Völkerschaften der Kollaboration zu bezichtigen und sie zu deportieren: Karatschaier vom November 1943 bis Februar 1944 (ca. 70.000 Deportierte), im Februar 1944 folgten Tschetschenen und Inguschen (380.000 bzw. 91.000) und im März 1944 Balkaren (ca. 37.000). Im Ergebnis nahm allein die Zahl der Tschetschenen um zwischen 1939 und 1959 um 22 Prozent ab und liefert dem tschetschenischen Widerstand bis heute das Argument, um von "Völkermord" zu sprechen und eine Kontinuitätslinie der russischen Gewalt gegen die Bergvölker vom 19. bis ins 21. Jahrhundert zu ziehen. Auch nach ihrer Rehabilitierung und Rückkehr in den Kaukasus dominierte die russische Nomenklatur bis zum Ende der Sowjetunion und ließ nur partiell Nordkaukasier an der Macht und den Ressourcen partizipieren. Konflikte waren auf diese Weise vorprogrammiert, kamen jedoch erst im Kontext des Niedergangs der Zentralgewalt zum Ausbruch. In ihrer ersten Phase ging es vor allem um nationale Autonomie und Unabhängigkeit. Nach zwei Kriegen, die Russland zuletzt in Tschetschenien geführt hat (1994 - 1996/97 und 1999 - 2000), gilt insbesondere Nordostkaukasien als politische und sozioökonomische Notstandsregion, in der mit Sondervollmachten regiert wird, eine hohe Dichte von Militärs und Geheimdienstlern ständig präsent ist und islamistische Attentate Ängste schüren.

Fußnoten

3.
Linguistisch werden drei Hauptgruppen unterschieden: Kaukasisch (u.a. nordwestlicher Zweig: Abchasisch-Abasa, "Tscherkessisch" mit Adygeisch und Kabardinisch; nordöstlicher Zweig: vainachische Gruppe der Inguschen und Tschetschenen, dagestanische Sprachen), Turksprachen (Karatschaier, Balkaren, Nogaier, Kalmyken u.a.) und indoeuropäische Sprachen (Russen, Armenier, Ukrainer, Osseten u.a.). Vgl. Georgij A. Klimov, Einführung in die kaukasische Sprachwissenschaft, Hamburg 1994.
4.
Vgl. Dittmar Schorkowitz, Postkommunismus und verordneter Nationalismus. Gedächtnis, Gewalt und Geschichtspolitik im nördlichen Schwarzmeergebiet, Frankfurt/M. 2008, S. 69 - 150, 173 - 205, 229 - 258 zur Situation im Gebiet Krasnodar und in Abchasien.
5.
Vgl. Uwe Halbach, "Heiliger Krieg" gegen den Zarismus. Zur Verbindung von Sufitum und Djihad im antikolonialen islamischen Widerstand gegen Rußland im 19. Jahrhundert, in: Andreas Kappeler/Gerhard Simon/Georg Brunner (Hrsg.), Die Muslime in der Sowjetunion und in Jugoslawien, Köln 1989, S. 213 - 234; Imamat bezeichnet die politische Herrschaft einer islamischen Geistlichkeit (Imam) über ein Territorium.
6.
1920 entstand - nach den kurzlebigen Staatsbildungen des "Imamats der Bergvölker", einer Nordkaukasischen Republik (1918) und dem Nordkaukasischen Emirat (1919) - die "Sowjetrepublik der Bergvölker, die in der Folgezeit in verschiedene nationale Autonomien zersplittert und der Russischen Föderativen Sowjetrepublik eingegliedert wurde.
7.
Vgl. Hans von Herwarth, Zwischen Hitler und Stalin. Erlebte Zeitgeschichte 1931 - 1945, Berlin 1988, S. 241 - 277; Joachim Hoffman, Kaukasien 1942/43. Das deutsche Heer und die Orientvölker der Sowjetunion, Freiburg i. Br. 1991.