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21.3.2009 | Von:
Eva-Maria Auch

Ein Blick in die Geschichte Kaukasiens

Südkaukasien

"Zu den merkwürdigsten Gegenden und zu den unbekannteren der alten Welt gehört der Kaukasus, der mit seinen langen schneebedeckten Rücken Asien und Europa trennend, als Grenzscheide beider Welten dasteht (...)", bemerkte der Orientalist Julius Klaproth in seinem Bericht über eine Kaukasusreise, die er 1807/08 unternommen hatte. So unbekannt war Kaukasien indes schon lange nicht mehr. Die fruchtbaren Täler des Südkaukasus waren bereits seit vielen Jahrhunderten eine Brücke zwischen den Kulturen des Mittelmeerraumes und Innerasien. Nicht weit von hier lag der biblische Garten Eden, der Berg Ararat mit Noahs Arche. Herodot, Strabo oder Plinius beschrieben die Bräuche im Kaukasus, wo Prometheus, Kulturstifter und Feuerbringer, von Zeus gefesselt für seine Taten büßen sollte. Hier lag das sagenumwobene Kolchis der Griechen, das Land Medeas und des Goldenen Vlieses. Und als Bestandteil der griechischen Mythologie und der biblischen Geschichte war Kaukasien in den Wissensschatz der Westeuropäer eingegangen, bevor die Herrschaft der Goldenen Horde und das Osmanische Vordringen nach Mitteleuropa diese Kenntnisse "verschütteten".

Galt den antiken Menschen der Kaukasus noch als Ende der Welt, als Nachbar der Sterne, so wurde spätestens seit Alexander dem Großen, der 325 v. Chr. bis an den Indus gelangte, der Kaukasus zu einer Trennlinie, die zwischen den Steppenvölkern im Norden und den sesshaften Stämmen im Süden gezogen wurde. Gerade hier im Süden, in den fruchtbaren Ebenen und an den Küsten des Schwarzen und Kaspischen Meeres fanden sich blühende Stadtkulturen, die von der Lage in der Transitregion profitierten. Handel und Handwerk konnten sich auf natürliche Rohstoffe wie Gold, Silber, Kupfer und Edelgehölze gründen, was zugleich Begehrlichkeiten konkurrierender regionaler Potentaten und benachbarter Großreiche weckte. In der Peripherie der Hegemonialmächte Rom und Persien/Parthia gab es auch immer wieder Freiräume für frühstaatliche Entwicklungen, die mit Begriffen wie Kolchis/Egrisi, Iberia/Kartli, Albania und Armenia hier nur angedeutet werden können.

Die Festigung von lokalen Stammesbünden und die Schaffung frühfeudaler Königsdynastien, ihre Emanzipation im Spannungsfeld zwischen Persien (Sassaniden) und Rom verlangte zugleich nach geistlicher Einheit, wofür das Christentum[8] offensichtlich eine bessere Basis bot als heidnische Volkskulte, Zoroastrismus und Mazdaismus. Mittels früher Bibelübersetzungen wurden die Kirchen zur Integrationsinstanz, die auch in Zeiten der Fremdherrschaft Orientierung bot und kulturelle Identität durch die Zeiten trug. Der Armenisch-Apostolischen Kirche gehören heute fast 90 Prozent der Bevölkerung der Republik Armenien an. Eine Turkifizierung und eine neue Welle der Islamisierung großer Teile Kaukasiens brachten dagegen das Vordringen der Seldschuken (1038 - 1194) und der Mongolen (1222) sowie die Herrschaftszeit der "Goldenen Horde" (1237 - 1480) mit sich. Während im Ringen um das Erbe der Goldenen Horde die Osmanen am Schwarzen Meer und im Nordkaukasus an Einfluss gewannen, trugen die safawidischen Herrscher Irans (1501 - 1722) den 12er schiitischen Islam nach Südkaukasien, der bis heute von der Mehrzahl der Muslime in Aserbaidschan praktiziert wird. Bereits hier zeigt sich eine Kontinuitätslinie, die sich durch die gesamte Geschichte zieht: in Südkaukasien stabilisierten sich die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse jeweils nur dann, wenn der Einfluss der Nachbarreiche zurück ging und äußere Eingriffe in die Vielfalt der gesellschaftlichen Verhältnisse der Region abgewendet werden konnten. Leider gab es derartige "Auszeiten" relativ selten und doch brachten sie "goldene Zeitalter" hervor, die auch mit eigenen Ambitionen zur Expansion verbunden waren. Sie sind heute wichtige kollektive Bezugspunkte georgischer, armenischer und aserbaidschanischer Identität.

Fußnoten

8.
Ausgehend von den "Syrischen Brüdern" im 3./4. Jahrhundert.