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21.3.2009 | Von:
Eva-Maria Auch

Ein Blick in die Geschichte Kaukasiens

Russisches Vordringen und koloniale Politik

Während sich jedoch das Osmanische und das Persische Reich konkurrierend um eine weitere Machtausdehnung bemühten und die Parteien im 16./17. Jahrhundert ihre Einflusssphären ständig neu aufteilten, erstarkte im Norden seit der Eroberung von Kazan und Astrachan (1552/56) das Moskowiter Reich als neuer Kontrahent um das Erbe der Goldenen Horde und Byzanz. Begann der russische Vorstoß nach Nordkaukasien bereits im 16. Jahrhundert mit der Gründung von Kosakengemeinden am Terek und Kuban, sollte es jedoch noch bis in das 18. Jahrhundert hinein dauern, bis sich Russland in Südkaukasien festsetzen konnte. Kein geringerer als Peter der Große (1672 - 1725) unternahm 1722 mit seinen Truppen einen ersten "Kaukasusfeldzug" unter dem Vorwand, den Persern gegen die Osmanen beizustehen, musste sich jedoch wieder zurückziehen. Erst unter Katharina II. (1729 - 1796), die im Vertrag von Kücük Kaynardschy (1774) die Krim für unabhängig (1783 annektiert) sowie die Kleine und Große Kabardei zu Russland gehörig erklären ließ, war die Eroberungspolitik dauerhaft erfolgreich. Die Gründung der Festung Wladikawkaz ("Beherrsche den Kaukasus") 1784 wurde zum Programm: 1801 wurde Georgien annektiert, bis 1813 folgten als Ergebnis des ersten Russisch-Persischen Krieges (Vertrag von Gülestan) und diverser Verträge mit den Lokalfürsten die Chanate von Karabach, Gäncä, Scheki, Schirwan, Derbend, Kuba, Baku und Talysch sowie Dagestan und Gurien, bis 1828/29 die Chanate Nachitschewan und Eriwan (Vertrag von Turkmantschaj), sowie Anapa, Achalcych, Acchur und Achalkalaki (Vertrag von Adrianopel).

Für die Völker Kaukasiens ist festzuhalten, dass sie am Ende des 18. bzw. zu Beginn des 19. Jahrhunderts bis 1918 letztmalig als Subjekte internationalen Rechts in Erscheinung traten. Kaukasien war endgültig zum Objekt geopolitischer Konkurrenz und kolonialistischer Politik geworden. Russlands Kaukasienpolitik, die auf einem zivilisatorischen Missionsanspruch fußte und dabei christliche Volksgruppen den muslimischen als potentielle Bündnispartner vorzog, war bis 1917 unter anderem geprägt von:
  • selektiver Integration einheimischer Eliten, die spätestens ab den 1880er Jahren die bürgerliche Anerkennung an eine Russifizierung band und somit nationale Gegenbewegungen förderte;
  • Pragmatismus, der zwischen brutalster Gewalt und Kompromissen schwankte;
  • stetiger Verbindung von ziviler und militärischer Machtausübung, wobei das militärische Element permanent die einheimische Wahrnehmung prägte;
  • massiven Eingriffen in die wirtschaftlichen, rechtlichen, sozialen und im Zuge der "Großen Reformen" auch kulturellen Verhältnisse;
  • Siedlungspolitik, die das traditionelle Absorptionsvermögen der einheimischen Bevölkerung erschöpfte, das demographische Gleichgewicht störte, Konfliktregelungsmechanismen außer Kraft setzte und damit Spannungen auf ethnisch-sozialer Grundlage vorprogrammierte.[9]
Zwar gewannen auch die Ressourcen der Region eine herausragende Bedeutung,[10] aber dominant blieb dennoch die geopolitische Rolle der Region - ihre Brückenfunktion zwischen Europa und Asien,[11] die Russland im Gleichklang mit Frankreich und besonders Großbritannien zur "nahöstlichen" Kolonialmacht machte.

Fußnoten

9.
Allein der Anteil der Armenier in Südkaukasien erhöhte sich durch besondere Ansiedlungsprivilegien und die Folgen der Pogrome im Osmanischen Reich zwischen 1846 und 1915 von ca. 200 000 auf 1,68 Millionen. Tatsächlich kam es 1904 - 1906 zu massiven armenisch-aserbaidschanischen Übergriffen. Vgl. Eva-Maria Auch, Zur Rolle armenisch-tatarischer Konflikte bei der Herausbildung einer aserbaidschanischen Wir-Gruppen-Identität und gesellschaftlicher Organisationen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in: Fikret Adanir/Bernd Bonwetsch (Hrsg.), Osmanismus, Nationalismus und der Kaukasus. Muslime und Christen, Türken und Armenier im 19. und 20. Jahrhundert, Wiesbaden 2005, S. 99-132.
10.
In der Frühphase der Industrialisierung waren neben landwirtschaftlichen und maritimen Produkten (Stör-Kaviar) auch Bodenschätze wie Kupfer und Mangan von internationalem Interesse. Das zentrale Objekt der Begierde war jedoch das Erdöl, wobei allein im Bakuer Revier um die Jahrhundertwende mehr als die Hälfte der Weltproduktion gefördert wurde und im Nordkaukasus (Grosny) weitere Quellen erschlossen wurden. Allein Russland erhielt vor der Revolution zwei Drittel seines Erdöls, ein Viertel seines Kupfers und drei Viertel seines Mangans aus Kaukasien.
11.
Bereits 1907 hatten Großbritannien und Russland die Aufteilung Irans in Einflusssphären vereinbart. Nordiran/Südaserbaidschan wurde so zum "verlängerten Arm" Petersburgs.