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21.3.2009 | Von:
Eva-Maria Auch

Ein Blick in die Geschichte Kaukasiens

Erste Unabhängigkeit und Sowjetisierung

Vor dem Hintergrund der Herausbildung neuer Eliten, deren "Europäisierung" über russische und westeuropäische Bildungsstätten sowie internationale Handelskontakte auch eine moderne Nationsidee förderte, formierten sich mit Beginn des 20. Jahrhunderts Nationalbewegungen. Die Versuche der Bildung einer "transkaukasischen Regierung" nach dem Zusammenbruch des Zarenreiches scheiterten und mündeten 1918 schließlich in die Gründung unabhängiger demokratischer Republiken (Georgien: 26. Mai; Armenien und Aserbaidschan: 28. Mai), deren Grenzen jedoch von Beginn an umstritten waren. Kämpfe um die Macht polarisierten sich nach ethnisch-konfessionellen Kriterien und forderten schreckliche Opfer unter der Zivilbevölkerung. Bündnisse mit Deutschland (Georgien), dem Osmanischen Reich (Aserbaidschan) und der Entente (Armenien) sollten die Unabhängigkeit sichern, doch diese endete bereits 1920 bzw. 1921 (Georgien) mit der Auflösung der jungen Republiken.

Der Sowjetisierung 1920/21 folgte bis 1936 der Versuch, die drei südkaukasischen Republiken in einer "Transkaukasischen Föderation" zusammenzufassen. Nach dem Prinzip der russischen Matroschka (ineinander geschachtelte Holzpuppen), wurden Autonome Gebiete, Bezirke und Kreise eingerichtet,[12] die der Förderung der verschiedenen Volksgruppen dienen sollten, jedoch in keinem Fall ethnisch-konfessionellen Grenzen entsprachen. Einer anfänglichen Phase der Förderung einheimischer Sprachen, Kultur und der Toleranz von Glaubensbekenntnissen folgte eine Zeit, in der sich diesmal die Bolschewiki in der Rolle (nun sozialistischer) "Zivilisatoren" sahen. Auch wenn zahlreiche Kaukasier in Führungsspitzen von Partei, Regierung und Geheimdienst aufstiegen und den Stil der Staatsführung mitbestimmten, überlagerten, deformierten und zerbrachen atheistische Religionspolitik (ab Mitte der 1920er Jahre), Zwangskollektivierung und Industrialisierung (nach 1929) sowie Massenterror (1936 - 38) die kaukasischen Lebenswelten. Einer "Enthauptung" bürgerlicher Eliten und der ersten Generation nationaler Kader während der "Stalin'schen Säuberungen" folgten neue Funktionseliten (Nomenklatura) auf allen Ebenen des Partei- und Staatsapparates, das Entstehen einer multiethnischen Industriearbeiterschaft und eine neue Welle der Russifizierung.[13]

Der Zweite Weltkrieg und das gemeinsame Schicksal in den Reihen der Roten Armee förderten zwar - wie der zweite Erdölboom im Bakuer Revier durch den Beginn der Offshoreförderung ab 1949 - die Integration der "Peripherie", aber Kaukasien blieb außerhalb der Region oftmals ein Synonym für "Wildheit", "Schattenwirtschaft", "Korruption" und "Exotik", ein Raum, der kontrolliert, gezügelt, ja beherrscht werden musste, um die gelegten Feuerstätten und unterdrückten Konflikte nicht ausbrechen zu lassen.[14] Tatsächlich formierten sich in den 1960er/70er Jahren Dissidentengruppen, welche die Auseinandersetzung um die Sprache und das kulturelle Erbe mit Fragen der Bürger- und Menschenrechte verbanden und die Zeit von Glasnost und Perstrojka nutzten, um nationale Interessen mit politischen Forderungen zu verbinden.

Fußnoten

12.
Unter anderem Abchasien als Sowjetrepublik (1921) bzw. als Autonome Republik (1931), Adscharien als Autonome Republik (1921), Südossetien als Autonomes Gebiet zu Georgien (1922), Berg-Karabach als Autonomes Gebiet (1921/23), Nachitschewan als Autonome Republik zu Aserbaidschan (1924).
13.
Während Georgier und Armenier ihr Alphabet während der Sowjetzeit bewahren konnten, wurde das aserbaidschanische - arabisch basierte - Alphabet 1929 auf eine (mehrfach modifizierte) Lateinschrift und 1939 auf ein kyrillisches Alphabet umgestellt. 1992 unter der Volksfrontregierung beschloss man die Rückkehr zum lateinischen Alphabet.
14.
Vgl. Eva-Maria Auch, Mythos Kaukasus, in: APuZ, (2006) 11, S. 29 - 38.