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6.1.2009 | Von:
Angelos Giannakopoulos
Dirk Tänzler

Deutsche Ansichten zur Korruption

Untersuchungsgegenstand "Korruptionskultur"

Korruption ist nicht die Manifestation einer durch "kriminelle Energie" geprägten Persönlichkeit oder eines milieuspezifischen Typus sozialer Beziehung, sondern schlicht die Bewertung eines sozialen Handelns hinsichtlich kultureller Grundwerte einer modernen Gesellschaft. Die Blickrichtung verschiebt sich damit von den objektiven Ursachen und Wirkungen des Phänomens zu den subjektiven Wahrnehmungsweisen des Phänomens, den kulturellen Bedingungen ("Gesinnung"), die Korruption als soziales Problem erst möglich machen. Im Sinne einer Ethnographie der eigenen Kultur ist deshalb im Rahmen des Projekts danach gefragt worden, was die Menschen als Korruption ansehen und wie sie das Phänomen bewerten. Gesucht wurden empirische Definitionen von Korruption im gesellschaftlichen Alltag von Menschen.[8] Dabei stellte sich heraus, dass die in der deutschen Gesellschaft allgemein verbreitete Definition der von Transparency International entspricht, wonach Korruption die private Zweckentfremdung öffentlicher Güter meint.[9] Eine solche alltagsweltliche Definition enthält bereits eine Unterscheidung zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre, die zwar für die Kultur moderner Gesellschaften typisch ist, nicht aber für diejenige traditioneller Gesellschaften. Es ist ein Effekt von Modernität (also "Gesinnung"), dass individuelle und gesellschaftliche, private und öffentliche Erwartungen sich niemals vollständig decken und dass dies dort, wo das doch der Fall sein sollte, als Korruption angesehen wird. Eine im privaten Verkehr unverfängliche und sehr schöne Sache, nämlich die Herstellung von Gegenseitigkeit und Vertrauen in persönlichen Beziehungen durch den Austausch von Gaben und Geschenken, wird im öffentlichen Verkehr zum Problem.

Diese Unvereinbarkeit von privaten und öffentlichen Angelegenheiten ist eine normative Festlegung, deren gesellschaftliche Geltung durchgesetzt werden muss. Dies geschah und geschieht immer wieder in kritischen historischen Situationen. So etwa Ende des 19. Jahrhunderts, als der bis dahin im englischen Parlament übliche Ämter- und Stimmenkauf, also die selbstverständliche Haltung, ein öffentliches Amt als Königsweg zur persönlichen Bereicherung anzusehen, in Misskredit geriet und schließlich per Gesetz verboten wurde. Erst danach galt die Vermischung von privaten und öffentlichen Interessen als moralisch und rechtlich verwerflich. Was wir seit den 1990er Jahren mit dem Auftreten des Antikorruptionsdiskurses erleben, ist ebenfalls eine Neujustierung des Verhältnisses von privaten und öffentlichen Angelegenheiten. Plötzlich wurde politisches und wirtschaftliches Handeln neuen moralischen Ansprüchen unterworfen und das Rechtssystem gezwungen, sich diesen neuen Herausforderungen anzupassen. Die politischen und wirtschaftlichen Akteure, so zeigen die aktuellen Skandale, scheinen sich der neuen Situation nicht bewusst zu sein - zumindest haben sie ihr Handeln noch nicht an den neuen Standards ausgerichtet.

In unserer Gesellschaft weiß jede beziehungsweise jeder, was Korruption ist und was nicht. Aber nicht die allgemeine Definition von Korruption ist handlungsleitend, sondern die konkrete Wahrnehmung und die Praxis der Grenzziehung in den entscheidenden Situationen. Mit anderen Worten: Nicht die Korruption als solche ist das soziologische Problem, sondern die Veränderungen der Wahrnehmungs- und Deutungsmuster von Korruption und die Gründe dafür sind es. Die Herangehensweise unseres Forschungsprojektes ist aber alles andere als rein akademisch. Gesucht wird eine Antwort auf ein unmittelbar praktisches Problem von historischer Relevanz, nämlich die Unzufriedenheit der EU-Kommission mit der gängigen Praxis der Korruptionsprävention der Europäischen Union. Bislang funktioniert dieses nach dem top down-Prinzip: Auf der oberen Ebene denkt sich jemand etwas aus, das auf den unteren Ebenen in die Praxis umgesetzt werden soll. Der geringe Erfolg, der solchen Programmen bisher beschieden ist, dürfte unter anderem daraus resultieren, dass das Alltagsverständnis und die spezifischen soziokulturellen Gegebenheiten bislang außer Acht geblieben sind. Bevor solche Programme aber gestartet werden, ist es zunächst einmal unabdingbar, herauzufinden, was in den einzelnen Ländern überhaupt unter Korruption verstanden wird beziehungsweise wie Korruption wahrgenommen wird.

Eine solche zu untersuchende "Korruptionskultur" umfasst nicht nur die Praxis korrupten Verhaltens im engeren Sinne, sondern alles auf Korruption bezogene Denken und Handeln in den einzelnen Handlungsbereichen einer Gesellschaft. Die Wahrnehmung von Korruption von Wirtschaftsführern unterscheidet sich ebenso deutlich von der eines Polizisten, Staatsanwalts oder Richters wie die eines NGO-Vertreters von der eines Politikers oder Journalisten. Es gibt also eine Pluralität von Kulturen der Korruption nicht nur in unterschiedlichen Ländern, sondern auch innerhalb einer Gesellschaft. In diesem Beitrag beschränken wir uns darauf, die Grundmuster der Korruptionswahrnehmung in Deutschland zu skizzieren.[10]

Fußnoten

8.
Vgl. Dirk Tänzler/Konstadinos Maras/Angelos Giannakopoulos, Breaking New Ground in Corruption Research. Project Crime and Culture, Discussion Paper Series, University of Konstanz, Discussion Paper No. 1 (2007).
9.
Vgl. die Homepage von Transparency International (Anm. 4).
10.
Der internationale Kulturvergleich ist noch nicht abgeschlossen. Die einzelnen Länderstudien liegen vor und können auf der Projekthompage heruntergeladen werden (siehe Anm. 7). Hardcopies können bei den Verfassern angefordert werden.