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6.1.2009 | Von:
Angelos Giannakopoulos
Dirk Tänzler

Deutsche Ansichten zur Korruption

Empirische Befunde und Versuch einer Deutung

Einen ersten Hinweis auf die allgemeine gesellschaftliche, insofern "typisch" deutsche Korruptionswahrnehmung lieferte ein von uns interviewter Polizeibeamter.[11] Obwohl dieser Beamte sein halbes Leben lang erfolgreich gegen Korruption gekämpft hat und einen außerordentlich guten Ruf als Korruptionsexperte genießt, antwortete er auf die Frage nach seinen Ansichten über Korruption in Deutschland überraschend, dass es hierzulande keine gebe. Diese Einschätzung ist mit seiner einstigen polizeilichen Tätigkeit kaum vereinbar, stimmt aber mit den Daten des Corruption Perception Index (CPI) von Transparency International scheinbar überein.[12] Auf einer internationalen Antikorruptionskonferenz in Lissabon im Jahr 2006 interpretierte ein amerikanischer Kollege den CPI auf die gleiche Art und Weise, wie der deutsche Polizeibeamte ("Deutschland ist sauber"). Eingedenk all der Skandale in der deutschen Politik und Wirtschaft[13] überzeugt eine solche Bewertung jedoch kaum. Augenscheinlich wird hier von zwei verschiedenen Dingen gesprochen.

Worauf der Polizeibeamte hinweisen wollte, ist die doppelte Moral, die in Deutschland im Hinblick auf unterschiedliche Formen der Korruption herrscht. Zum einen bestätigte der Fachmann die von Laien geteilte Erfahrung, dass es im Alltagsleben der Deutschen Gelegenheitskorruption (so gut wie gar) nicht gibt. Dafür sei die strukturelle Korruption als eine Form organisierter Kriminalität eine weit verbreitete und allgemein bekannte gesellschaftliche Praxis, etwa in der Bauwirtschaft, im Gesundheitswesen und bei den Automobilzulieferern. Warum dann die Beteuerung, das gesamte deutsche Volk sei gänzlich frei von Korruption? Gilt Gelegenheitskorruption, im Englischen petty corruption, also Kleinkriminalität, als verabscheuungswürdiger Normenverstoß, so wird dagegen grand corruption als Kavaliersdelikt angesehen und als eine unter bestimmten Bedingungen (zum Beispiel: die Tat wurde im Ausland begangen) bis vor Kurzem sogar steuerlich absetzbare legitime unternehmerische Maßnahme. Beide Formen der Korruption korrelieren mit der Wahrnehmung beziehungsweise Nichtwahrnehmung - und das heißt Intoleranz beziehungsweise Toleranz gegenüber korruptem Verhalten. Dieser Zusammenhang bildet das Grundmuster der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Korruption in Deutschland.

Der Effekt ist der Folgende: Die verpönte alltägliche Gelegenheitskorruption ist eine "virtuelle", die es in Wirklichkeit nach allgemeiner Auffassung nicht zu geben scheint, weil die "kleinen Leute", die sich ihrer bedienen könnten, sich brav und bieder an die Regeln halten. Im Bewusstsein aber wird Korruption mit Gelegenheitskorruption gleichgesetzt und verabscheut. Sie wird als typisches Verhalten von "Ausländern" angesehen. Das Tabu der schäbigen Gelegenheitskorruption wirkt aber als Verschleierung der insgeheim von allen akzeptierten, viel eleganteren grand corruption, die von der vornehmen Elite geschäftsmäßig betrieben wird - und zwar nicht nur im "Ausland" und keinesfalls "genötigt" durch die dort angeblich geltenden Sitten und Bräuche.[14] Diese deutsche Sichtweise gerät zwangsläufig in Konflikt mit dem neuen Antikorruptionsdiskurs, woraus vielleicht verständlich wird, warum Deutschland bei der Korruptionsbekämpfung (mit einigen Ausnahmen, zum Beispiel der Frankfurter und Bochumer Staatsanwaltschaft) - gelinde gesagt - eher zögerlich agiert im Unterschied etwa zu Österreich. Neben dieser gesamten deutschen Grundeinstellung gegenüber Korruption zeigen sich aber auch deutliche und bedeutsame Unterschiede, wie Korruption von Politik, Ökonomie, Justiz, Polizei, Zivilgesellschaft und Medien wahrgenommen wird.

Fußnoten

11.
Die folgenden Ausführungen basieren auf der Auswertung des empirischen Materials aus der ersten und zweiten Phase des Projekts. Das Material bezieht sich auf sechs target groups (die Gruppen, die untersucht wurden): Politik, Justiz, Polizei, Medien, Zivilgesellschaft und Wirtschaft. In der ersten Phase wurden Dokumente wie Parlamentsprotokolle, Gerichtsurteile, polizeiliche Ermittlungs- und Vernehmungsprotokolle, Zeitungsartikel, Berichte und offizielle Stellungnahmen analysiert. Die Analyse in der zweiten Projektphase basiert auf Material, das in Interviews mit Vertretern aller target groups gewonnen wurde.
12.
Zum Corruption Perception Index siehe auch den Beitrag von Lotte Beck und Johann Graf Lambsdorff in dieser Ausgabe.
13.
Zu Korruptions-Skandalen in Deutschland in der jüngeren Vergangenheit siehe auch die Beiträge von Hans Leyendecker sowie Wolfgang Hetzer in dieser Ausgabe.
14.
Vgl. Dirk Tänzler, Korruption als Metapher, in: Mittelweg 36. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, (2008) 1, S. 69 - 84.