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6.1.2009 | Von:
Tanja Rabl

Der korrupte Akteur

Entscheidungsprozesse

Auch wenn einige Daten zu Persönlichkeitscharakteristika und Motiven von korrupten Akteuren existieren, wurde bislang das Zusammenspiel verschiedener Verhaltenskomponenten, das letztlich zu korruptem Handeln führt, kaum untersucht. Die von mir unternommene Studie[15] zielte daher darauf ab, die personbezogenen Komponenten korrupten Handelns in Interaktion mit einem spezifischen situationalen Kontext, nämlich der Privatwirtschaft, zu untersuchen. In erster Linie sollte dabei herausgefunden werden, welche motivationalen, volitionalen (willentlichen), emotionalen und kognitiven Komponenten eine Rolle spielen und wie ihr Zusammenspiel letztlich zu korruptem Handeln führt.

Um das Entscheidungskalkül korrupter Akteure abzubilden, entwickelte ich ein Modell korrupten Handelns (Abbildung), das im Rahmen einer experimentellen Simulation mit Hilfe eines Unternehmensplanspiels anhand einer Studentenstichprobe empirisch überprüft wurde. Dieses Modell bezieht sich auf die Erstinitiierung einer Korruptionsbeziehung zwischen zwei Einzelakteuren.

Nach der Datenanalyse ergab sich ein reduziertes Modell korrupten Handelns (Abbildung, nichtgestrichelter Teil). Ausgangspunkt im finalen Modell ist der Wunsch, für die Erreichung eines beruflichen oder privaten Ziels korrupt zu handeln. Dieser Wunsch ist umso stärker, je positiver die Einstellung des Akteurs zu Korruption ist und je mehr andere wichtige Personen im Umfeld des Akteurs Korruption akzeptieren. Mit dem willentlichen Entschluss, korrupt zu handeln, wird der Wunsch zu einer Intention. Diese ist umso stärker, je stärker nicht nur der Wunsch zu korruptem Handeln ist, sondern auch je mehr Kontrolle der Akteur glaubt, über sein korruptes Handeln zu haben. Diese wahrgenommene Kontrolle über eigenes Verhalten ist umso höher, je geringer zum Beispiel das Aufdeckungsrisiko, das Strafmaß und die Kosten sind, die vor, während und nach der Korruptionsbeziehung entstehen. Dabei kann es sich um Kosten handeln, um zum Beispiel einen korruptionswilligen Partner zu finden, um den korrupten Austausch sicher zu stellen oder auch um die Korruptionsbeziehung geheim zu halten. Je stärker die Intention, korrupt zu handeln, umso wahrscheinlicher wird korruptes Handeln auch tatsächlich erfolgen.

Die Ergebnisse zeigen, dass alle Komponenten des theoretischen Ausgangsmodells, welche die Erreichung eines bestimmten privaten oder beruflichen Ziels betreffen (positive und negative antizipierte Emotionen, Schwierigkeit der Zielerreichung, der Wunsch und die Absicht, ein bestimmtes privates oder berufliches Ziel zu erreichen), keine Prognose über korruptes Handeln zulassen. Doch warum? Eine Erkenntnis aus der Einstellungs-Verhaltens-Forschung ist, dass allgemein formulierte private und berufliche Ziele zur Vorhersage spezifischen Verhaltens, wie es korruptes Handeln darstellt, nicht geeignet sind. Des Weiteren scheint Korruption nicht in einen übergeordneten Handlungsplan eingeordnet zu sein. Vielmehr erfolgt eine individuelle Entscheidung erst, wenn sich die Gelegenheit zu Korruption ergibt. Da diese bei vergleichbarer Ausgangssituation der Probanden unterschiedlich ausfällt, zeigt dies die Bedeutung personbezogener Komponenten für die Vorhersage korrupten Handelns. Kognitive Komponenten - die Einstellung zu Korruption, die Normen anderer bezüglich Korruption, die wahrgenommene Kontrolle über eigenes korruptes Verhalten - spielen daher den Ergebnissen zufolge bei der Vorhersage korrupten Handelns eine sehr wichtige Rolle. Auch die Unterscheidung zwischen Wunsch und Wille erweist sich als relevant. Somit führt das Zusammenspiel motivationaler, volitionaler und kognitiver - nicht aber emotionaler - Komponenten innerhalb eines situativen Kontexts bei entsprechender Gelegenheit zu korruptem Handeln. "The person matters!" - so ließe sich die Quintessenz der Ergebnisse zusammenfassen.

Rationalisierungsstrategien

Wie bereits oben erwähnt, weisen korrupte Akteure starke Rechtfertigungs- und Neutralisierungstendenzen auf. Die Forschungsliteratur schreibt diesen Rationalisierungsstrategien eine bedeutende Rolle bei der Normalisierung von Korruption in Unternehmen zu.[16] Sobald sie korrupt gehandelt haben, nutzen die Akteure diese Strategien, um sich selbst als moralische und ethische Individuen zu sehen, um sich von ihrem schlechten Gewissen zu befreien und sich ein positives Selbstbild zu bewahren.[17] Korrupte Akteure lösen sich dabei nicht von den gesellschaftlichen Werten, sie konstruieren Situationen nur anders. Sie lehnen konventionelle Normen nicht ab und sind auch nicht der Ansicht, dass die Normen, die sie verletzen, ersetzt werden sollen. Sie behaupten aber, dass diese Normen unter bestimmten Umständen nicht zutreffen.[18] Rationalisierungsstrategien weisen negative Interpretationen korrupter Handlungen zurück und neutralisieren das potenzielle Stigma von Korruption. Die meisten dieser Techniken sind kulturell gelernt und werden sozial verstärkt. Der Unternehmenskultur kommt dabei eine entscheidende Rolle zu. Wurde eine bestimmte Technik erfolgreich eingesetzt, führt dies zum erneuten Einsatz in vergleichbaren Situationen.[19] So können Rationalisierungsstrategien zur Ausbreitung von Korruption in und zwischen Unternehmen beitragen. Es werden dabei acht verschiedene Rechtfertigungen unterschieden,[20] die auch in der von mir durchgeführten Studie überprüft wurden (Tabelle).[21]

Im Planspiel meiner Studie rechtfertigen korrupte Akteure ihr Verhalten am häufigsten, indem sie die Metapher des Kontos nutzen. Sie fühlen sich berechtigt, korrupt zu handeln, weil sie meinen, durch die im Job erbrachten Anstrengungen ein "Guthaben" angesammelt zu haben, von dem sie nun zehren könnten. Sehr häufig ist auch der Appell an höhere Ziele. Hier argumentieren die Akteure, dass ihr korruptes Handeln nötig war, um ein höheres Ziel (z.B. Unternehmensziel) zu erreichen. Beide Strategien spiegeln den Bezug zur Organisation und zur Arbeit des Individuums wider. Während sich die Metapher des Kontos auf die bislang im Job erbrachten Verdienste bezieht, konzentriert sich der Appell an höhere Ziele auf die Unternehmensziele, die erreicht werden sollen. Die Leugnung der Verantwortung, der Schädigung und der Opfer spielen eine untergeordnete Rolle. Dies zeigt, dass Rationalisierungsstrategien nicht primär auf eine Leugnung der negativen Implikationen korrupten Handelns abzielen, sondern vielmehr die "positive" Absicht hervorheben, die hinter dem korrupten Handeln steht.

Fußnoten

15.
Vgl. T. Rabl (Anm. 3); Dies./T. M. Kühlmann (Anm. 1).
16.
Vgl. Blake E. Ashforth/Vikas Anand, The normalization of corruption in organizations, in: Research in Organizational Behavior, 25 (2003), S. 1-25.
17.
Vgl. Vikas Anand/Blake E. Ashforth/Mahendra Joshi, Business as usual: The acceptance and perception of corruption in organizations, in: The Academy of Management Executive, 19 (2005) 4, S. 9-23.
18.
Vgl. Gresham M. Sykes/David Matza, Techniques of neutralization: At theory of delinquency, in: American Sociological Review, 22 (1957) 6, S. 664-670.
19.
Vgl. Scott J. Vitell/Stephen J. Grove, Marketing ethics and the techniques of neutralization, in: Journal of Business Ethics, 6 (1987) 6, S. 433-438.
20.
Vgl. B. E. Ashforth/V. Anand (Anm. 16).
21.
Vgl. T. Rabl (Anm. 3).