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13.12.2010 | Von:
Hartmut Häussermann

Armutsbekämpfung durch Stadtplanung?

Herausbildung von Armenvierteln

Mit dem Ausbau des Sozialstaats verschwand die Armut in den Städten weitgehend, und so wurde in den deutschen Städten die Entwicklung von slums verhindert, die in den stark marktwirtschaftlich geprägten westlichen Ländern die Innenstädte zunehmend prägte. Die großen Städte in Deutschland erleben jedoch seit Mitte der 1970er Jahre einen sozio-ökonomischen Strukturwandel, der sowohl das Städtesystem als auch die innere Struktur der Städte verändert.[1] Nun differenzieren sich die verschiedenen Sozialräume in den Städten wieder stärker aus, Quartiere entmischen sich stärker, und die Tendenz einer Polarisierung zwischen den wohlhabenden und ärmeren Stadtteilen ist unübersehbar. Aus den Orten, wo sich die Ausgegrenzten konzentrieren, drohen Orte der Ausgrenzung zu werden.

Die Gründe dafür liegen in einer wachsenden Heterogenität der städtischen Bewohnerschaft. Denn erstens haben die dramatischen Verluste von Arbeitsplätzen im Verarbeitenden Gewerbe in den großen Städten die Möglichkeiten, auch ohne hohe berufliche Qualifikation in der Industrie ein hinreichendes Einkommen zu erzielen, drastisch beschränkt. Betroffen davon sind ältere männliche Arbeiter und die "Gastarbeiter", die für genau solche Arbeitsplätze angeworben worden waren. Die Einkommensungleichheit nimmt zu.[2] Zum zweiten bringen die wachsenden Anteile von Bevölkerung "mit Migrationshintergrund" eine stärkere kulturelle Diversität mit sich, und zum dritten differenzieren sich verschiedene Lebensstil-Milieus stärker aus. Wachsende soziale Distanzen werden in den Städten in räumliche Distanzen übersetzt, und so entstehen neue Segregationsmuster. Auch in den deutschen Städten ist zu beobachten, dass sich mit steigender Armut die davon betroffene Bevölkerung in wenigen Quartieren konzentriert. Das hat verschiedene Ursachen:

Fahrstuhleffekt.
Die Arbeiterquartiere aus dem 19. Jahrhundert, die es in allen Städten noch in mehr oder weniger großem Umfang gibt, waren auch im Laufe des 20. Jahrhunderts noch die Wohngebiete vor allem der Arbeiterschaft. Da seit den 1960er Jahren die einfachen Tätigkeiten in der Industrie vorwiegend von Zuwanderern aus dem Ausland ("Gastarbeiter") ausgeübt wurden, wohnen in solchen Quartieren auch zu großen Anteilen Migranten bzw. deren Nachkommen. Die städtische Arbeitsmarktkrise, die durch die Deindustrialisierung verursacht worden ist, hat in diesen Quartieren ihre stärksten Wirkungen. Aus Arbeitervierteln wurden gleichsam Arbeitslosenviertel, denn die Arbeitslosenquoten in diesen Quartieren kletterten in den 1980er und 1990er Jahren auf Werte zwischen 20 und 40 Prozent. Diese Quartiere rutschten gleichsam wie im Fahrstuhl ein Stockwerk tiefer, und viele ihrer Bewohner wurden dauerarbeitslos.

Selektive Mobilität.
Außerdem sorgen Prozesse selektiver Mobilität innerhalb der Stadt für eine soziale Entmischung in solchen Gebieten, die bisher nicht so stark segregiert waren. Das nimmt etwa folgenden Verlauf: Das wachsende Niveau sozialer Probleme macht sich in den Quartieren in einer zunehmenden Zahl alltäglicher Konflikte bemerkbar, beispielsweise dann, wenn die Zahl von Dauerarbeitslosen steigt, die am Tage im öffentlichen Raum demonstrativ dem Alkoholgenuss nachgehen und dabei das verträgliche Mit- und Nebeneinander im Viertel strapazieren. Nachlassende Kaufkraft der Wohnbevölkerung als Folge von Verarmung führt zum Wandel des privatwirtschaftlichen Infrastrukturangebots. Ein rascher Wechsel der Ladeninhaber mit der Tendenz zu billigeren Angeboten vermittelt den Eindruck des kollektiven sozialen Abstiegs. Begleitet vom Zuzug von Migranten entsteht bei vielen Herkunftsdeutschen, die sich selbst von wachsenden sozialen Problemen bedroht sehen, ein Gefühl des Kontrollverlustes, ein Unsicherheitsgefühl, das aus wachsender Fremdheit und zahlreichen, alltäglichen Konflikten innerhalb der Nachbarschaft resultiert. Dadurch entstehen "überforderte Nachbarschaften", das heißt, die Integrationskraft solcher Quartiere nimmt ab, weil die selbst von sozialem Abstieg bedrohten Bewohner die häufiger und heftiger werdenden Konflikte nicht mehr gleichsam natürlich absorbieren können.

Fußnoten

1.
Vgl. Hartmut Häussermann/Dieter Läpple/Walter Siebel, Stadtpolitik, Frankfurt/M. 2008.
2.
Vgl. Jan Goebel/Martin Gornig/Hartmut Häussermann, Polarisierung der Einkommen: Die Mittelschicht verliert, in: DIW-Wochenbericht, (2010) 24, S. 2-8.

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