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13.12.2010 | Von:
Hartmut Häussermann

Armutsbekämpfung durch Stadtplanung?

Kontexteffekte

Die Prozesse der sozialen Entmischung und der Herausbildung von Quartieren mit überproportional hohen Anteilen von Familien mit multiplen Problemlagen führen zu Nachbarschaften, die selbst sozialstrukturierende Effekte haben: Sie generieren "Kontexteffekte", die insbesondere Kindern und Jugendlichen die Lebenschancen verbauen. Ein solcher sozialer Raum kann selber zu einer Dimension der Exklusion werden, wenn ein Quartier aus dem städtischen Funktionszusammenhang herausfällt und Wirkungen entfaltet, die zu weiterer sozialer Benachteiligung führen.[3] Das kann auf folgende Weise geschehen:

  • durch die symbolische Ausgrenzung in Form von Stigmatisierung, die den Bewohnern solcher Quartiere den Status von Deklassierten anhaftet und sie persönlich herabwürdigen;
  • durch die Ausdünnung der Informationsnetze, denn bei hoher sozialer Homogenität der marginalisierten Bewohnerschaft sind keine Träger relevanter Informationen mehr vorhanden und damit die Zugänge zu Informationen aus den Kernbereichen der Gesellschaft, insbesondere des Arbeitsmarktes, schwieriger;
  • durch die soziale Entmischung gehen mit dem Wegzug integrierter Mittelschichten Ressourcen für Organisation und politische Repräsentation verloren, die in sozial und funktional heterogenen Quartieren vorhanden waren. Da die Wahlbeteiligung in den Armutsvierteln in der Regel sehr niedrig ist, wird deren Bevölkerung auch politisch marginalisiert;
  • das sich bildende Milieu in ausgegrenzten Quartieren bildet einen Erfahrungsraum für die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen, in dem sie zwar Techniken des Überlebens unter schwierigen Lebensbedingungen lernen, aber nicht die Kulturtechniken, die für eine erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt und eine "normale" Lebensführung notwendig sind.
Die Wirkungen von stark segregierten Quartieren sind allerdings ambivalent: Sie sind zwar, wie beschrieben, Orte der Ausgrenzung, aber zugleich auch Orte der Einbettung in verlässliche und nicht-diskriminierende soziale Bezüge.[4] Sie stellen also ein soziales Kapital dar, das den Effekt der Einbindung im doppelten Wortsinne hat: unterstützende Einbindung in Kommunikations- und Unterstützungsnetzwerke, Einbindung aber auch in dem Sinne, dass die Zugehörigkeit zum deklassierten Milieu strukturell verfestigt wird. In jedem Quartier gibt es soziale und kulturelle Ressourcen, denen allerdings meistens die Wege zu ihrer Entfaltung verschlossen sind, weil Resignation, Ohnmachtsgefühle und Perspektivlosigkeit das Klima prägen.

Fußnoten

3.
Vgl. Hartmut Häussermann, Armut in der Großstadt, in: Informationen zur Raumentwicklung, (2003) 3-4, S. 143-157.
4.
Vgl. Johannes Boettner, Vom tapferen Schneiderlein und anderen Helden, in: Uwe-Jens Walther (Hrsg.), Soziale Stadt - Zwischenbilanzen, Opladen 2002, S. 101-114; Rolf Keim/Rainer Neef, Ausgrenzung und Milieu: Über die Lebensbewältigung von Bewohnerinnen und Bewohnern städtischer Problemgebiete, in: Annette Hardt/Gitta Scheller/Wulf Tessin (Hrsg.), Stadt und soziale Ungleichheit, Opladen 2000, S. 248-273.

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