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13.12.2010 | Von:
Hartmut Häussermann

Armutsbekämpfung durch Stadtplanung?

Segregation in den und durch die Schulen

Eine treibende Kraft für die Entmischung von Quartieren ist die Situation in den Schulen. Die wachsenden Anteile von Migrantenkindern in den Grundschulen, von denen viele beim Schuleintritt nicht die deutsche Sprache beherrschen, werden von den Eltern einheimischer Kinder als Beeinträchtigung von Lern- und Erziehungsprozessen wahrgenommen und mit Wegzügen beantwortet. Für unfreiwillig Zurückbleibende verschärft sich dadurch die Situation. Der Prozess der Segregation aufgrund der Schulsituation stellt eine sehr ernste Gefährdung der kulturellen und sozialen Integration in den Städten dar, da hier Bildungsarmut systematisch erzeugt wird.

Da in der postindustriellen, wissensbasierten Ökonomie allgemeine und berufliche Bildung eine immer größere Rolle für die Lebenschancen von Menschen spielen, hat die Aufmerksamkeit für das, was in der Schule passiert, insbesondere bei den deutschen Mittelschichten in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Dem Leistungsniveau der Schulen wird ein gesteigertes öffentliches Interesse entgegengebracht. Dahinter steht die wachsende Besorgnis über die Ausstattung der Kinder mit Bildung und Ausbildung. "Schulsegregation" verändert die soziale Zusammensetzung von Quartieren nachhaltig. Solche Entmischungsprozesse können einerseits zu "Ghettoschulen" führen, andererseits wird in den Quartieren dadurch das "soziale Kapital" geschwächt, weil Heterogenität vermindert und soziale und kulturelle Kompetenzen abgezogen werden.

Wenn die Schulen eine wesentliche Quelle für soziale Entmischungsprozesse sind, dann könnten sie auch ein zentraler Ansatzpunkt für erfolgreiche Integrationspolitik sein - sowohl hinsichtlich der Migranten als auch der einheimischen Bevölkerung. Würden hervorragende Ganztagsschulen zu sozialen und kulturellen Zentren in den Quartieren ausgebaut und durch entsprechende Ausstattung und Qualifikation des Lehrpersonals in die Lage versetzt, einen produktiven interkulturellen Erziehungs- und Bildungsprozess zu organisieren, wäre den Desintegrationsprozessen, die sich in diesen Quartieren vollziehen, ein großer Teil ihrer Schubkraft genommen.

Die Bewahrung von ethnischer und sozialer Mischung gilt sowohl aus pädagogischer Sicht als auch aus dem Interesse an sozialer Stabilität der Quartiere allgemein als wünschenswert. Schulbedingte Entmischungsprozesse können also die gesellschaftliche Integration gefährden. Die Bestimmung von Schuleinzugsbereichen, die es in Deutschland seit den 1920er Jahren gibt, war einst vorgenommen worden, um die Integration von verschiedenen Schichten und Kulturen in der "Volksschule" zu gewährleisten. Da das "Volk" in den innerstädtischen Quartieren in wachsendem Umfang aus Familien mit einer nicht-deutschen Herkunftssprache besteht, suchen sich bildungsorientierte Eltern ein anderes "Volk" in einem anderen Stadtteil, der einen geringeren Anteil an ethnischen Minderheiten aufweist.


Zahlen und Fakten

Die soziale Situation in Deutschland

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