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13.12.2010 | Von:
Maja Malik

Armut in den Medien

Akteure und Quellen der Berichterstattung

Mit den Personen und Personengruppen, die medial in den Zusammenhang mit Armut gebracht werden, entstehen soziale Rahmen, welche die öffentliche Wahrnehmung von Armut und Ausgrenzung prägen. Die Akteure der Medienbeiträge verknüpfen Armutsthemen mit bestimmten Personenkreisen und Charakteristika, beispielsweise mit Politikern und Behörden, die Armutsprobleme aktiv bearbeiten, und mit von Armut betroffenen Menschen, die gegebenenfalls nur als Betroffene, nicht aber als aktive Akteure dargestellt werden. Indem verschiedene Medien immer wieder ähnliche Darstellungsmuster verwenden, entstehen Stereotype der Armut, die das Phänomen in der öffentlichen Wahrnehmung auf einige Klischees reduzieren.

Es zeigt sich, dass von Armut betroffene und bedrohte Menschen nur in einem Fünftel der untersuchten Beiträge als individuelle Akteure dargestellt werden; viel häufiger werden sie in Gruppen (z.B. Hartz-IV-Empfänger, Wohnungslose) thematisiert. Dabei werden zwar viele verschiedene, von Armut betroffene Personengruppen repräsentiert (vor allem Familien, alte Menschen, Arbeitslose, Migranten), besonders häufig aber, nämlich in vier von zehn Beiträgen, werden Kinder in Verbindung mit Armutsthemen gebracht, auch unabhängig von kinderspezifischen Themen. Sehr selten, in weniger als jedem zehnten Beitrag, werden Armut und Armutsrisiken dagegen im Zusammenhang mit Alleinerziehenden, mit Geringqualifizierten, Empfängern von Niedriglöhnen und Angehörigen der sogenannten Mittelschicht in Verbindung gebracht.

Folgende Überlegungen vorangegangener Publikationen werden damit bestätigt: Die mediale Darstellung spitzt allgemeine Probleme im Zusammenhang mit Armut zu, indem sie die Betroffenheit von Kindern hervorhebt. Damit werden einerseits die Auswirkungen von Armut auf eine besonders hilflose und schutzbedürftige Bevölkerungsgruppe wiedergegeben, wodurch die Problemlage wahrscheinlich besonders deutlich wird. Andererseits wird die öffentliche Darstellung von Armutsproblemen auf einen Teil der Betroffenen reduziert. Zudem wird die Vermutung bestätigt, dass von Armut betroffene oder bedrohte Menschen in den Medien eher als abstrakte Gruppen denn als Individuen dargestellt werden. Die Folge ist, dass Armutsprobleme in der Öffentlichkeit eher als abstrakte Problemlagen denn als konkrete Schwierigkeiten wahrgenommen werden.

Die medialen Interpretationsrahmen der Armut werden außerdem dadurch geprägt, ob die von Armut betroffenen Menschen in der Berichterstattung nicht nur benannt, sondern als aktive Informationsquellen genutzt werden. Die Zitate und Quellen in der untersuchten Berichterstattung zeigen, dass von Armut betroffene Personen nur in einem Fünftel der Beiträge als Quellen der Berichterstattung genannt werden. Noch seltener kommen sie durch Zitate selbst zu Wort. Aktive Akteure sind in einem überwiegenden Teil der Beiträge dagegen andere Personen, vor allem Politikerinnen und Politiker, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Vertreterinnen und Vertreter von sozialen Einrichtungen und Wohlfahrtsverbänden. Sie werden als Einzelpersonen mit Namen dargestellt, als Quellen benannt oder wörtlich zitiert.

Die Ursachen dafür sind vor allem darin zu suchen, dass viele verschiedene Menschen von unterschiedlichen Phänomenen von Armut und Ausgrenzung betroffen oder bedroht sind. Von Armut Betroffene sind in der Regel nicht organisiert und gehören keiner Institution an, welche für die Medien als Ansprechpartner dienen könnten. Mehr noch: Von Armut Betroffene ziehen sich eher aus der Öffentlichkeit zurück und sind wegen finanzieller Mängel deutlich häufiger als andere von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen. Auch sind sie "sowohl aus finanziellen Gründen als auch teilweise aus Kompetenzgründen kaum in der Lage, die Medien produktiv für ihre Interessen zu nutzen".[15] Hingegen werden durch politische Institutionen sowie Sozialverbände Themen im Zusammenhang mit Armut initiiert und durch Öffentlichkeitsarbeit verbreitet. Sie sind daher leicht verfügbare und zugängliche Informationsquellen für Journalisten.

Allerdings kann diese Unterrepräsentation von Armut betroffener Menschen als Quellen der Berichterstattung deutliche Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Armut in der Öffentlichkeit haben: Der mediale Rahmen legt es nahe, dass von Armut Betroffene weniger aktiv wirken als diejenigen Personengruppen, die in der Politik, in Hilfsorganisationen und Sozialverbänden Probleme der Armut bearbeiten. Damit wird ein Wahrnehmungsmuster gefördert, das von Armut betroffene Menschen eher als passive Opfer erscheinen lässt.

Fußnoten

15.
R. Stang (Anm. 2), S. 577.

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