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13.12.2010 | Von:
Maja Malik

Armut in den Medien

Die Mechanismen vieler Medien stehen im Widerspruch zu den Mechanismen der Armut: Während für Medien vor allem aktuelle Ereignisse relevant sind, ist Armut ein permanentes Problem.

Einleitung

Immer wieder wird Armut in Deutschland zu einem großen Medienthema. Mal werden Hartz-IV-Empfänger mit "spätrömischer Dekadenz" oder "Geld fürs Nichtstun" in Verbindung gebracht,[1] mal wird ein geplanter "Bildungs-Chip" für Kinder aus armen Familien diskutiert, mal weist eine neue Studie die steigende Zahl von Armut betroffener Menschen nach, mal ruft der Tod eines verwahrlosten Kindes eine umfangreiche Berichterstattung hervor. Solche Skandale, Provokationen, weitreichenden politischen Entscheidungen und umfassenden statistischen Erkenntnisse sorgen für Aufregung in der Öffentlichkeit und werden in fast allen journalistischen Sendungen und Blättern aufgegriffen.

Andere Themen im Zusammenhang mit Armut und sozialer Ausgrenzung werden in der öffentlichen Diskussion weniger sichtbar, etwa die Familien am Rande des Existenzminimums, deren Kinder nicht mit ins Kino gehen können; die alten Menschen, die sich mit ihrer Rente nicht mehr als das Allernötigste leisten können; die Jugendlichen mit mangelnder Schulbildung, die zwar nicht negativ auffallen, aber keine Perspektive auf Arbeit und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben haben. Die Ursachen und Auswirkungen ihrer Armut sind vielfältig und komplex bieten aber häufig keine spektakulären Anlässe für eine mediale Berichterstattung.

Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und das Bewusstsein Einzelner für Armut in einer Gesellschaft hängen zentral damit zusammen, wie diese Themen in den Medien behandelt werden. In komplexen Gesellschaften können gesellschaftliche Ereignisse und Entwicklungen von Einzelnen nicht mehr alleine überblickt werden. Journalistische Medien greifen die Themen auf, die sie für interessant und relevant für ihr Publikum halten. Auf diese Weise stellen sie Öffentlichkeit für diese Themen her. Dabei finden verschiedene Themen unterschiedlich große Beachtung in den Medien wie in der Öffentlichkeit. Etwa wird die öffentliche Aufmerksamkeit umso größer, je mehr Medien über dieselben Themen berichten. Auch die Häufigkeit der Berichterstattung, der Umfang der Berichte und ihre Platzierung innerhalb von Sendungen, Zeitungen und Internetseiten beeinflussen, in welchem Maße Themen beachtet werden. Auf diese Weise bestimmen Medien mit, welche Themen als wichtig gelten und gesellschaftlich diskutiert werden.

Doch nicht nur die öffentliche Aufmerksamkeit für ein Thema, sondern auch die Erwartungen, Vorstellungen und Einstellungen der Menschen zu diesem Thema werden durch seine Darstellung in den Medien geprägt. Indem Journalistinnen und Journalisten in ihrer Berichterstattung bestimmte Aspekte und Akteure in den Vordergrund stellen, während sie andere gar nicht oder nur am Rande behandeln, definieren sie Problemsichten und Verantwortlichkeiten und legen ihrem Publikum einen Interpretationsrahmen nahe. Wie einzelne Bürgerinnen und Bürger sowie entscheidende Personen und Institutionen Probleme der Armut und Ausgrenzung wahrnehmen und bewerten, wird daher wesentlich durch die mediale Berichterstattung geprägt.

Frage der Perspektive

Dennoch wurde der mediale Umgang mit dem Thema Armut bislang nicht umfassend und systematisch untersucht. Vielmehr gibt es hierzu nur wenige wissenschaftliche Arbeiten, und die vorhandenen Publikationen nehmen überwiegend eine ähnliche Perspektive ein: Sie beruhen auf der Interpretation einzelner ausgewählter Berichterstattungsbeispiele. Es ist davon auszugehen, dass diese wissenschaftliche Herangehensweise auch die Ergebnisse prägt. Denn die Antwort auf die Frage, wie die Medien über Armut berichten, hängt wesentlich davon ab, welcher Ausschnitt der Medienberichterstattung in den Blick genommen wird.

Vor allem die Entscheidung, welche Medien zu welchem Zeitpunkt untersucht werden, prägt die Ergebnisse. Wählt man (zufällig oder absichtlich) einen Untersuchungszeitraum, in dem Gesetzesänderungen anstehen, provokante Äußerungen lanciert werden, umfassende Armutsberichte veröffentlicht werden oder tragische Ereignisse stattfinden, wird wahrscheinlich häufig und in vielen Medien über Armut berichtet, thematisch fokussiert auf das aktuelle Ereignis. In "ereignislosen Zeiten" hingegen kann das Bild ganz anders aussehen. Andere Dimensionen der Armut mit anderen Akteuren können ihren Weg in die Berichterstattung finden, allerdings mit deutlich weniger Verbreitung in verschiedenen Medien.

Ebenso prägt die Auswahl der Medienangebote das Ergebnis einer Untersuchung. Wird beispielsweise das Fernsehprogramm der ARD insgesamt über einen gewissen Zeitraum in die Analyse einbezogen, so lassen sich in Talkshows, nächtlichen Dokumentationen oder in den politischen Magazinen vermutlich andere Perspektiven auf die Armut in Deutschland finden, als wenn die Analyse auf die "Tagesschau" beschränkt wird. Untersucht man eine große Boulevardzeitung und einen lokalen Radiosender, lassen sich wahrscheinlich weniger Berichte finden, die sich mit den komplexen Strukturen von Armut auseinandersetzen, als wenn man sich in der Untersuchung auf überregionale Qualitätszeitungen konzentriert.

Die bislang erschienenen wissenschaftlichen Publikationen, die sich der medialen Darstellung von Armut in Deutschland widmen, nehmen daher eine eingeschränkte Perspektive ein, die auf einzelne Mediendiskurse begrenzt ist. Beispielsweise wird die öffentliche Diskussion über Armut in der Geschichte der Bundesrepublik anhand ausgewählter Beispiele illustriert[2] oder die bildliche Darstellung von Armut auf ausgewählten Pressefotos untersucht.[3] Zusammengenommen weisen diese Arbeiten auf viele Defizite im Umgang der Medien mit Armut und sozialer Ausgrenzung hin: Armut in Deutschland werde in den Medien vernachlässigt, weil arme Bevölkerungsgruppen keine Lobby hätten[4] und weil ein Großteil der Bevölkerung mit dem Thema nicht in Berührung kommen wolle.[5] Die zunehmende Armut in Deutschland werde vielmehr "von Publizisten wie Politikern weiterhin verharmlost und verdrängt".[6] Die Medien konzentrierten sich auf dramatische Einzelschicksale, die Aktivitäten der politischen und wirtschaftlichen Eliten und die Äußerungen einzelner prominenter Personen und Entscheidungsträger.[7] Die Probleme, Ursachen und Folgen von Armut würden dadurch aus der Berichterstattung verdrängt und in der öffentlichen Wahrnehmung verharmlost. Die Bandbreite bewege sich dabei "zwischen Tabuisierung und Dramatisierung".[8]

Diese Ergebnisse sind wichtig, weil sie die Mechanismen der Berichterstattung in eben diesen Diskursbeispielen beschreiben und damit die Kategorien aufzeigen, anhand derer sich der Umgang der Medien mit Armut analysieren lässt. Allerdings sind sie durch weitere Analysen zu ergänzen, welche die Armutsberichterstattung systematischer betrachten. Nur so kann insgesamt ein vollständigeres Bild über den Umgang der Medien mit Armut gezeichnet werden. Einen Beitrag dazu stellt die Studie dar, die diesem Artikel zugrunde liegt.[9] Im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales hat die Verfasserin im November 2009 über den Zeitraum von 14 Tagen die grundlegenden Mechanismen der Berichterstattung über Armut bei einer Auswahl von reichweitenstarken, überregionalen Medien empirisch analysiert.

Entsprechend des Forschungsauftrags kombinierte die Studie eine Inhaltsanalyse von 17 Nachrichtenmedien mit einer telefonischen Befragung von verantwortlichen Journalisten bei diesen Medien.[10] Untersucht wurden alle Beiträge, welche Armut als Mangel an Teilhabe- und Verwirklichungschancen zum Thema hatten und explizit über eine finanzielle und materielle Unterversorgung oder einen Mangel an Erwerbsbeteiligung, Bildung, Gesundheitsversorgung, Wohnraum sowie politischer und gesellschaftlicher Teilhabe berichteten. Um Erklärungsmuster über das Zustandekommen der Armutsberichterstattung zu gewinnen, wurden darüber hinaus Journalisten dieser Medien mittels leitfadengestützter Interviews zu den Entscheidungsstrukturen und -strategien befragt, welche die Berichterstattung über Armut in ihren Medien prägen.[11]

Auch diese Studie ist notwendigerweise auf einen begrenzten Untersuchungszeitraum, auf ausgewählte Medien und damit auf eine begrenzte Zahl von Beiträgen über Armut (75 Beiträge) beschränkt. Damit bleibt unklar, inwiefern die ermittelten Berichterstattungsmuster auch bei anderen Medien, über größere Zeiträume hinweg oder in Zeiten mit anderen Nachrichtensituationen angewandt werden. Für die untersuchten Medien können die Mechanismen der Armutsberichterstattung allerdings systematisch beschrieben werden. Und die Befunde der Studie zeigen, dass die neue, empirische Perspektive auf die Armutsberichterstattung auch zu neuen Ergebnissen führt.

Vom Tabu zum Topthema?

Während Armut lange als Tabuthema der Medienberichterstattung galt, stellte Christoph Butterwegge 2009 fest, dass Armut "fast zu einem Topthema deutscher Massenmedien"[12] geworden sei. Für die untersuchten Medien im Untersuchungszeitraum stellt sich die Lage differenzierter dar. In einer Zeit, die von den befragten Journalisten als "nachrichtenarm" charakterisiert wird, in der also keine spektakulären Ereignisse und weitreichenden Entscheidungen eine medienübergreifende Berichterstattung veranlassen, wurden immerhin 75 Beiträge veröffentlicht, davon überwiegend in den untersuchten Printmedien (52 Beiträge).[13] Das weist darauf hin, dass Armut in den Redaktionen unabhängig von besonders spektakulären Berichterstattungsanlässen grundsätzlich als relevant bewertet und behandelt wird, wenn auch überwiegend auf den "hinteren" Plätzen im Medienangebot und damit mit geringerem Beachtungsgrad.

Allerdings berichten die einzelnen Medien in sehr unterschiedlichem Umfang über Armut und Armutsrisiken. Während "Süddeutsche Zeitung" und "taz" mit 17 bzw. 16 Beiträgen über Themen im Zusammenhang mit Armut berichten, veröffentlichen zehn der 17 untersuchten Medien jeweils nur ein bis drei Beiträge. Die Reichweite von Armutsthemen ist im Untersuchungszeitraum also sehr gering. Es hängt von den jeweils genutzten Medien ab, inwiefern Probleme der Armut von einzelnen Bürgern sowie von den entscheidenden Institutionen und Akteuren überhaupt wahrgenommen werden können.

Drei verschiedene Gründe für die unterschiedliche Häufigkeit der Armutsberichterstattung lassen sich in den Interviews mit den verantwortlichen Journalisten der untersuchten Medien finden:

Erstens verfügen die Medien über unterschiedlich großen Platz bzw. unterschiedlich viel Zeit für die Berichterstattung insgesamt. Sie müssen also in unterschiedlich großem Maß eine Auswahl unter möglichen Themen treffen. Entsprechend werden Ereignisse im Zusammenhang mit Armut, denen die Journalisten weniger Bedeutung beimessen, in den relativ kurzen Fernsehnachrichten seltener zum Thema als in Tageszeitungen.

Zweitens spielt in den redaktionellen Konzepten das Kriterium der Tagesaktualität eine unterschiedliche Rolle bei der Themenauswahl. Einige Medien berichten grundsätzlich nur über Ereignisse, die am Tag der Berichterstattung stattgefunden haben. Bei ihnen werden daher Themen gegebenenfalls nicht berichtet, weil sie nicht als tagesaktuell bewertet werden. Dieser redaktionelle Grundsatz hat insbesondere für Armutsthemen weitreichende Folgen: Armut ist kein akut auftretendes, sondern ein permanentes und dauerhaft relevantes Problem- und Themenfeld. Dies steht im Widerspruch zu redaktionellen Routinen, die vor allem auf aktuelle Ereignisse und akute Entwicklungen ausgerichtet sind.

Drittens wird Themen im Zusammenhang mit Armut in den untersuchten Redaktionen eine grundsätzlich unterschiedliche Relevanz beigemessen. Fünf der befragten Redaktionen widmen der Armutsberichterstattung eine besondere Aufmerksamkeit, weil ihr Publikum daran besonderes Interesse habe und eine kontinuierliche Berichterstattung über Armut im eigenen Anspruch der Redaktion liege. In den verbleibenden Medien werden Armutsthemen zwar weitgehend als relevant und für das Publikum interessant beschrieben, jedoch finden sie keine besondere Beachtung. Über Armut wird dann berichtet, wenn aktuelle Anlässe oder interessante Themenvorschläge von Autoren Anlass dazu bieten. Diese unterschiedliche Verankerung in den Redaktionen hat zur Folge, dass Armutsthemen in den verschiedenen Medien nicht dieselbe Chance auf Veröffentlichung haben.

Schicksale und Strukturen: Themen und Rahmen der Armutsberichterstattung

Die bisherigen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit Armutsberichterstattung in Deutschland weisen darauf hin, dass vor allem tragische Einzelschicksale, die Äußerungen prominenter Personen sowie statistische Daten zum Medienthema werden, während strukturelle Ursachen sowie Lösungen für Probleme der Armut eher verschwiegen werden.[14] Dieser generelle Befund lässt sich mit den Ergebnissen der vorliegenden Studie nicht bestätigen.

Die Themen der Berichterstattung waren im November 2009 sehr heterogen und ließen sich nur in wenigen Fällen auf dieselben Anlässe zurückführen. Hunger, Flüchtlinge und Verschuldung wurden ebenso gelegentlich thematisiert wie Hartz-IV-Regelungen, mangelnde Gesundheitsversorgung und Obdachlosigkeit. Insgesamt greifen diejenigen Medien, die überhaupt über Armut berichten, in einem kurzen Untersuchungszeitraum viele verschiedene Facetten des weltweiten und vielschichtigen Phänomens Armut auf. Damit werden viele Aspekte von Armut grundsätzlich medial sichtbar. Allerdings werden nur sehr wenige Themen von verschiedenen Medien gleichzeitig aufgegriffen, so dass sie nur eine geringe Reichweite in der deutschen Öffentlichkeit erreichen.

Zugleich ist die Armutsberichterstattung deutlich auf Deutschland konzentriert. Die Hälfte der Beiträge bezieht sich auf Ereignisse und Entwicklungen im eigenen Land, während die andere Hälfte der Berichterstattung recht gleichmäßig verschiedene Weltregionen thematisiert. Damit wird Armut in den untersuchten Medien nicht zentral als fremdes und entferntes Problem, sondern zu einem wesentlichen Teil als Problem des eigenen Landes beschrieben.

Die Interpretationsrahmen, in denen Armut in der Berichterstattung dargestellt wird, sind außerdem eher analytisch als fallbezogen. Der Großteil der untersuchten Beiträge stellt politische und gesellschaftliche Debatten, Systemmängel mit Armutsfolgen oder die neuen Daten einer Statistik in den Mittelpunkt der Berichterstattung. Überraschend wenig werden Probleme der Armut zentral mit einzelnen Schicksalen Betroffener in Verbindung gebracht. Dem entsprechen auch die häufigen analytischen Bezüge der Berichterstattung: Fast alle untersuchten Beiträge nennen konkrete Ursachen, die für den beschriebenen Mangel verantwortlich gemacht werden. In drei Vierteln der Beiträge werden außerdem konkrete Folgen des Mangels benannt. Und immerhin die Hälfte der Beiträge enthält Vorschläge zur Überwindung von Armut. Damit wird deutlich, dass Fragen nach der strukturellen Bedingtheit von Armut und Debatten über Lösungsmöglichkeiten von Armutsproblemen durchaus zum Gegenstand der medialen Berichterstattung werden.

Dies wird durch den Befund zu den Darstellungsformen, mit denen über Armut berichtet wird, unterstützt: Obwohl mehr als die Hälfte der Beiträge unterhaltende Stilformen (Features, Reportagen, Interviews) verwendet, ist ihre sprachstilistische Gestaltung überwiegend neutral-informierend. Nur ein Fünftel der Berichterstattung weist einen lockeren Sprachstil, einen geringen Abstraktionsgrad, ein große Personalisierung, emotionale Darstellungselemente oder eine empörte Diktion auf. Die Vermutung, dass Personalisierung und Emotionalisierung der Berichterstattung dazu beitragen, Sachfragen, Analysen und Problemzusammenhänge aus der öffentlichen Darstellung von Armut zu verdrängen, lässt sich für einen Großteil der untersuchten Beiträge daher nicht bestätigen.

Akteure und Quellen der Berichterstattung

Mit den Personen und Personengruppen, die medial in den Zusammenhang mit Armut gebracht werden, entstehen soziale Rahmen, welche die öffentliche Wahrnehmung von Armut und Ausgrenzung prägen. Die Akteure der Medienbeiträge verknüpfen Armutsthemen mit bestimmten Personenkreisen und Charakteristika, beispielsweise mit Politikern und Behörden, die Armutsprobleme aktiv bearbeiten, und mit von Armut betroffenen Menschen, die gegebenenfalls nur als Betroffene, nicht aber als aktive Akteure dargestellt werden. Indem verschiedene Medien immer wieder ähnliche Darstellungsmuster verwenden, entstehen Stereotype der Armut, die das Phänomen in der öffentlichen Wahrnehmung auf einige Klischees reduzieren.

Es zeigt sich, dass von Armut betroffene und bedrohte Menschen nur in einem Fünftel der untersuchten Beiträge als individuelle Akteure dargestellt werden; viel häufiger werden sie in Gruppen (z.B. Hartz-IV-Empfänger, Wohnungslose) thematisiert. Dabei werden zwar viele verschiedene, von Armut betroffene Personengruppen repräsentiert (vor allem Familien, alte Menschen, Arbeitslose, Migranten), besonders häufig aber, nämlich in vier von zehn Beiträgen, werden Kinder in Verbindung mit Armutsthemen gebracht, auch unabhängig von kinderspezifischen Themen. Sehr selten, in weniger als jedem zehnten Beitrag, werden Armut und Armutsrisiken dagegen im Zusammenhang mit Alleinerziehenden, mit Geringqualifizierten, Empfängern von Niedriglöhnen und Angehörigen der sogenannten Mittelschicht in Verbindung gebracht.

Folgende Überlegungen vorangegangener Publikationen werden damit bestätigt: Die mediale Darstellung spitzt allgemeine Probleme im Zusammenhang mit Armut zu, indem sie die Betroffenheit von Kindern hervorhebt. Damit werden einerseits die Auswirkungen von Armut auf eine besonders hilflose und schutzbedürftige Bevölkerungsgruppe wiedergegeben, wodurch die Problemlage wahrscheinlich besonders deutlich wird. Andererseits wird die öffentliche Darstellung von Armutsproblemen auf einen Teil der Betroffenen reduziert. Zudem wird die Vermutung bestätigt, dass von Armut betroffene oder bedrohte Menschen in den Medien eher als abstrakte Gruppen denn als Individuen dargestellt werden. Die Folge ist, dass Armutsprobleme in der Öffentlichkeit eher als abstrakte Problemlagen denn als konkrete Schwierigkeiten wahrgenommen werden.

Die medialen Interpretationsrahmen der Armut werden außerdem dadurch geprägt, ob die von Armut betroffenen Menschen in der Berichterstattung nicht nur benannt, sondern als aktive Informationsquellen genutzt werden. Die Zitate und Quellen in der untersuchten Berichterstattung zeigen, dass von Armut betroffene Personen nur in einem Fünftel der Beiträge als Quellen der Berichterstattung genannt werden. Noch seltener kommen sie durch Zitate selbst zu Wort. Aktive Akteure sind in einem überwiegenden Teil der Beiträge dagegen andere Personen, vor allem Politikerinnen und Politiker, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Vertreterinnen und Vertreter von sozialen Einrichtungen und Wohlfahrtsverbänden. Sie werden als Einzelpersonen mit Namen dargestellt, als Quellen benannt oder wörtlich zitiert.

Die Ursachen dafür sind vor allem darin zu suchen, dass viele verschiedene Menschen von unterschiedlichen Phänomenen von Armut und Ausgrenzung betroffen oder bedroht sind. Von Armut Betroffene sind in der Regel nicht organisiert und gehören keiner Institution an, welche für die Medien als Ansprechpartner dienen könnten. Mehr noch: Von Armut Betroffene ziehen sich eher aus der Öffentlichkeit zurück und sind wegen finanzieller Mängel deutlich häufiger als andere von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen. Auch sind sie "sowohl aus finanziellen Gründen als auch teilweise aus Kompetenzgründen kaum in der Lage, die Medien produktiv für ihre Interessen zu nutzen".[15] Hingegen werden durch politische Institutionen sowie Sozialverbände Themen im Zusammenhang mit Armut initiiert und durch Öffentlichkeitsarbeit verbreitet. Sie sind daher leicht verfügbare und zugängliche Informationsquellen für Journalisten.

Allerdings kann diese Unterrepräsentation von Armut betroffener Menschen als Quellen der Berichterstattung deutliche Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Armut in der Öffentlichkeit haben: Der mediale Rahmen legt es nahe, dass von Armut Betroffene weniger aktiv wirken als diejenigen Personengruppen, die in der Politik, in Hilfsorganisationen und Sozialverbänden Probleme der Armut bearbeiten. Damit wird ein Wahrnehmungsmuster gefördert, das von Armut betroffene Menschen eher als passive Opfer erscheinen lässt.

Fazit

Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und die Wahrnehmung einzelner Bürger sowie entscheidender Personen und Institutionen für Probleme der Armut und Ausgrenzung wird wesentlich dadurch geprägt, wie diese Themen in den Medien behandelt werden. Allerdings ist der Umgang der Medien mit Themen im Zusammenhang mit Armut äußerst unterschiedlich. Die vorgestellte Studie zeigt, dass verschiedene Medien in sehr unterschiedlichem Maß über Armut berichten.

Eine Armutsberichterstattung findet durchaus auch jenseits spektakulärer Anlässe und über vielfältige Themen statt, welche die Vielschichtigkeit der Armut repräsentieren. Allerdings ist ihre Reichweite in der Öffentlichkeit auf das Publikum derjenigen Medien beschränkt, die durch ihre redaktionellen Strukturen eine kontinuierliche Berichterstattung über Armutsthemen ermöglichen. Denn nur sehr wenige Themen werden jenseits besonderer Ereignisse von verschiedenen Medien gleichzeitig aufgegriffen.

Diejenigen Medien, die häufiger Themen im Zusammenhang mit Armut und Ausgrenzung aufgreifen, berichten allerdings durchaus differenziert, so dass der Komplexität des Themas Rechnung getragen wird. Die strukturellen Bedingungen, die Folgen und die Lösungsmöglichkeiten von Armutsproblemen werden regelmäßig zum Gegenstand der Berichterstattung und nicht durch Personalisierung, Emotionalisierung oder Skandalisierung verdrängt. Nur der Blick auf die Akteure der Berichterstattung zeigt, dass stereotype Muster der Armut auch durch die Medien erzeugt und verbreitet werden. Von Armut betroffene Menschen werden selten als individuelle und aktive Akteure präsentiert.

Betrachtet man die Ursachen der unterschiedlichen intensiven Berichterstattung und der teilweise stereotypen Darstellung von Armut, so offenbart sich eine komplexe Problematik, denn die Mechanismen vieler Medien stehen im Widerspruch zu den Mechanismen der Armut: Während journalistische Medien vor allem aktuelle Ereignisse für ihre Berichterstattung aufgreifen, ist Armut nur selten ein akut auftretendes, sondern in der Regel ein permanentes und dauerhaft relevantes Problem. Zudem sind von Armut betroffene Menschen vergleichsweise wenig öffentlich sichtbar. Sie ziehen sich eher aus der Öffentlichkeit zurück als andere gesellschaftliche Gruppen und sind umgekehrt wegen ihrer Armut deutlich häufiger als andere von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen. Im Vergleich zu anderen journalistischen Themengebieten unterliegt die Berichterstattung über Armut und Ausgrenzung daher besonderen Schwierigkeiten.

Insgesamt ergibt sich der Befund, dass die öffentliche Darstellung von Problemen der Armut an verschiedenen Stellen verbessert werden könnte. Zudem ist der Umgang der Medien mit Armut und Ausgrenzung nach wie vor nicht hinreichend untersucht. Unklar ist daher, inwiefern die dargestellten Berichterstattungsmuster auch bei anderen Medien, über größere Zeiträume hinweg oder zu Zeiten mit besonderen Ereignissen im Zusammenhang mit Armut und Ausgrenzung angewandt werden.
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Fußnoten

1.
Guido Westerwelle, An die deutsche Mittelschicht denkt niemand, 11.2.2010, online: www.welt.de/debatte/article6347490/An-die-deutsche-Mittelschicht-denkt-niemand.html (24.11.2010).
2.
Vgl. Richard Stang, Armut und Öffentlichkeit, in: Ernst-Ulrich Huster/Jürgen Boeckh/Hildegard Mogge-Grotjahn (Hrsg.), Handbuch Armut und soziale Ausgrenzung, Wiesbaden 2008, S. 577-588; Christoph Butterwegge, Vom medialen Tabu zum Topthema? Armut in Journalismus und Massenmedien, in: Journalistik Journal, 12 (2009) 2, S. 30f.
3.
Vgl. Lena Mann/Jana Tosch, Armut im Blickfeld. Darstellung und Wahrnehmung durch die Medien, in: ZTG (Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterforschung) Bulletin, (2005) 29-30, S. 161-171.
4.
Vgl. Rita Vock, Was ist wichtig? Eine Kritik der Nachrichtenauswahl, in: Journalistik Journal, 12 (2009) 2, S. 14-15.
5.
Vgl. R. Stang (Anm. 2), S. 584.
6.
Chr. Butterwegge (Anm. 2), S. 31.
7.
Vgl. ebd. S. 30.
8.
R. Stang (Anm. 2), S. 577.
9.
Vgl. Maja Malik, Zum Umgang der Medien mit Armut und sozialer Ausgrenzung. Abschlussbericht an das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), Münster 2010, online: www.mit-neuem-mut.de/fileadmin/user_upload/PDF/2010_
05_04_BMAS_Medienstudie.pdf (24.11.2010).
10.
Die Inhaltanalyse erfasste vom 2. bis 15.11.2009 die Berichterstattung über Armut in folgenden Medienangeboten: "Süddeutsche Zeitung", "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Die Tageszeitung" ("taz"), "Bild", "Bild am Sonntag", "Die Zeit", "Der Spiegel", "Focus", ZDF "heute", ZDF "heute journal", ARD "Tagesschau", ARD "Tagesthemen", "RTL aktuell", "Informationen am Morgen" (Deutschlandfunk), "Inforadio Berlin Brandenburg" (5-9 Uhr), "Spiegel Online", "Frankfurter Rundschau online".
11.
Für eine ausführliche Beschreibung des Methodendesigns vgl. M. Malik (Anm. 9).
12.
Chr. Butterwegge (Anm. 2), S. 31.
13.
Da der Analyse weniger als 100 Beiträge zugrunde liegen, kann die Darstellung der Ergebnisse nicht seriös anhand exakter Prozentwerte erfolgen. Vielmehr werden die Befunde entweder mit absoluten Zahlen oder Verhältnisangaben dargestellt. Dies ist notwendig, um in der Darstellung nicht eine Exaktheit zu suggerieren, die auf der Basis von 75 Fällen nicht besteht.
14.
Vgl. R. Stang (Anm. 2); Chr. Butterwegge (Anm. 2).
15.
R. Stang (Anm. 2), S. 577.

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