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30.11.2010 | Von:
Ralph Rotte
Christoph Schwarz

Still Special? Britische Sicherheitspolitik und die USA

Vergangenheit: Höhen und Tiefen

Als Winston Churchill im Jahr 1946 den Begriff der special relationship aus der Taufe hob - in derselben Rede, in der er das Bild vom Eisernen Vorhang prägte, der in Europa niedergegangen sei -, listete er eine Reihe von Faktoren auf, welche diese enge transatlantische Bindung hervorgebracht hatten: Neben Freundschaft und wechselseitigem Verständnis, die seiner Ansicht nach eine Art Brüderlichkeit zwischen den beiden Nationen begründeten, betonte der nur im zeitweiligen Ruhestand befindliche britische Premierminister darüber hinaus die Bedeutung der Kriegskoalition zwischen den USA und Großbritannien.[2] Implizit verwies er damit auch auf die Bedeutung, welche die gemeinsame Bedrohung durch das nationalsozialistische Deutschland und Japan für Zustandekommen und Aufrechterhaltung der Allianz hatte. Auch Churchill wusste, dass dieses Bündnis keine Zwangsläufigkeit war. Wer mit dem Verweis auf gemeinsame Sprache, Geschichte, Werte und Kultur deterministische Kräfte am Werk sieht, der übersieht die vielfach vorhandenen Spannungsfelder.

So hat bereits George Bernard Shaw betont, dass die beiden Völker durch die gemeinsame Sprache eher voneinander getrennt denn miteinander verbunden seien.[3] Auch der Verweis auf die gemeinsame Geschichte ist gerade in Bezug auf die Periode der amerikanischen Staatsgründung problematisch: Die noch jungen USA und Großbritannien führten zwei Kriege gegeneinander; 1814 brannten Weißes Haus und Kapitol nach der Einnahme Washingtons durch britische Truppen. Auch wenn sich diese Ereignisse nicht so tief in das kollektive Gedächtnis der amerikanischen Gesellschaft eingebrannt haben wie der japanische Angriff auf Pearl Harbor 1941 oder gar wie "9/11":[4] Die gemeinsame Geschichte wurde lange Zeit aus zwei ganz unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Noch bis in die 1920er Jahre hinein wurde ein britisch-amerikanischer Krieg für ebenso möglich gehalten wie vor dem Ersten Weltkrieg, in den die USA schließlich als assoziierte Macht und nicht als offizielles Mitglied der Entente gegen die Mittelmächte eingetreten waren.[5] Und schließlich eilten die USA Großbritannien trotz der existentiellen Bedrohung des Inselstaates durch das nationalsozialistische Deutschland 1940 nicht umgehend zu Hilfe. Trotz der intensiven Bemühungen Churchills und der grundsätzlich pro-britischen Haltung des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, die sich auch in zunehmender materieller Unterstützung der britischen Kriegsanstrengungen bemerkbar machte, bedurfte es für den amerikanischen Kriegseintritt des japanischen Überraschungsangriffs auf Pearl Harbor und der wenige Tage darauf folgenden deutschen Kriegserklärung. Zu stark war bis zu diesem Zeitpunkt die isolationistische Stimmung in den USA gewesen.[6]

Unzweifelhaft wirkte die Kriegskoalition als Katalysator für eine Intensivierung der Beziehungen - und das nicht nur auf der Ebene der politischen und militärischen Entscheidungsträger. Vielmehr wurden, wie Eric Edelman hervorgehoben hat, durch die Stationierung riesiger amerikanischer Truppenkontingente auch das gegenseitige Verständnis verbessert und der interkulturelle Austausch auf breiter Ebene gefördert - nicht zuletzt durch die große Zahl britisch-amerikanischer Ehen, die aus dem Krieg hervorgingen.[7] Aber auch in anderen Feldern sind aus dem Bündnis gegen Deutschland und Japan langfristige Kooperationen erwachsen, die mit einiger Berechtigung als special anzusehen sind. Hervorzuheben sind vor allem die Zusammenarbeit im nachrichten- und geheimdienstlichen Bereich sowie die Kooperation bei der Entwicklung der Atombombe. Erstere mündete 1947 in den Abschluss des UKUSA Agreement. Zwischen den beiden transatlantischen Vertragsparteien, die später um Kanada, Neuseeland und Australien erweitert wurden, etablierte das Abkommen eine geografische Arbeitsteilung für den Bereich der signal intelligence. Nach wie vor ist auch die Zusammenarbeit in anderen Bereichen der Nachrichtenbeschaffung, zum Beispiel durch so genannte human intelligence, ausgesprochen eng.[8] Auch der kritische Bericht des Foreign Affairs Committee des House of Commons aus diesem Jahr kommt mit Blick auf die Kooperation im geheimdienstlichen Bereich zu der Feststellung, diese könne "rightly be described as 'special'".[9]

Im Bereich der Nuklearrüstung wurde 1958 das US-UK Mutual Defence Agreement abgeschlossen, welches 2004 um zehn Jahre verlängert wurde. Nach der engen Kooperation bei der Entwicklung der Atombombe während der Kriegszeit verhängte der US-Kongress im so genannten McMahon-Act von 1946 zunächst ein Verbot der Proliferation nuklearer Technologie; die USA wollten das Monopol auf den Besitz der "absoluten Waffe"[10] für die absehbare Zukunft zementieren. Erst in den 1950er Jahren kam es zu einer neuerlichen Annäherung - interessanterweise nicht zuletzt deshalb, weil Präsident Dwight D. Eisenhower nach der politischen Eiszeit zwischen beiden Staaten im Anschluss an die Suezkrise von 1956 eine neuerliche Intensivierung der Beziehungen anstrebte.[11] Das Abkommen regelte den Transfer von Geheiminformationen, Technologien (Sprengköpfe, nukleare Schiffsantriebe) und Rohstoffen (Uran) für die Weiterentwicklung des britischen Nuklearprogramms, räumte den Briten also einen privilegierten Zugang zum amerikanischen Nuklear-Knowhow ein.

Jenseits dieser eindrucksvollen und in ihrer Qualität tatsächlich besonderen Vereinbarungen hat es jedoch auch während des Kalten Krieges zahlreiche Dissonanzen und handfeste Konflikte zwischen beiden Staaten gegeben. So wurde der britischen Regierung in der Suezkrise nachdrücklich und schmerzhaft bewusst gemacht, dass die Zeiten britischer Weltmacht vorbei waren: Als Großbritannien zusammen mit Frankreich und in Abstimmung mit Israel versuchte, sich die Kontrolle über den Suezkanal, den der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser verstaatlichen wollte, durch eine militärische Intervention zu sichern, zwang amerikanischer Druck sie zu einem demütigenden Rückzug. In der Konfrontation der Supermächte war Eisenhower die Vermeidung einer sowjetischen Einmischung und damit der Eskalation des Konflikts wichtiger als die Unterstützung der als neoimperial betrachteten Ambitionen der alten Kolonialmächte. Eisenhower drohte der Regierung Eden mit massiven finanzpolitischen Konsequenzen, etwa der Veräußerung amerikanischer Pfundreserven, welche die britische Währung und damit die hoch verschuldete Wirtschaft in eine massive Krise getrieben hätten.[12] Im Jahr 1982 reagierte die Reagan-Administration nur sehr zögerlich auf die argentinische Besetzung der Falkland-Inseln. Erst nachdem eine diplomatische Lösung der Krise zwischen den beiden Verbündeten der USA verworfen worden war, unterstützten die USA das Vorgehen der Regierung Thatcher, jedoch ohne aktiv einzugreifen.[13]

Fußnoten

2.
Vgl. Winston Churchill, The Sinews of Peace, online: www.nato.int/docu/
speech/1946/s460305_e.htm (1.10.2010).
3.
Vgl. hierzu Mark A. Stoler, Allies in War. Britain and America Against The Axis Powers 1940-1945, London-New York 2005, S. 2.
4.
Vgl. John Lewis Gaddis, Surprise, Security And The American Experience, Cambridge-London 2004, S. 10ff.
5.
Vgl. M.A. Stoler (Anm. 3), S. 3.
6.
Vgl. Ian Kershaw, Fateful Choices. Ten Decisions That Changed The World 1940-41, London u.a. 2007, S. 184-242 und S. 298-330.
7.
Vgl. Eric Edelman, A Special Relationship in Jeopardy, in: American Interest, 5 (2010) 6, S. 25-34.
8.
Vgl. William Wallace/Christopher Phillips, Reassessing the special relationship, in: International Affairs, 85 (2009) 2, S. 273f.
9.
House of Commons Foreign Affairs Committee, Global Security: UK-US Relations. Sixth Report of the Session 2009-10, London 2010, S. 42.
10.
Bernard Brodie, The Absolute Weapon: Atomic Power and World Order, New York 1946.
11.
Vgl. John Baylis (ed.), British Defence Policy in a Changing World, London 1977.
12.
Vgl. Ulrich Pfeil, Die Suezkrise, in: APuZ, (2006) 17-18, S. 32-38.
13.
Vgl. Alexander Haig, Geisterschiff USA. Wer macht Reagans Außenpolitik?, Stuttgart 1984, S. 303-348.