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3.12.2010 | Von:
Yvonne Esterházy

Großbritannien und die Folgen der Finanzkrise

2011 wird ein schwieriges Jahr für das Vereinigte Königreich, denn als Folge der Finanzkrise und der Rettung des Bankensystems müssen sich die Briten einem drakonischen Sparkurs unterwerfen.

Einleitung

Premierminister David Cameron, elegant in Frack und Fliege, kam Mitte November in die altehrwürdige Guildhall - das repräsentative Rathaus der Londoner City -, um den weltpolitischen Führungsanspruch Großbritanniens zu bekräftigen. "Es gibt keinen Grund, warum der Aufstieg neuer Wirtschaftsmächte zu einem Verlust britischen Einflusses in der Welt führen sollte",[1] betonte der konservative Regierungschef vor der versammelten Crème der britischen Bankenwelt. Allerdings müsse sein Land die Wirtschaft wieder in Schwung bringen und das große Haushaltsdefizit in den Griff bekommen, damit seine internationale Glaubwürdigkeit erhalten bleibe, mahnte Cameron seine Zuhörer.

Drei Jahre, nachdem im September 2007 die Bilder von verängstigten Kunden der wenig später verstaatlichten Hypothekenbank Northern Rock um die Welt gingen, die auf der Straße Schlange standen, um ihre Ersparnisse abzuheben und damit optisch den Beginn der Finanzkrise in Großbritannien symbolisierten, sind die Bürger und Bürgerinnen im Vereinigten Königreich dabei, die Rechnung für die Exzesse ihrer Banken zu begleichen. Unter der im Mai 2010 abgewählten Labour-Regierung waren die Institute auf der Insel mit Steuergeldern in Höhe von umgerechnet knapp einer Billion Euro vor dem Untergang gerettet worden. In kaum einem anderen großen Industrieland war die Staatsverschuldung während der Finanzkrise so drastisch gestiegen wie in Großbritannien. Binnen vier Jahren schoss sie von 47 auf 82 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), das Haushaltsdefizit kletterte auf elf Prozent des BIP.

Es gibt im kollektiven Unterbewusstsein jeder Wirtschaftsnation traumatische Ereignisse, die das Denken und Handeln späterer Generationen prägen. Für Großbritannien ist dies die Währungskrise von 1976, als der damalige Labour-Premier Harold Wilson den Internationalen Währungsfonds (IWF) um eine Milliardenspritze für das Pfund bitten musste. Noch heute gilt der Büßergang nach Washington in Großbritannien als ein politischer Tiefpunkt für die ehemalige Weltmacht. Die zweite große wirtschaftliche Demütigung Großbritanniens war der Zwangsausstieg des Pfund aus dem Europäischen Währungssystem (EWS) am 16. September 1992. Die Briten waren dem EWS zwei Jahre vorher zu einem überhöhten Kurs beigetreten. Spekulanten wetteten daraufhin gegen das Pfund. Die Bank of England musste auf Weisung von Schatzkanzler Norman Lamont an diesem Schwarzen Mittwoch die Zinsen binnen weniger Stunden von 10 auf 15 Prozent erhöhen, bevor die Regierung am Abend vor der Übermacht der Attacken des Investors Georges Soros und anderer Spekulanten kapitulierte. So etwas soll sich nie wiederholen. Das erklärt das Tempo und die Entschlossenheit, mit der die heutige Regierung das von den Finanzmärkten gegeißelte Haushaltsloch verringern will. Die dramatische Situation des Nachbarlandes Irland zeigt, wie schnell ein Land an den Rand des Abgrundes geraten kann.

Die Briten bereiten sich nun auf die härtesten Sparmaßnahmen seit dem Zweiten Weltkrieg vor. "Selbst die Eiserne Lady, Margaret Thatcher, hatte nichts Vergleichbares versucht", sagte Ben Page vom Meinungsforschungsinstitut Ipsos MORI unter Anspielung auf die legendäre konservative Premierministerin, die Großbritannien von 1979 bis 1990 regierte und in ihrer elfjährigen Amtszeit völlig umkrempelte. Thatcher allerdings konnte mit einer absoluten Mehrheit im Parlament schalten und walten, wie sie wollte.

Fußnoten

1.
David Cameron, Speech to Lord Mayor's Banquet, 15.11.2010, online: www.number10.gov.uk/news/speeches-and-transcripts/2010/11/speech-to-lord-mayors-banquet-57068 (18.11.2010).