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3.12.2010 | Von:
Yvonne Esterházy

Großbritannien und die Folgen der Finanzkrise

Neues Wirtschaftsmodell?

In der Finanzkrise ging den Briten auf, dass ihr traditionelles Geschäftsmodell mit dem Finanzsektor im Zentrum immense Risiken birgt. Die große Abhängigkeit von der City hatte die britische Wirtschaft tiefer in den Abgrund gerissen als andere. Daher war viel von einer Neuausrichtung (rebalancing) der Wirtschaft die Rede. Noch unter Labours Wirtschaftsminister Lord Peter Mandelson begannen Diskussionen um eine notwendige Stärkung des verarbeitenden Gewerbes. Sein liberaldemokratischer Nachfolger Vince Cable stößt rhetorisch ins selbe Horn, doch anders als Mandelson lehnt Cable eine aktive Industriepolitik ab; zum Teil werden entsprechende Labour-Initiativen wieder rückgängig gemacht.

Bei einer Rede anlässlich der deutsch-britischen Königswinter Konferenz erklärte Cable am 16. September 2010: "Wir müssen eine ganze Menge von Deutschland lernen", und: "Großbritannien strebt nach exportgetriebenem Wachstum."[2] Allein - was tut der Minister dafür? Auf der Insel gibt es kaum größere mittelständische Unternehmen, die im globalen Wettbewerb mithalten können, und es fehlt bisher auch an der institutionalisierten Verknüpfung zwischen Forschung und Wirtschaft. Das soll sich ändern: "Ich bin besonders interessiert an den Fraunhofer-Instituten", sagte Cable vor der Königswinter Konferenz - das allerdings ist eine Idee, die noch von seinem Vorgänger Mandelson stammt. Die 1949 in München gegründete Fraunhofer-Gesellschaft hat sich inzwischen zu Europas führender Organisation für angewandte Forschung entwickelt. Ihre Aufgabe ist es, die Vernetzung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu fördern.

Im 19. Jahrhundert stand die Wiege der Industrialisierung in Großbritannien, doch inzwischen trägt das produzierende Gewerbe nur noch 12,4 Prozent zum BIP bei (in Deutschland: 21,9 Prozent). 77 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten im Dienstleistungssektor. Glaubt man dem renommierten Prognose-Institut Cambridge Econometrics,[3] dann wird sich dieser Trend im Vereinigten Königreich im nächsten Jahrzehnt fortsetzen. Auf der Grundlage des Haushaltsentwurfs vom Juni errechnete das Institut im Auftrag der BBC, dass sich der Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der gesamten Wirtschaftsleistung bis zum Jahr 2020 noch weiter verringern wird. Zwar ist die Industrie nicht ganz verschwunden: Unternehmen der Luft- und Raumfahrt wie BAE Systems und Rolls-Royce, der Mineralölkonzern BP und die Pharmariesen GlaxoSmithKline und Astra Zeneca sind in ihren Branchen führend. Aber die einst mächtige Autoindustrie ist mittlerweile komplett in ausländischer Hand.

Der neue Enthusiasmus der Politiker für das verarbeitende Gewerbe kommt reichlich spät. Der Industrieverband CBI fordert seit Jahren, die Regierung müsse der Industrie und Forschung größeres Augenmerk widmen. Im Königreich fehlt es an Ingenieuren, Naturwissenschaftlern und gut ausgebildeten Facharbeitern; High-Tech- und IT-Unternehmen haben massive Nachwuchsprobleme. Bleibt die Frage, woher künftiges Wachstum kommen soll. Schließlich hatte Labour seit 1997 Milliarden in den öffentlichen Sektor gepumpt und dort zahlreiche Arbeitsplätze geschaffen. Die andere Wachstumslokomotive war der einst aufstrebende Finanzsektor, der vor Beginn der aktuellen Krise etwa zwölf Prozent des BIP ausmachte - sowie die explosionsartig wachsende Immobilienbranche, deren Anteil am BIP unter Labour von 12,6 auf 16,2 Prozent stieg. Die negativen Folgen dieser Entwicklung sind inzwischen unbestritten.

Fußnoten

2.
Online: http://nds.coi.gov.uk/content/Detail.aspx?ReleaseID=415508&NewsAreaID=2 (20.11.2010).
3.
Vgl. Hugh Pym/Andrew Evans, What might the UK economy be like in future?, 12.7.2010, online: www.bbc.co.uk/news/10557724 (21.11.2010).