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3.12.2010 | Von:
Yvonne Esterházy

Großbritannien und die Folgen der Finanzkrise

2011 wird ein schwieriges Jahr für das Vereinigte Königreich, denn als Folge der Finanzkrise und der Rettung des Bankensystems müssen sich die Briten einem drakonischen Sparkurs unterwerfen.

Einleitung

Premierminister David Cameron, elegant in Frack und Fliege, kam Mitte November in die altehrwürdige Guildhall - das repräsentative Rathaus der Londoner City -, um den weltpolitischen Führungsanspruch Großbritanniens zu bekräftigen. "Es gibt keinen Grund, warum der Aufstieg neuer Wirtschaftsmächte zu einem Verlust britischen Einflusses in der Welt führen sollte",[1] betonte der konservative Regierungschef vor der versammelten Crème der britischen Bankenwelt. Allerdings müsse sein Land die Wirtschaft wieder in Schwung bringen und das große Haushaltsdefizit in den Griff bekommen, damit seine internationale Glaubwürdigkeit erhalten bleibe, mahnte Cameron seine Zuhörer.

Drei Jahre, nachdem im September 2007 die Bilder von verängstigten Kunden der wenig später verstaatlichten Hypothekenbank Northern Rock um die Welt gingen, die auf der Straße Schlange standen, um ihre Ersparnisse abzuheben und damit optisch den Beginn der Finanzkrise in Großbritannien symbolisierten, sind die Bürger und Bürgerinnen im Vereinigten Königreich dabei, die Rechnung für die Exzesse ihrer Banken zu begleichen. Unter der im Mai 2010 abgewählten Labour-Regierung waren die Institute auf der Insel mit Steuergeldern in Höhe von umgerechnet knapp einer Billion Euro vor dem Untergang gerettet worden. In kaum einem anderen großen Industrieland war die Staatsverschuldung während der Finanzkrise so drastisch gestiegen wie in Großbritannien. Binnen vier Jahren schoss sie von 47 auf 82 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), das Haushaltsdefizit kletterte auf elf Prozent des BIP.

Es gibt im kollektiven Unterbewusstsein jeder Wirtschaftsnation traumatische Ereignisse, die das Denken und Handeln späterer Generationen prägen. Für Großbritannien ist dies die Währungskrise von 1976, als der damalige Labour-Premier Harold Wilson den Internationalen Währungsfonds (IWF) um eine Milliardenspritze für das Pfund bitten musste. Noch heute gilt der Büßergang nach Washington in Großbritannien als ein politischer Tiefpunkt für die ehemalige Weltmacht. Die zweite große wirtschaftliche Demütigung Großbritanniens war der Zwangsausstieg des Pfund aus dem Europäischen Währungssystem (EWS) am 16. September 1992. Die Briten waren dem EWS zwei Jahre vorher zu einem überhöhten Kurs beigetreten. Spekulanten wetteten daraufhin gegen das Pfund. Die Bank of England musste auf Weisung von Schatzkanzler Norman Lamont an diesem Schwarzen Mittwoch die Zinsen binnen weniger Stunden von 10 auf 15 Prozent erhöhen, bevor die Regierung am Abend vor der Übermacht der Attacken des Investors Georges Soros und anderer Spekulanten kapitulierte. So etwas soll sich nie wiederholen. Das erklärt das Tempo und die Entschlossenheit, mit der die heutige Regierung das von den Finanzmärkten gegeißelte Haushaltsloch verringern will. Die dramatische Situation des Nachbarlandes Irland zeigt, wie schnell ein Land an den Rand des Abgrundes geraten kann.

Die Briten bereiten sich nun auf die härtesten Sparmaßnahmen seit dem Zweiten Weltkrieg vor. "Selbst die Eiserne Lady, Margaret Thatcher, hatte nichts Vergleichbares versucht", sagte Ben Page vom Meinungsforschungsinstitut Ipsos MORI unter Anspielung auf die legendäre konservative Premierministerin, die Großbritannien von 1979 bis 1990 regierte und in ihrer elfjährigen Amtszeit völlig umkrempelte. Thatcher allerdings konnte mit einer absoluten Mehrheit im Parlament schalten und walten, wie sie wollte.

Entschlossenes Handeln

Zur Überraschung mancher Briten kündigte die erste britische Koalitionsregierung seit 1945 unter der Führung von Cameron nach ihrer Amtsübernahme kein laues, von Kompromissen geprägtes Regierungsprogramm an, sondern einen schmerzhaften Kurs zur Haushaltssanierung. Die Ankündigung sollte vor allem die Finanzmärkte und die internationalen Ratingagenturen davon überzeugen, dass Großbritannien es ernst meint mit der Bekämpfung seines riesigen Haushaltsdefizits. Denn die Märkte hatten in den Monaten vor der Wahl signalisiert, dass sie weder eine politische Hängepartie noch Zaudern dulden würden. Die Spekulanten hatten bereits Blut geleckt und hätten jedes Zögern zu einer Attacke auf die britische Währung genutzt. Einen Vorgeschmack lieferte der 1. März 2010: In den Handelssälen der Investmentbanken der Londoner City war die Hölle los. Devisenhändler hackten auf die Tastaturen ihrer Computer ein und brüllten in ihre Telefone. Es war Montag, und das Pfund Sterling fiel und fiel. Grund für den Absturz war kein Bankencrash und keine konjunkturelle Hiobsbotschaft, sondern schlicht eine neue Umfrage, die auf ein Patt bei den Wahlen hindeutete.

Wäre das Haushaltsdefizit nicht so groß gewesen, hätten die Finanzmärkte nicht schon vor der Wahl am 6. Mai signalisiert, dass Großbritannien eine handlungsfähige Regierung und einen radikalen Sparkurs benötige, um dem Schicksal Griechenlands zu entgehen; dann wäre es womöglich nicht zur Bildung einer Koalitionsregierung gekommen. So aber rauften sich Konservative und Liberale in einer Rekordzeit von nur sechs Tagen zusammen. Die Finanzmärkte erzwangen dieses in Großbritannien unübliche politische Zweckbündnis, von dem niemand zu prognostizieren wagt, wie lange es halten wird. Binnen kurzer Zeit legte die neue Regierung am 22. Juni einen Nothaushalt vor, in dem sie das Sparprogramm skizzierte. Im August stimmte der Premier seine Landsleute außerdem mit einer Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede auf harte Zeiten ein.

Im Oktober gab der konservative Finanzminister George Osborne die Details seines Sanierungskurses bekannt, der im nächsten Fiskaljahr 81 Milliarden Pfund einsparen soll. 20 Prozent der Haushaltssanierung sollen über Steuererhöhungen erreicht werden - unter anderem dadurch, dass die Mehrwertsteuer ab Anfang Januar nächsten Jahres von 17,5 Prozent auf 20 Prozent erhöht und die Kapitalertragsteuer für Besserverdiener angehoben wird. 80 Prozent sollen mittels Ausgabenkürzungen erzielt werden. Osborne mutet vor allem Mittelklassefamilien, Rentnern, Studierenden und Sozialhilfeempfängern schwere Opfer zu. Das Kindergeld für wohlhabendere Familien wird gestrichen, das Rentenalter hinaufgesetzt; Sozialhilfeempfänger müssen sich nun verstärkt um Arbeit bemühen, sonst erhalten sie weniger Stütze. Die Summe aller Sozialleistungen, die eine Familie beziehen kann, wird künftig auf knapp 30000 Euro im Jahr begrenzt - und das unabhängig von der Zahl der Kinder. Auerdem können Sozialhilfeempfänger nicht mehr mit einem lebenslangen Recht auf eine Sozialwohnung rechnen.

Hart getroffen werden auch die Studierenden. Sie müssen ab 2012 wahrscheinlich eine Erhöhung der Studiengebühren von derzeit 3290 auf 9000 Pfund im Jahr in Kauf nehmen - ein Vorschlag, der allerdings noch vom Parlament abgesegnet werden muss. Auch die Banker kommen nicht ganz ungeschoren davon, da Osborne sich entschloss, den noch von seinem Labour-Vorgänger Alistair Darling eingeführten 50-prozentigen Spitzensteuersatz bis auf Weiteres beizubehalten. Außerdem kündigte der Finanzminister die Einführung einer Bankenabgabe ein, die dem Fiskus 2011 etwa 1,15 Milliarden Pfund und 2012 etwa 2,32 Milliarden Pfund bescheren soll. Vor allem aber trifft es den unter Labour aufgeblähten öffentlichen Sektor. Denn die Premierminister Tony Blair und Gordon Brown hatten Milliardenbeträge ins staatliche Erziehungs- und Gesundheitswesen gepumpt und die Gründung zahlreicher halbstaatlicher Organisationen (Quangos) gefördert. Mit Ausnahme der Etats des Gesundheits- und des Entwicklungsministeriums müssen alle Ministerien ihre Kosten um rund ein Viertel reduzieren. Die meisten Gehälter im öffentlichen Dienst werden eingefroren, und außerdem dürften dort bis 2014/15 eine halbe Million Stellen eingespart werden. Die Arbeitslosigkeit liegt im Vereinigten Königreich bereits jetzt bei 7,7 Prozent, daher entbrannte eine heftige Debatte darüber, ob die Privatwirtschaft tatsächlich - wie von der Regierung behauptet - so viele neue Jobs schaffen wird, dass die Stellenverluste im öffentlichen Sektor nicht zu stark ins Gewicht fallen.

Viele Briten haben mittlerweile akzeptiert, dass sie bittere Medizin schlucken müssen, um ihren maroden Haushalt zu sanieren, in dem ein Loch von griechischen Dimensionen klafft. Läuft alles nach Plan, könnte das Budgetdefizit laut Osborne bis zum Fiskaljahr 2015/16 auf nur noch 1,1 Prozent des BIP schrumpfen. Der ehemalige Schatzkanzler Darling wollte das Defizit dagegen bis 2014/15 nur halbieren, und selbst das wäre für den neuen Labourchef Edward Miliband ("Red Ed"), der nur mithilfe der Gewerkschaften an die Parteispitze gelangte, zu schnell. Schützenhilfe erhielt die Regierung von 35 Unternehmern, die Osborne in einem offenen Brief an den "Daily Telegraph" Lob für seinen entschlossenen Sparkurs zollten. "Jeder weiß, dass eine Verzögerung der erforderlichen Maßnahmen zum Abbau eines Haushaltsdefizits die Lage nur verschlimmert", hieß es in dem Brief. "Die jüngsten Ereignisse in anderen europäischen Staaten haben gezeigt, dass die Zinsen steigen würden, wenn Großbritannien einen Vertrauensverlust an den (Finanz-)Märkten erleiden würde."

Hartes Jahr 2011

Die Rosskur der Regierung, die Osborne Lob vom Internationalen Währungsfonds, den Ratingagenturen, der Bank of England, der City und dem Industrieverband CBI (Confederation of British Industry) eintrug, ist mit Risiken behaftet. Manche Volkswirte befürchten, Großbritannien könne angesichts seines ohnehin schwachen Wachstums durch das Sparpaket erneut in die Rezession trudeln. Schon werden vereinzelt Forderungen laut, die Bank of England solle erneut die Notenpresse anwerfen, indem sie wieder britische Staatsanleihen aufkauft. Das Vereinigte Königreich war als Folge der Finanzkrise in die schwerste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg geraten. Mit minus 6,4 Prozent in sechs aufeinanderfolgenden Quartalen dauerte diese Rezession länger, und sie ging tiefer als die Rezessionen der 1980er und 1990er Jahre. Zum Vergleich: Das britische BIP schrumpfte während des Abschwungs in den 1980er Jahren um 4,6 Prozent, während der Wirtschaftskrise in den 1990er Jahren um 2,5 Prozent. Erst im vierten Quartal 2009 - später als in Deutschland und in vielen anderen EU-Ländern - gab es im Vereinigten Königreich wieder minimales Wachstum.

Zwar geht es nun wieder aufwärts, aber die Konjunktur springt nur schleppend an. Die Wirtschaftsleistung wird wohl noch einige Zeit unter dem Vorkrisenniveau bleiben. So nahm die britische Wirtschaft im ersten Quartal 2010 um 0,4 Prozent leicht zu, im zweiten Quartal dann um 1,2 Prozent, im dritten Quartal um 0,8 Prozent. Allerdings mutmaßen manche Experten bereits, dass das Wachstum im zweiten Quartal auf nur noch ein Prozent korrigiert werden dürfte.

Es sind nicht nur Kritiker aus dem linken Lager, sondern auch einzelne Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses der Bank of England und manche City-Volkswirte, die warnen, das eiserne Konsolidierungsprogramm und die Erhöhung der Mehrwertsteuer könne die Erholung gefährden. "Es sieht danach aus, als stünden uns drei bis vier Jahre schwachen Wachstums und steigender Arbeitslosigkeit bevor", erklärte Ken Wattret, Europa-Chefvolkswirt der BNP Paribas vor einiger Zeit. Weil das Königreich seine Währung frei schwanken lässt, kann sich das Land allerdings durch Abwertung auf dem Weltmarkt Wettbewerbsvorteile schaffen - eine Möglichkeit, die den Staaten der Euro-Zone verschlossen ist.

Abhängigkeit von der Bank of England

Osborne setzt im Übrigen darauf, dass die Bank of England (BoE) seinen strikten fiskalpolitischen Kurs mit einer anhaltend lockeren Geldpolitik flankieren und so ein Abkippen der britischen Konjunktur in eine neue Rezession (double dip recession) verhindern wird. Und bisher erfüllt Mervyn King, Gouverneur der BoE, diese Rolle auch, obwohl er die Zinsen, die nun schon seit über einem Jahr auf dem historisch niedrigen Niveau von 0,5 Prozent verharren, streng genommen erhöhen müsste. Denn ungeachtet dessen, dass das Inflationsziel im Vereinigten Königreich eigentlich bei nur zwei Prozent liegt, hat sich die Teuerungsrate nun schon seit Anfang 2010 auf über drei Prozent stabilisiert. Tatsächlich lag die Inflationsrate sogar in 20 der vergangenen 30 Monate über dem Zielkorridor. Im Oktober stieg sie auf 3,2 Prozent, nach 3,1 Prozent im September, und zwang King damit erneut, seinen geldpolitischen Kurs in einem offiziellen Brief an den Finanzminister zu begründen. Nach Ansicht der Notenbank wird die Inflationsrate im ersten Quartal 2011 wahrscheinlich sogar auf 3,5 Prozent klettern, dürfte dann aber im Jahresverlauf fallen und bis Mitte 2012 noch 1,5 Prozent betragen, hofft die Notenbank.

Allerdings gibt es im geldpolitischen Rat der BoE unterschiedliche Meinungen. So plädierte der Notenbanker Andrew Sentance schon vor einigen Wochen für eine Erhöhung des Leitzinses, weil er fürchtet, dass die Inflation aus dem Ruder läuft. Die Drohkulisse höherer Zinsen ist für viele Briten ein Albtraum, denn rund drei Viertel von ihnen leben im Eigenheim, viele sind wegen ihrer Hypothek hoch verschuldet. Im Gegensatz zu Sentance warb sein Kollege Adam Posen für eine weitere Lockerung der Geldpolitik. In der Praxis hieße das, dass die BoE wieder beginnen würde, britische Staatsanleihen aufzukaufen, nachdem sie ihr Anleihe-Aufkaufprogramm im Februar bei einem Stand von 200 Milliarden Pfund eingestellt hatte, denn eine weitere Zinssenkung kommt angesichts des ohnehin sehr niedrigen Zinsniveaus nicht in Frage.

Neues Wirtschaftsmodell?

In der Finanzkrise ging den Briten auf, dass ihr traditionelles Geschäftsmodell mit dem Finanzsektor im Zentrum immense Risiken birgt. Die große Abhängigkeit von der City hatte die britische Wirtschaft tiefer in den Abgrund gerissen als andere. Daher war viel von einer Neuausrichtung (rebalancing) der Wirtschaft die Rede. Noch unter Labours Wirtschaftsminister Lord Peter Mandelson begannen Diskussionen um eine notwendige Stärkung des verarbeitenden Gewerbes. Sein liberaldemokratischer Nachfolger Vince Cable stößt rhetorisch ins selbe Horn, doch anders als Mandelson lehnt Cable eine aktive Industriepolitik ab; zum Teil werden entsprechende Labour-Initiativen wieder rückgängig gemacht.

Bei einer Rede anlässlich der deutsch-britischen Königswinter Konferenz erklärte Cable am 16. September 2010: "Wir müssen eine ganze Menge von Deutschland lernen", und: "Großbritannien strebt nach exportgetriebenem Wachstum."[2] Allein - was tut der Minister dafür? Auf der Insel gibt es kaum größere mittelständische Unternehmen, die im globalen Wettbewerb mithalten können, und es fehlt bisher auch an der institutionalisierten Verknüpfung zwischen Forschung und Wirtschaft. Das soll sich ändern: "Ich bin besonders interessiert an den Fraunhofer-Instituten", sagte Cable vor der Königswinter Konferenz - das allerdings ist eine Idee, die noch von seinem Vorgänger Mandelson stammt. Die 1949 in München gegründete Fraunhofer-Gesellschaft hat sich inzwischen zu Europas führender Organisation für angewandte Forschung entwickelt. Ihre Aufgabe ist es, die Vernetzung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu fördern.

Im 19. Jahrhundert stand die Wiege der Industrialisierung in Großbritannien, doch inzwischen trägt das produzierende Gewerbe nur noch 12,4 Prozent zum BIP bei (in Deutschland: 21,9 Prozent). 77 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten im Dienstleistungssektor. Glaubt man dem renommierten Prognose-Institut Cambridge Econometrics,[3] dann wird sich dieser Trend im Vereinigten Königreich im nächsten Jahrzehnt fortsetzen. Auf der Grundlage des Haushaltsentwurfs vom Juni errechnete das Institut im Auftrag der BBC, dass sich der Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der gesamten Wirtschaftsleistung bis zum Jahr 2020 noch weiter verringern wird. Zwar ist die Industrie nicht ganz verschwunden: Unternehmen der Luft- und Raumfahrt wie BAE Systems und Rolls-Royce, der Mineralölkonzern BP und die Pharmariesen GlaxoSmithKline und Astra Zeneca sind in ihren Branchen führend. Aber die einst mächtige Autoindustrie ist mittlerweile komplett in ausländischer Hand.

Der neue Enthusiasmus der Politiker für das verarbeitende Gewerbe kommt reichlich spät. Der Industrieverband CBI fordert seit Jahren, die Regierung müsse der Industrie und Forschung größeres Augenmerk widmen. Im Königreich fehlt es an Ingenieuren, Naturwissenschaftlern und gut ausgebildeten Facharbeitern; High-Tech- und IT-Unternehmen haben massive Nachwuchsprobleme. Bleibt die Frage, woher künftiges Wachstum kommen soll. Schließlich hatte Labour seit 1997 Milliarden in den öffentlichen Sektor gepumpt und dort zahlreiche Arbeitsplätze geschaffen. Die andere Wachstumslokomotive war der einst aufstrebende Finanzsektor, der vor Beginn der aktuellen Krise etwa zwölf Prozent des BIP ausmachte - sowie die explosionsartig wachsende Immobilienbranche, deren Anteil am BIP unter Labour von 12,6 auf 16,2 Prozent stieg. Die negativen Folgen dieser Entwicklung sind inzwischen unbestritten.

Wie geht es mit der City weiter?

Osborne und Cameron werden dennoch weiter auf die City setzen. Auf keinen Fall wollen sie die Gans schlachten, die immer noch goldene Eier legt, denn ohne sie kann Großbritannien wirtschaftlich nicht überleben. Sie trägt auch heute noch acht bis neun Prozent zum BIP bei und ist vor allem für das Steueraufkommen wichtig. So bescherte die von Ex-Finanzminister Alistair Darling eingeführte einmalige 50-prozentige Bonus-Steuer auf Prämien über 25000 Pfund dem Staatssäckel insgesamt 2,5 Milliarden Pfund - fünfmal mehr, als Darling ursprünglich erwartet hatte. Doch bei aller Freude über den unerwarteten Geldsegen räumte Darling später ein, das eigentliche Ziel der Aktion - nämlich die Höhe der Boni zu beschränken - sei nicht erreicht worden, weil die meisten Banken die Steuer für ihre Angestellten bezahlten, denn sie wollten ihre Experten nicht an die Konkurrenz verlieren.

Drei Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise hat sich allerdings am wichtigsten Finanzplatz Europas doch einiges verändert. Die von Labour geschaffene Finanzaufsichtsbehörde FSA (Financial Services Authority), die mit ihrer laxen Aufsicht "der leichten Hand" (light touch) zum Ausmaß der Finanzkrise beitrug, soll aufgelöst und die Bankenaufsicht wieder unter die Oberhoheit der Bank of England gestellt werden. Die Bank of England ist damit nicht nur für die Geldpolitik, sondern auch für die Aufsicht über das gesamte Bankenwesen und Finanzsystem zuständig - der 39-jährige Finanzminister Osborne machte King damit zu einem der mächtigsten Notenbanker der Welt. Darüber hinaus prüft eine von Osborne eingesetzte Expertenkommission, ob die Großbanken aufgespaltet werden sollen, also nicht länger im lukrativen Investmentbanking tätig sein dürfen.

Manche namhafte Institute sind allerdings schon heute kaum wiederzuerkennen. So ist die einst mächtige Royal Bank of Scotland (RBS), die inzwischen mehrheitlich dem Staat gehört, nur noch ein Schatten ihrer selbst, während die Barclays Bank nach dem Kauf des US-Teils der kollabierten Wall-Street-Bank Lehman Brothers in die Liga der global tätigen Investmentbanken aufrückte und damit als Krisengewinnlerin gelten kann. In Großbritannien drängen nun auch neue Player ins Massenkundengeschäft mit Privatkunden.

Bei der Bevölkerung sitzt das Misstrauen gegen die Finanzbranche allerdings weiterhin tief. Zu allem Überdruss droht nun die Krise im Nachbarstaat Irland auf die britischen Banken überzuschwappen, denn diese sind weltweit am stärksten in Irland engagiert. Die Kredite summieren sich auf schätzungsweise 149 Milliarden Dollar, wie aus Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) und des IWF hervorgeht. Allein die RBS hatte in Irland Ende September 2010 ausstehende Kredite im Volumen von insgesamt 53,3 Milliarden Pfund zu verzeichnen. Bei der Lloyds Bank waren es Ende Juni 26,68 Milliarden Pfund.

Am Finanzplatz London brummt indes das Investmentbanking wieder, und viele Banker können auch in diesem Jahr mit stattlichen Boni rechnen, auch wenn die Ausschüttungen nicht ganz so hoch ausfallen dürften wie im vergangenen Jahr und inzwischen nur noch 20 Prozent der jährlichen Boni in bar ausgezahlt werden dürfen. Für Londoner Juweliere, Sportwagenhändler und Immobilienmakler verspricht die Adventszeit dennoch recht lukrativ zu werden. Denn insgesamt werden für das laufende Jahr wohl etwa sieben Milliarden Pfund an Sonderzahlungen fließen - vier Prozent weniger als 2009 (7,3 Milliarden Pfund), wie das angesehene Centre for Economics and Business Research (CEBR)[4] schätzt. Nach Berechnungen des Instituts dürfte die diesjährige Bonus-Saison dem Fiskus rund 4,1 Milliarden Pfund in die Kassen spülen, Resultat des 50-prozentigen Spitzensteuersatzes für Topverdiener und der Aufstockung der Sozialabgaben.

Die gesamten Prämienzahlungen für 2010 lägen damit nach Berechnungen des CEBR wieder auf dem Niveau von 2004 - also zu einer Zeit, bevor die Finanzkrise die Welt erschütterte, wenn sie damit auch längst nicht so hoch sind wie 2007, als insgesamt 11,6 Milliarden Pfund ausgeschüttet wurden. Der Rückgang im Vergleich zu damals ist, so der Ko-Autor der Studie, CEBR-Volkswirt Benjamin Williamson, allerdings auch darauf zurückzuführen, dass heute sehr viel weniger Menschen im Londoner Finanzdistrikt arbeiten. Laut Williamson sind dort heute nur noch 315000 Menschen beschäftigt im Vergleich zu 354000 vor Ausbruch der Krise im Jahr 2007. Damit hat die City fast 40000 Stellen abgebaut - das ist die Größenordnung einer Kleinstadt.

Wo diese Banker geblieben sind, ist nicht bekannt. Einige dürften sich zur Ruhe gesetzt haben, denn viele hatten ihr Geld ja schon gemacht. Andere wechselten in ganz neue Berufsfelder, arbeiten heute als Lehrer, als Unternehmer oder Berater. Wieder andere dürften London verlassen haben - in Richtung Dubai, Hongkong oder Schanghai. Vor allem Asien wird inzwischen als große Bedrohung für die Dominanz Londons als globales Finanzzentrum angesehen. Dies ist einerseits eine Folge der zunehmenden wirtschaftlichen Dynamik Chinas und anderer asiatischer Märkte. Andererseits resultiert die wachsende Bedeutung der Finanzplätze Asiens auch aus den strengeren Auflagen, welche die Europäische Union (EU) und die nationale britische Aufsichtsbehörde FSA den Akteuren an den Finanzmärkten als Folge der Krise auferlegt haben. So hat die EU mittlerweile die stark umstrittene Richtlinie zur Überwachung riskanter Finanzanlagen - also die Regulierung von Hedgefonds und Beteiligungsgesellschaften (Private Equity) - unter Dach und Fach gebracht, die London, wo etwa 90 Prozent aller europäischen Hedgefondsmanager sitzen, in besonderem Maße betrifft. In den vergangenen Monaten hatten Fonds-Lobbyisten daher immer lauter vor der Abwanderung der Fonds in die Schweiz oder außereuropäische Standorte gewarnt. Vielen Hedgefondsmanagern passt es nicht, dass sie sich ab 2013 nach einheitlichen europäischen Standards registrieren und kontrollieren lassen und die bisher geheim gehaltene Anlagestrategien gegenüber Investoren und der Aufsicht offenlegen müssen. Private-Equity-Gesellschaften werden es künftig schwerer haben, Unternehmen zu übernehmen und nur um des Gewinns willen schnell zu zerschlagen. Wie ernst gemeint die Abwanderungsdrohungen sind, lässt sich im Moment nur schwer abschätzen. Tatsache ist, dass auch seitens der Banken immer wieder Äußerungen zu hören sind, man werde London den Rücken kehren, falls die Auflagen zu streng und die Steuerlast zu erdrückend werden sollten. Noch profitiert die europäische Finanzmetropole von ihrer günstigen geographischen Position und Zeitzone, die ihr eine Brückenstellung zwischen den USA und Asien sichert. Außerdem ist das soziale und kulturelle Umfeld der britischen Hauptstadt nicht nur für viele Briten, sondern auch für zahlreiche ausländische Banker immer noch so attraktiv, dass sie in London bleiben wollen. Allerdings - so warnt Stuart Fraser von der City of London Corporation - besteht die Gefahr, dass Finanzhäuser bei der Entscheidung über künftige Investitionen den Standorten Hongkong, Schanghai oder Singapur den Vorzug geben könnten.

"Wir sitzen alle im selben Boot"

Seit seinem Amtsantritt versucht Finanzminister Osborne seine Landsleute davon zu überzeugen, dass er bei der Umsetzung seines Sparkurses allen Schichten Opfer abverlangen wird. Gebetsmühlenartig wiederholte er daher bei jeder Gelegenheit: "Wir sitzen alle im selben Boot." Allerdings täuscht das nicht darüber hinweg, dass vor allem Mittelschichtfamilien mit Kindern und Sozialhilfeempfänger "bluten" werden, während Steuerschlupflöcher für hoch bezahlte ausländische Finanzexperten weiter bestehen bleiben. Das steuerliche Umfeld für die Topverdiener hat sich in den vergangenen Jahren zwar erheblich verschlechtert. Aber dennoch ließ Osborne die sogenannte Non-Dom-Regelung intakt, die es Ausländern - in manchen Fällen sogar im Ausland geborenen Briten - auf der Insel erlaubt, nur auf das in Großbritannien verdiente Einkommen Steuern zu zahlen, ihr außerhalb des Königreichs angelegtes Vermögen jedoch nicht zu versteuern. Allerdings müssen die Non-Doms mittlerweile eine Pauschale von 30000 Pfund im Jahr bezahlen, wenn sie sieben Jahre oder länger in Großbritannien leben, ein Betrag, den hoch bezahlte Spitzenkräfte aber wohl aus der Portokasse bestreiten dürften.

In den vergangenen Jahren klaffte die Einkommensschere in der britischen Gesellschaft ohnehin immer weiter auseinander - die soziale Ungleichheit nimmt zu, ein Trend, der sich in den 13 Jahren Labour-Regierung sogar verstärkte: "Großbritannien ist ein Land, in dem die soziale Mobilität immer stärker abnimmt und die Kluft zwischen Arm und Reich ständig größer wird. Großbritannien ist aber auch ein Land, in dem sich die soziale Segregation unablässig verschärft."[5] Vor diesem Hintergrund besteht die Gefahr, dass sich die sozialen Spannungen verschärfen könnten und es zu Unruhen kommt, wenn die Bevölkerung nach Beginn des neuen Steuerjahres im April 2011 die schmerzhaften Auswirkungen von Osbornes Sparpaket zu spüren bekommt. Einen Vorgeschmack erhielten die Briten am 10. November, als militante Studenten die Zentrale der konservativen Partei in London stürmten, Fensterscheiben zertrümmerten und sich Straßenkämpfe mit der Polizei lieferten. Die Gewerkschaften rüsten sich bereits für Streiks im kommenden Frühjahr. Len McCluskey, neuer Führer der größten britischen Einzelgewerkschaft Unite, sagte der Regierung unmittelbar nach seiner Wahl am 21. November den Kampf an: "Meine erste Aufgabe wird es sein, unsere Gewerkschaft zu einer gemeinsamen Kampagne gegen die zerstörerischen Kräfte zusammenzuführen, welche die Regierung gegen die arbeitende Bevölkerung im ganzen Land freigesetzt hat."[6]

So wird 2011 für die Inselbewohner wohl alles in allem kein leichtes Jahr. Als Lichtblick bleibt da lediglich die kürzlich angekündigte Hochzeit von Prinz William mit seiner bürgerlichen Verlobten Kate Middleton. Sie wird - so hofft Premier Cameron - vielen seiner Landsleute zumindest kurzfristig ein wohliges Glücksgefühl vermitteln. So jedenfalls deuten die Kommentatoren die Tatsache, dass er und seine Minister die Ankündigung des großen Ereignisses durch Buckingham Palace bei der morgendlichen Kabinettsrunde in 10 Downing Street mit lautem Jubel und Trommeln auf der Tischplatte begrüßten.
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Fußnoten

1.
David Cameron, Speech to Lord Mayor's Banquet, 15.11.2010, online: www.number10.gov.uk/news/speeches-and-transcripts/2010/11/speech-to-lord-mayors-banquet-57068 (18.11.2010).
2.
Online: http://nds.coi.gov.uk/content/Detail.aspx?ReleaseID=415508&NewsAreaID=2 (20.11.2010).
3.
Vgl. Hugh Pym/Andrew Evans, What might the UK economy be like in future?, 12.7.2010, online: www.bbc.co.uk/news/10557724 (21.11.2010).
4.
Vgl. CEBR, News Release, 5.10.2010, online: www.cebr.com/wp-content/uploads/London-and-the-City-Prospects-Press-Release-5-October-2010-City-Bonuses.pdf (17.11.2010).
5.
Nick Johnson, Gespalten und ungleich. Wie Integration die gerechte Gesellschaft hervorbringen kann. Perspektive (Friedrich Ebert Stiftung, London), November 2010, S. 2, online: http://library.fes.de/pdf-files/id/07644.pdf (22.11.2010).
6.
Len McCluskey chosen as new Unite leader, 21.11. 2010, online: www.bbc.co.uk/news/uk-11805884 (21.11.2010).