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8.11.2010 | Von:
Naika Foroutan

Neue Deutsche, Postmigranten und Bindungs-Identitäten. Wer gehört zum neuen Deutschland?

Vom Ausländer zur Person mit Migrationshintergrund

Deutschlands "Gesicht" wandelt sich stetig, was zu Verunsicherungen in der Bezeichnungspraxis führt. Die herkunftsdeutsche Bevölkerung weiß häufig nicht, wie sie sich selbst oder jene bezeichnen soll, die lange Jahre als "Ausländer" oder "Fremde" galten und nun offensichtlich zu Deutschland gehören wollen und sollen. Immer häufiger hört man zur Selbstbeschreibung ironisierend den Begriff "Bio-Deutsche", da "autochthone Deutsche" zu wissenschaftlich und "Deutsch-Deutsche" zu redundant klingt. Hingegen erzeugt der Begriff "echter Deutscher" einen ausgrenzenden Effekt, da er die Menschen mit Migrationshintergrund offensichtlich als "nicht echte" Deutsche kennzeichnet. Immer mehr Menschen nehmen mittlerweile für sich in Anspruch, deutsch zu sein, auch wenn sie "anders" aussehen, "fremd" klingende Namen oder eine andere Religionszugehörigkeit haben. Trotzdem gehören die Menschen mit Migrationshintergrund im öffentlichen Bewusstsein eines Großteils der Bevölkerung noch immer "nicht richtig" dazu. Mit dem Wort Migration ist eine Neuzuwanderung verbunden, der Migrationshintergrund markiert daher seine Träger als tendenziell "neuer" als jene ohne und in der öffentlichen Wahrnehmung auch als tendenziell fremd, auch wenn sie die deutsche Staatsangehörigkeit in dritter und vierter Generation besitzen. "Wer irgendwo neu ist, sollte sich erst mal mit weniger zufrieden geben", sagen 53,7 Prozent der Bevölkerung laut der Studienreihe "Deutsche Zustände" vom Bielefelder Institut für Konflikt und Gewaltforschung (IKG).[4] Dabei bleibt offen, wie lange dieses "Neu-Sein" eigentlich Bestand hat und welche Effekte es für das Selbstverständnis als deutscher Staatsbürger mit sich bringt. Tatsächlich beschreibt das Wort Migrationshintergrund in seinem analytischen Kontext die Lebensrealität der Angesprochenen korrekter als nationale Kategorien wie etwa "Türke", "Spanier", "Chinesen", die nur eine einseitige Herkunftsverortung vornehmen. Es ist auch exakter als das Wort "Migrant" oder "Ausländer", da ersteres auf jene nicht zutrifft, die nicht aktiv zugewandert sind und letzteres jene falsch bezeichnet, die eine deutsche Staatsangehörigkeit haben.[5] Allerdings, so neutral der Begriff auch im Entstehungsmoment definiert wurde, verbindet sich mit ihm durch den öffentlichen Diskurs eine Bezeichnungspraxis, der eine soziale Praxis folgt, die vorwiegend Differenz-Momente hervorhebt und die in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem mit Defiziten und Problemen verbunden wird.

Fußnoten

4.
Die neuesten Forschungsergebnisse des IKG erscheinen im Dezember 2010. Die hier genannte Frage ist nach Aussagen des IKG nicht in der Druckausgabe enthalten. Konkrete Fragen dazu können an das IKG direkt gerichtet werden: ikg@uni-bielefeld.de. Für eine weitergehende Analyse vgl. Wilhelm Heitmeyer, Deutsche Zustände, Folge 8, Frankfurt/M. 2010.
5.
Von den 15,6 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund sind mehr als die Hälfte deutsche Staatsbürger (8,3 Millionen), und bei zwei Dritteln ist die Migration aktiv erlebt.