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8.11.2010 | Von:
Naika Foroutan

Neue Deutsche, Postmigranten und Bindungs-Identitäten. Wer gehört zum neuen Deutschland?

Zugehörigkeit, Angehörigkeit, Authentizität

Die Zugehörigkeit zu Deutschland definiert sich jedoch nicht nur über die eigene Fähigkeit zur Identifikation mit dem Mehrheitskollektiv, sondern auch über den Grad und die Häufigkeit der Anerkennung durch eben jenes. Erst diese erlaubt eine Identifikation im Sinne der Angehörigkeit. Und erst der Dreiklang von Anerkennung, fragloser Zugehörigkeit und Angehörigkeit lässt einen glaubwürdigen, authentischen Moment von "Deutschsein" entstehen.[10]

Dabei stellen gerade in Einwanderungsgesellschaften statische Ansichten auf identitäre Kernnarrationen wie Kultur oder Nation Exklusionsmechanismen her, deren Überwindung für die soziale Kohäsion solcher Patchwork-Gesellschaften notwendig ist. Gerade im Falle Deutschlands stellen sich hierbei multiple Überwindungshürden auf. Während die deutsche Identität als etwas Exklusives angeboten wird, dessen Erlangung mit Hürden wie Sprachkompetenz, Landeskunde und Absage an ehemalige Herkunftsländer verbunden wird, ist nach Erlangung dieses "Ritterschlags" weder die Anerkennung durch die autochthone Gesellschaft noch eine authentische Verbundenheit mit dieser nationalen Identität gewährleistet. Dies ist auch eine Erklärung dafür, warum viele der Menschen mit Migrationshintergrund bei der Frage nach ihrer Zugehörigkeit problemlos die Stadt nennen, aus der sie kommen. Ihre Selbstbezeichnung als Berliner, Hamburger oder Schwabe sehen sie als faktisch und authentisch an, während sie die Selbstbezeichnung als "Deutsche" eher als Konstruktion oder künstlich empfinden, da sie diese immer erklären müssen.

Die Selbstbezeichnung muss mit der Fremdzuschreibung korrespondieren, sonst entstehen Unschlüssigkeiten in der personalen Identität. Wenn eine Person, die phänotypisch als asiatisch, arabisch oder afrikanisch markiert wird, in ihrer eigenen Wahrnehmung deutsch ist, gelingt ihr die Selbstbezeichnung als "Deutsche" gegenüber der Mehrheitsgesellschaft immer nur mit einer anhängenden Erklärung: "Ich bin deutsch, aber mein Großvater kam aus Marokko." Es ist die fraglose Zugehörigkeit und somit die Authentizität (im Sinne von Echtheit und Glaubwürdigkeit), die jenen Menschen mit Migrationshintergrund verwehrt wird, die durch äußere Zuschreibung zunächst als nicht-deutsch gesehen werden - was immer "Deutschsein" heutzutage auch sein mag - und die zu unterschiedlichen Reaktionsmechanismen bei diesen Menschen führt: von Rückzug und Apathie über Wut und Aggression bis hin zu Trotz und selbstbewusster Einforderung von Teilhabe.

Zumindest das Bezeichnungsdilemma könnte in Anlehnung an die im angloamerikanischen Raum etablierte Bezeichnungspraxis der hyphenated identities [11] (Bindestrich-Identitäten) aufgefangen werden, indem durch eine affirmative Nennung der multiple Herkunftskontext benannt wird: Diese können auch als Bindungs-Identitäten bezeichnet werden, da sie eine wie auch immer geartete emotionale oder staatsbürgerliche Bindung an bestimmte Herkunftskontexte signalisieren. Bindungs-Identitäten wie Deutsch-Türken oder Türkei-Deutsche, Deutsch-Russen oder Russland-Deutsche würden den Deutsch-Deutschen die Möglichkeit geben, Unsicherheiten in der Nennung zu umgehen, aber auch dem Nenner den deskriptiven Zugang zu seinen multiplen Erfahrungskontexten in der Selbstbezeichnung erleichtern und die stete Erklärung ersparen. Dabei kann die Positionierung der Herkunftsländer verdeutlichen, welcher Zustand der Herkunftsbezogenheit vorliegt. Da die Wortbildungsregeln der deutschen Sprache besagen, dass bei Zusammensetzungen das am Ende stehende Wort die wesentliche Bedeutung trägt, würde die Bezeichnung Türkei-Deutsche eine Person beschreiben, die sich als deutsch sieht und die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, aber gleichzeitig einen türkischen Migrationshintergrund hat. Umgekehrt würde der Begriff Deutsch-Türke signalisieren, dass die Person sich als türkisch, aber in Deutschland lebend bezeichnet. Schwieriger wird es bei nicht erprobten Bindestrich-Identitäten: Während die Bezeichnung Deutsch-Iranerin noch recht flüssig klingt, hört sich Iran-Deutsche etwas holprig an, desgleichen gilt für Deutsch-Spanier und Spanien-Deutscher.

In Zeiten sich ständig bereichernder Wortschätze darf man die Fähigkeit der Etablierung von Bezeichnungen nicht unterschätzen. Auch das Wort Migrationshintergrund war vor fünf Jahren noch neu, obwohl es wesentlich sperriger als Türkei-Deutscher oder Libanon-Deutsche klingt. Hier liegt es auch an Signalen aus der autochthonen Gesellschaft, die Öffnung der Begrifflichkeit für ein "Deutschsein" zu ermöglichen, dass multiple Zuschreibungsmomente normalisiert. Vor allem muss der Moment der Bindung zur (neuen) Heimat erleichtert und beidseitig internalisiert werden - er muss irgendwann authentisch werden. Es ist an der Zeit, eine Bezeichnungspraxis zu etablieren, welche die hybride Alltagsrealität nicht nur von Menschen mit Migrationshintergrund, sondern auch eines immer größer werdenden Teils der globalisierten deutsch-deutschen Bevölkerung erfasst.

Fußnoten

10.
Vgl. Heiner Keupp, Identitätskonstruktionen: Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne, Reinbek 2008.
11.
Vgl. Michael Walzer, Über Toleranz: Über die Zivilisierung der Differenz, Hamburg 1998, S. 131ff.