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8.11.2010 | Von:
Naika Foroutan

Neue Deutsche, Postmigranten und Bindungs-Identitäten. Wer gehört zum neuen Deutschland?

Wer sind die Neuen Deutschen?

Die Bezeichnung "Neue Deutsche" könnte in diesem Kontext zunächst einmal als Beschreibungsangebot dienen für jene Menschen, die über eine deutsche Staatsbürgerschaft und einen Migrationshintergrund verfügen.[12] So liest man immer wieder in Interviews mit postmigrantischen Künstlern diese lapidar formulierte Selbstbeschreibung: "Wir sind nicht mehr die Türken, die Araber, die Afrikaner, die unsere Eltern vielleicht waren. Wir sind die neuen Deutschen."[13] Songs von postmigrantischen deutschen Rappern verweisen auf die Dilemmata, aber vor allem die Ressourcen der mehrkulturell orientierten Jugendlichen und ihr innovatives Potenzial für die kulturelle Entwicklung der Gesellschaft.[14] Sie heben damit das emanzipatorische Moment der hybriden Lebensführung einer Generation hervor, die mit ihren eigenen Selbstentwürfen der Gesellschaft längst vorlebt, was die Öffentlichkeit noch diskutiert. Aber auch für den Fußball scheint die Bezeichnung "Neue Deutsche" zu greifen. Ebenso ist er bereits in einigen Blogs zu finden.[15]

Das zentrale Dilemma des Begriffes ist jedoch, dass er, wenn er nur für Menschen mit Migrationshintergrund etabliert oder mit Zuwanderung assoziiert wird, selbst wiederum eine Differenzmarkierung vornimmt, weil er die diskursive Trennungslinie zwischen multiethnischen und monoethnischen Bürgern Deutschlands reproduziert. Weiterhin macht er einen Unterschied zwischen jenen Einwohnern mit Migrationshintergrund, die einen deutschen Pass haben, und jenen, die die deutsche Staatsbürgerschaft nicht besitzen.

Unvermeidlich ist bei der Nennung des Begriffs "Neue Deutsche" auch die Frage danach, wer die "alten" Deutschen seien. In Anlehnung an die Untersuchungen des IKG könnte hier der Begriff der "alteingesessenen Deutschen", die für sich Etabliertenvorrechte reklamieren, aufgegriffen werden: "Etabliertenvorrechte umfassen die von Alteingesessenen gleich welcher Herkunft beanspruchten Vorrangstellungen, die gleiche Rechte vorenthalten und somit die Gleichwertigkeit unterschiedlicher Gruppen verletzen."[16] Trotzdem erscheint die Trennung in "neue" versus "alte" Deutsche entlang ethnischer oder kultureller Markierungen oder dem Kriterium der Zuwanderung kulturalisierend. Man könnte die ethnische Differenzmarkierung des Begriffes auch entschärfen, indem die Bezeichnung "Neue Deutsche" für jene Generation herangezogen wird, die vorrangig nach dem Mauerfall im wiedervereinten Deutschland sozialisiert wurde. Die "Neuen Deutschen" wären demnach eine neue Generation von Deutschen.[17] Dann jedoch würde eine Grenzmarkierung zwischen jung und alt gesetzt, was auch eine Verkürzung wäre.

Denkbar wäre es daher, die "Neuen Deutschen" einer Ideenwelt zuzuordnen - einer Betrachtungsweise, die mit einem neuen Blickwinkel einhergeht: Deutschland als Einwanderungsland, global player, politisch normativer Friedensakteur. Das postmoderne Deutschland als plurales, multiethnisches, vielfältiges Bürgerland. In diesem Sinne wären die "Neuen Deutschen" die Bürger eines hybriden, neuen Deutschland, das es in seiner heterogenen Komposition schon längst gibt. Die Trennlinie würde entlang einer Haltung und Einstellung verlaufen. Hier wäre der Begriff in einer gesellschaftspolitischen Arena eingebettet und könnte als ein postmodernes Konstrukt verstanden werden, um Identitätsbildungsprozesse als prinzipielle Inklusionsprozesse zu verstehen. Er könnte verdeutlichen, dass die ehedem ethno-kulturellen Zuschreibungskriterien für "deutsch" nicht die reale Bevölkerungsstruktur und Zusammensetzung des Landes widerspiegeln, sondern auf essenzialisierenden Konstruktionen von Kultur, Nation und Ethnie beruhen. Damit wären noch immer nicht die strukturellen Probleme eines postmodernen Einwanderungslandes gelöst. Es wird weiterhin Bildungsproblematik, Sozialtransfers und Kriminalität in Deutschland geben. Nur wenn die Zugehörigkeit nicht mehr in Frage steht, können diese Probleme in Abhängigkeit von Sozialstrukturen diskutiert werden und nicht in Verbindung mit der ethnisierenden oder kulturalisierenden Frage nach deutsch oder nicht-deutsch? "Wenn jemand 'dazugehört', kann dieser Jemand übrigens durchaus Probleme bereiten. Auch die Insassen der Strafanstalten, jedweder Konfession, gehören zu Deutschland, die Junkies gehören zu Deutschland, die Bettler, die Buddhisten, die Millionäre und die Stripperinnen. Angela Merkel ist auch die Kanzlerin der Alkoholiker, der Exhibitionisten und der Bettnässer, oder wollen wir die alle ausbürgern? Will allen Ernstes irgendwer Leute mit deutschem Pass zu Deutschen zweiter Klasse erklären, nur, weil sie die falsche Religion haben?"[18]

Die Idee, Deutschland neu zu denken, ist weder häretisch, noch führt sie dazu, dass das Land sich abschafft. Vielmehr reiht sich dieser Gedanke in vielfältige Visionen ein, die mit der Idee Deutschlands einhergehen: Deutschland war im kühnsten Moment seiner Entstehung eine politische Vision, eine politisch weltoffene Idee, die nicht an ethnische Herkunft und Exklusivität gebunden war. In der Debatte über Grundrechte in der Frankfurter Paulskirchenverfassung erklärte der Berliner Abgeordnete Wilhelm Jordan: "Jeder ist ein Deutscher, der auf dem deutschen Gebiet wohnt (...) die Nationalität ist nicht mehr bestimmt durch die Abstammung und die Sprache, sondern ganz einfach bestimmt durch den politischen Organismus, durch den Staat. Das Wort 'Deutschland' wird fortan ein politischer Begriff."[19] Die nationale Identität basierte nicht auf ethnischen oder kulturellen Merkmalen. Wie in Preußen auch, galt ein territorialer Bezugsrahmen: Die legitimen Einwohner Preußens waren deutsch-, polnisch-, litauisch-, sorbisch- oder französischsprechend. Es gab weder eine ethnische Konstruktion von Zugehörigkeit noch eine sprachliche Einheit, obwohl August Wilhelm von Schlegel und Johann Gottlieb Fichte den Versuch unternommen hatten, die Sprache als Kategorie natürlicher geistiger Vergemeinschaftung zu etablieren.[20] Auch Johann Gottfried Herder sah in der gemeinsamen Sprache die Möglichkeit, eine Gemeinschaft zu konstituieren, die der deutschen Nation eine Existenz jenseits der Schaffung eines staatlichen Rahmens ermöglichen sollte. Die deutsche Gemeinschaftsbildung sollte über eine gemeinsame Kultur erfolgen. Dieser Gedanke war zwar kulturell exklusiv, erlaubte aber eine über die Staatengrenze hinausgehende identitäre Verbundenheit mit späteren deutschsprachigen Nationen. Dennoch: Die Suche nach dem, was letztlich das Deutschsein definierte, kulminierte in rassischen und genetischen Definitionen und erschwerte somit den Zugang zu dieser Frage nachhaltig.

Die nicht zu greifende "deutsche Leitkultur" wird in Zeiten der gesellschaftlichen Verunsicherung durch Finanzkrise, Arbeitsplatzverlust und demografischen Wandel immer häufiger herbeigesehnt, das wenigstens eine identitäre Konstante darstellen könnte - als letzte vermeintlich stabile Ressource. Leider lässt sie sich in ihrer fundamentalen "Luftigkeit" nur greifen anhand der Markierung jener, die scheinbar nicht dazugehören. Wenn heutzutage schon Homo-Ehe und Patchwork-Familien in die deutsche Leitkultur integriert werden müssen, dann bitte nicht noch den Islam.

Fußnoten

12.
Vgl. Tanja Wunderlich, Die neuen Deutschen - Subjektive Dimensionen des Einbürgerungsprozesses, Stuttgart 2005.
13.
So Rapper Harris in einem Interview mit dem Stern am 8.10.2010.
14.
Vgl. Sammy de Luxe mit "Dis wo ich herkomm" oder Blumio mit "Hey Mr. Nazi".
15.
Vgl. http://dieneuendeutschen.wordpress.com/(21.10.2010).
16.
www.uni-bielefeld.de/ikg/gmf/einstellungen.html (21.10.2010). Diese Bezeichnung trifft auf etwa 53 Prozent der "alten" Deutschen zumindest hinsichtlich der Einstellung zu, dass bei der Verteilung von Gütern - finanzieller und ideeller Natur - den Neuhinzugezogenen weniger zustehe, als jenen, die schon länger hier sind.
17.
Vgl. Alexander Smoltczyk, Moral: Die neuen Deutschen, in: Spiegel online, 23.8.2010, online: www.spiegel.de/spiegel/a-713293.html (20.10.2010).
18.
Ironisch, aber treffend: Harald Martenstein, Länder verändern sich, in: Der Tagesspiegel vom 17.10.2010.
19.
Franz Wigard, Stenographischer Bericht über die Verhandlungen der deutschen constituierenden Nationalversammlung zu Frankfurt am Main, Frankfurt/M. 1848/1849, S. 737.
20.
Vgl. Stefan Reiss, Fichtes "Reden an die deutsche Nation" oder "Vom Ich zum Wir", Berlin 2006, S. 124.