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8.11.2010 | Von:
Isabel Sievers
Hartmut M. Griese

Bildungs- und Berufsbiografien erfolgreicher Transmigranten

Gesellschafts- und migrationspolitische Konsequenzen

Migration wird weiterhin einen starken Einfluss auf die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft haben, und Transmigranten werden zukünftig, vor allem unter akademischen und qualifizierten Ausgebildeten, zunehmen. Auch unsere Ergebnisse zeigen, dass es einerseits weltwirtschaftliche Veränderungen, Globalisierung und die sich anpassende Organisation international agierender Unternehmen sind, die sich auf Migrationsverhalten von Bildungserfolgreichen auswirken, andererseits ist es aber auch die Art und Weise, wie eine Gesellschaft mit ihren Mitgliedern und in diesem Fall ihren hochqualifizierten Mitgliedern "mit Migrationshintergrund" umgeht. Wenn diese sich nicht ausreichend anerkannt sehen, kann dies ebenfalls zu einer (vorübergehenden) Auswanderung führen. Experten rechnen sogar mit einer anhaltenden Fluktuation unter den Zugewanderten. Mitverantwortlich hierfür ist, dass die Attraktivität Deutschlands für besser qualifizierte Neuzuwanderer geringer ist als in vergleichbaren Staaten. Angesichts dessen sollten Politik und Wirtschaft ihre Praktiken in Bezug auf Anwerbung und Einwanderung überdenken.

Mit der Transmigration treten die bisher vorherrschenden Fragestellungen um das Thema Integration in den Hintergrund. Denn wenn Migration zum "Normalfall" der Geschichte - nicht nur in Deutschland - geworden ist, wenn Transmigration in bestimmten Sektoren eine unausbleibliche Folge wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Globalisierung ist, wenn "ungenutzte Potenziale" in Deutschland bei vielen Migranten konstatiert werden, dann müssen auch die rechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden, um der gesellschaftlichen und ökonomischen Realität Rechnung zu tragen. Das sind nicht nur erleichterte Einreisebedingungen für Hochqualifizierte und die Anerkennung ihrer Diplome und Zertifikate, sondern vor allem die rechtlichen Bedingungen für bereits im Land lebende Migranten, die sich qualifizieren. Die erleichterte Einbürgerung von lange Jahre in Deutschland lebenden Migranten via doppelter Staatsbürgerschaft wäre ein Weg, (Hoch-)Qualifizierte im Lande zu halten. Zwar führt "nicht allein die Hinnahme der doppelten Staatsbürgerschaft zu gesellschaftlicher Inklusion", dennoch dürfte sie "der Entwicklung einer allgemeinen Einwanderungsmentalität (dienen), die sich durch die Akzeptanz gemischt-kultureller Identitäten und einen grundsätzlichen Inklusionswillen auszeichnet".[18] Viele Probleme und Barrieren hinsichtlich der ökonomisch erforderlichen und politisch geforderten Zuwachsrate an "Humankapital"[19] könnten durch gezielte "(Früh-)Förderung" im Bildungssystem und administrative "Anerkennung" (auch "symbolische") der Abschlüsse auf dem Arbeitsmarkt und im Berufsleben gelöst werden. Im eigenen Interesse müsste in Deutschland politisch-juristisch gegen eine "Dequalifizierung" durch unterqualifizierte Arbeit von qualifizierten Migranten vorgegangen werden.

Fußnoten

18.
Daniel Naujoks, Die doppelte Staatsbürgerschaft, in: focus Migration, (2009) 14, S. 8.
19.
Der Terminus avancierte gar zum "Unwort des Jahres", da er Menschen auf ihre Verwertbarkeit und Arbeitskraft reduziert.