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8.11.2010 | Von:
Isabel Sievers
Hartmut M. Griese

Bildungs- und Berufsbiografien erfolgreicher Transmigranten

Konsequenzen für die erziehungs- und sozialwissenschaftliche Diskussion

Die Frage nach bildungspolitischen und pädagogischen Konsequenzen stellt sich umso nachdrücklicher, weil die oben präsentierte Studie auf die Generierung von Kriterien und Inhaltsaspekten zur Überwindung von Bildungsbenachteiligungen und gesellschaftlichen Partizipationsdefiziten für die große Zahl von Migranten gerichtet und nicht einer Eliteforschung zuzuordnen ist. Bei der Auseinandersetzung mit der Bildungssituation von Schülern "mit Migrationshintergrund" herrscht beispielsweise immer noch ein relativ traditionelles Modell von Migration vor. Dieses ist mit der Unterstellung verbunden, dass es sich in der Regel um einen unidirektionalen Prozess handelt: "Auswanderung - Einwanderung - Integration am neuen Lebensort nach ein oder zwei 'Generationen'".[20] Diese Form der Migration bleibt hinter der Komplexität des tatsächlichen Migrationsgeschehens zurück. Voraussetzung für eine Auseinandersetzung mit neuen Migrationsphänomenen ist insbesondere eine kritische Reflexion der sozial- und erziehungswissenschaftlichen Theoriediskussion um "Migration und Bildung" mit dem Ziel, kulturalistische und ethnozentrische Defizit- und Problemperspektiven zu überschreiten. Ein statischer, national orientierter Migrations- und Kulturbegriff muss aufgegeben werden und die Orientierung am Individuum als handelndes Subjekt an Bedeutung gewinnen.

Ein weiterer zu diskutierender Aspekt sind die mehrsprachigen Kompetenzen bildungserfolgreicher Transmigranten. Welche Auswirkungen hat Transmigration zukünftig auf die Diskussion um die Förderung von Mehrsprachigkeit beziehungsweise die sogenannte Zweisprachigkeitsdebatte, wie sie aktuell unter anderem in Deutschland geführt wird? Ingrid Gogolin und Ludgar Pries konnten zeigen, dass der Bereich der sprachlichen Lebensgestaltung zu den ersten Feldern gehörte, in denen aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive das Konzept der Transmigration beachtet wurde.[21] Ausschlaggebend hierfür seien die Beobachtungen und Erkenntnisse, dass die Vitalität von Herkunftssprachen von Migranten auch in den nachfolgenden Generationen nicht nachlässt. Verschiedene Studien ergaben, dass Herkunftssprache und Mehrheitssprache keineswegs in einer konkurrierenden Beziehung gesehen wurden.[22] Die bisherigen dichotomen Kategorien von Sprachpraxis "Deutsch oder Sprache der Familie", "Deutschland oder Herkunftsland" entsprechen nicht mehr der Komplexität der aktuellen Praktiken. Forschungsergebnisse wie die oben genannten stützen die Bedeutung einer differenzierten Betrachtung von Migrationstypen für die Erziehungs- und Sprachwissenschaft.

Fußnoten

20.
Ingrid Gogolin/Ludger Pries, Stichwort: Transmigration und Bildung, Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, (2004) 1.
21.
Vgl. ebd., S. 13.
22.
Vgl. z.B. Sara Fürstenau/Ingrid Gogolin/Kutlay Yamur (Hrsg.), Mehrsprachigkeit in Hamburg. Ergebnisse einer Sprachenerhebung an den Grundschulen in Hamburg, Münster et al. 2003.