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8.11.2010 | Von:
Isabel Sievers
Hartmut M. Griese

Bildungs- und Berufsbiografien erfolgreicher Transmigranten

Exkurs: Das Konstrukt "Menschen mit Migrationshintergrund"

In der politisch-medial-öffentlichen sowie in der wissenschaftlichen und pädagogischen Diskussion hat sich seit einigen Jahren der Terminus "Menschen mit Migrationshintergrund" etabliert und wird in der Regel diskussions- und kritiklos als (optimale) Bezeichnung für eine bestimmte Menschengruppe in unserer Gesellschaft verwendet, konkret für all diejenigen, die nach 1950 eingewandert oder Kinder von Eltern sind, von denen mindestens eine oder einer im Ausland geboren ist. Dieser statistisch durchaus sinnvolle, aber nur scheinbar wertfreie Begriff hat jedoch seine Tücken, auf die im Sinne einer steten Verbesserung der Terminologie für eine immer adäquatere Beschreibung, Erklärung und Verstehen der sozialen Wirklichkeit hingewiesen werden muss. Der Begriff schreibt den problematischen Dualismus im Alltags- und wohl auch Wissenschaftsverständnis ("Wir und die Anderen", "Einheimische und Ausländer") fest, indem er die Bevölkerung wiederum in zwei unterschiedliche und voneinander abweichende Gruppen teilt, wobei jede auch noch so gut gemeinte Abgrenzung immer auch eine Form von Ausgrenzung impliziert. Wenn man bedenkt, dass "neue Begriffe (immer) der Ordnung des Sozialen" dienen und gesellschaftliche Wirklichkeit mit konstruieren, dann liegt im Konstrukt "Menschen mit Migrationshintergrund" durchaus ein Terminus vor, der auch angesichts des realen Wandels der Gesellschaft immer auch den Wandel des Bewusstseins der Bevölkerung beeinflusst.[23]

Angesichts der Heterogenität und Differenziertheit der Migrationsprozesse und der Migranten verbietet es sich, diese Gruppen mit einem Terminus beschreiben beziehungsweise benennen zu wollen. "Migrationshintergrund" ist mit Blick auf die Vielfalt und Komplexität der Merkmale eines Menschen nur ein Attribut von vielen; es reduziert individuelle Komplexität und Einmaligkeit in wissenschaftlich inadäquater und politisch-moralisch unverantwortlicher Weise. Wir haben es mit äußerst differenzierten Einwanderungsgruppen zu unterschiedlichen Zeiten, mit gänzlich verschiedenen Motivlagen, Interessen und biographisch-familiären Erfahrungen sowie (ökonomischer, kultureller und sozialer) Kapitalausstattungen zu tun, wovon über die Hälfte dieser "Menschen mit Migrationshintergrund" die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hat. "Das größte Risiko", so Franz Hamburger, "für Kinder und Jugendliche 'mit Migrationshintergrund' ist, als solche identifiziert zu werden. Sie werden dabei als verschieden, 'anders' wahrgenommen, einer Kategorie zugeordnet und zukünftig nur noch - oder: vor allem - als Angehörige dieser Kategorie behandelt".[24] Dieses Typisieren entspricht genau dem, was in der Soziologie Stigmatisierung genannt wird, eine "Vorenthaltung des Subjektstatus". Es spricht vieles dafür, zukünftig auf das Attribut "m. MH" - zumindest in der wissenschaftlichen Analyse und Diskussion - zu verzichten und statt dessen, im Sinne des intersectionality approach,[25] stets die Vielzahl der relevanten Merkmale (class/Milieu - race/Ethnie - Gender - Religion - Region - Generation etc.) sowie in der Bildungsdebatte vor allem die Kapitalausstattung der Individuen und ihrer (Herkunfts-)Familien zu bedenken und zu reflektieren.

Es ist deutlich geworden, dass zukünftig junge Menschen mit hochqualifizierten akademischen Kompetenzen und Ressourcen in Gesellschaften und Wirtschaftssystemen wie Deutschland vermehrt benötigt werden, und dass ein großes Potenzial dafür in den Kindern und Enkelkindern der Einwanderer zu finden ist - allerdings nur, wenn unsere Gesellschaft sich ihnen gegenüber öffnet und ihnen gleiche Bildungschancen offeriert. Dass dies möglich ist, wenn auch oft gegen Widerstände (pädagogische Vorurteile, personale und institutionelle Diskriminierungen), aber vor allem auf der Basis von (individuellen) Förderungen durch signifikante Andere wie Eltern, Lehrkräfte, Bezugspersonen und Vorbilder ("Lasso-Effekt"), zeigt unsere Studie zu bildungserfolgreichen Transmigrantinnen und Transmigranten. Transmigration ist das Ergebnis einer veränderten Lebenswirklichkeit für eine wachsende Zahl von jungen Menschen, insbesondere von hochqualifizierten bildungserfolgreichen Migrantinnen und Migranten.

Fußnoten

23.
Vgl. Franz Hamburger, Differenzierung der Migration, in: Migration und Soziale Arbeit, (2008) 2, S. 92-100, hier: S. 92.
24.
Ebd., S. 99.
25.
Vgl. Nina Degele/Gabriele Winkler, Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten, Bielefeld 2009.