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8.11.2010 | Von:
Michael Bommes

Kommunen: Moderatoren im Prozess der sozialen Integration?

Moderatoren der Integration

Mit ihrer veränderten integrationspolitischen Stellung fällt den Kommunen in Prozessen sozialer Integration eine Moderatorenrolle im dem Sinne zu, dass sie diese Prozesse durch lokalspezifisch zugeschnittene Wirtschaftsförderungspolitik, kommunales (Aus)Bildungsmanagement, adressatenspezifische Wohn- und Stadtteilpolitik sowie durch ihre Einwohner engagierende Formen der politischen Beteiligung vermitteln und fördern können. In diesen Zusammenhang gehören auch ihre Bemühungen um die "interkulturelle Öffnung" der Verwaltungen sowie die in vielen Kommunen verankerten Integrationslotsenprojekte, die auf den Einbezug von Migranten in kommunale Anstrengungen der Erhöhung des lokalen Integrationspotenzials zielen.

Die in vielen Städten und Gemeinden begonnene Neusichtung ihrer seit den 1980er Jahren meist unkoordiniert aufgebauten kommunalpolitischen Integrationsinfrastruktur eröffnet ihnen die Möglichkeit, diese mit den politisch neu hinzugewonnenen, finanziellen und rechtlichen Optionen zu verknüpfen und entsprechend mit dem Ziel der Steigerung des lokalen Integrationspotenzials zu reorganisieren. Es existiert heute nicht zuletzt aufgrund entsprechender Wettbewerbe wie "Erfolgreiche Integration ist kein Zufall" kaum noch eine von Zuwanderung betroffene Gemeinde in Deutschland, in der Integration nicht als regulärer Gegenstand auch kommunaler Politik begriffen wird.

Kommunen können sich ein sehr detailliertes Bild über die Integration von Migranten in dem oben erläuterten Sinne verschaffen. Dies betrifft die Wanderungsgeschichte und die Generationenverhältnisse in den Familien, ihre Wohn- und Infrastrukturverhältnisse, die Bildungs- und Arbeitsmarktbeteiligung oder die Zahl und Struktur von Vereinen. Voraussetzung und Grundlage jeder Integrationspolitik ist der Aufbau einer entsprechenden lokalen Integrationsberichterstattung. Dies erst erlaubt die kontinuierliche Erfassung eben jener Konstellationen mehrfacher Überlagerungen von differenten Integrationsherausforderungen, die sich in den Familien ihren Mitgliedern stellen, ihr Zusammenspiel zu begreifen und je ressortspezifisch zur Geltung zu bringen. Die veränderte Stellung der Kommunen erlaubt ihnen nunmehr, die Frage der Integration auch dort wirksam zum Thema zu machen, wo sie keine unmittelbare Zuständigkeit, aber dennoch Einfluss haben.

Der in der gegenwärtigen Bildungsdiskussion vielbeachtete Bereich der vorschulischen Erziehung liegt aus historischen Gründen in kommunaler Zuständigkeit. Neben dem Ziel des Ausbaus des Kindergartens zu einer regulären vorschulischen Erziehungseinrichtung bemühen sich Kommunen und Länder um die verstärkte Fortbildung der Erzieherinnen in den Bereichen Sprachvermittlung und Interkulturalität. Dabei kommt den Kommunen aufgrund des ihnen eigenen lokalspezifischen Wissens und der Trägerschaft der Einrichtungen die Rolle zu, in der Neuausrichtung dieses Bereichs die Frage der Integration, des frühzeitigen und bedarfsgerechten Einbezugs von Migrantenkindern, zur Geltung zu bringen. Die für Integrationserfolge höchst bedeutsame Inanspruchnahme vorschulischer Erziehung kann jedoch nur bei einer frühzeitigen Adressierung der Eltern gelingen.

Trotz der Zuständigkeit der Länder für die Schulen besitzen die Kommunen als Schulträger auch angesichts nachdrücklicher Forderungen einer stärkeren Einbettung der Schulen in das kommunale soziale Umfeld Einfluss. In diesem Zusammenhang haben Kommunen die Möglichkeit, durch ein regelmäßiges Bildungsmonitoring sich verfestigende Problemlagen zu identifizieren und sich abzeichnende Abwärtsdynamiken zu unterbrechen. Bildungserfolg und -misserfolg gehen ganz wesentlich aus den nicht-intendierten Effekten des Zusammenspiels zwischen Elternhaus, Schule und Kommunen als Schulträgern hervor und führen vielfach zu sich stabilisierenden Arbeitsteilungen zwischen Schulen, in denen die einen für die Bildung der Erfolgreichen und die anderen für die Betreuung der "Bildungsversager" zuständig sind. Kommunen als Moderatoren können solche integrationspolitisch kontraproduktiven Arrangements thematisieren und für die Suche nach Auswegen sowohl Schulen als auch Eltern mobilisieren.

Die Bedeutung der beruflichen Ausbildung für soziale Integrationsprozesse ist kaum zu überschätzen. Ein eingeschränkter Zugang von Migrantenjugendlichen zu beruflicher Ausbildung lässt sich nicht ausschließlich auf nicht vorhandene schulische Voraussetzungen zurückführen. Neben einer nicht hinreichend differenzierten Berufsorientierung aufgrund fehlenden Wissens der Jugendlichen und ihrer Eltern sind auch ihr begrenzter Zugang zu den Entscheidernetzwerken, ihre mangelnde Berücksichtigung im Relevanzhorizont von Entscheidern sowie Vorurteile ausschlaggebend.[3] Kommunen können diesen Sachverhalt nicht nur transparent machen; sie können auch regelmäßig auf lokale Unternehmen einwirken, Migrantenjugendliche stärker zu berücksichtigen. Dies wird umso überzeugender gelingen, wie eine solche Aufmerksamkeit zur Grundlage der eigenen kommunalen Einstellungspraxis gemacht wird.

Vergleichbare kommunale Möglichkeiten bestehen im Bereich von Weiterbildung und Beschäftigung, nicht zuletzt aufgrund der jüngsten Selbstverpflichtungen der BA zu einer stärkeren Berücksichtigung von Migranten in ihren Förderprogrammen. Mit Bezug auf die zweite Generation können Kommunen aufgrund ihres über die ARGEn gewonnenen Einflusses insbesondere das Augenmerk auf den Bedarf einer beruflichen (Nach-)Qualifizierung junger Erwachsener richten und auf entsprechende Anstrengungen drängen, um in dieser Weise eine Stabilisierung ihrer Beschäftigungssituation zu befördern.

Schließlich gibt es inzwischen in einigen Ländern und Kommunen Bestrebungen, die Beziehungen zu islamischen Gemeinden zu verstetigen und diese in das kommunale Geschehen einzubeziehen.[4] Dies soll muslimischen Migranten den Aufbau einer angemessenen religiösen Infrastruktur ermöglichen und die Akzeptanz islamischer Gemeinden im religiösen Spektrum einer Kommune signalisieren. Zugleich kann eine Grundlage bei den Migrantenfamilien dafür geschaffen werden kann, dass sie sich mehr und mehr als Bürger ihrer Kommunen begreifen lernen.

Fußnoten

3.
Vgl. Mona Granato, Berufliche Ausbildung und Lehrstellenmarkt: Chancengerechtigkeit für Jugendliche mit Migrationshintergrund verwirklichen, WISO-direkt, September 2007.
4.
Vgl. Hansjörg Schmid/Aye Almla Akca/Klaus Barwig, Gesellschaft gemeinsam gestalten. Islamische Vereinigungen als Partner in Baden-Württemberg, Baden-Baden 2008.